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Aus: Ausgabe vom 26.11.2020, Seite 15 / Medien
Abhängige Medien

Schöne Berichterstattung

Britische Studie: Banken finanzieren Zeitungsverlage und beeinflussen so deren journalistische Inhalte
Von Steffen Stierle
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Studie verschafft dem Bild von der angeblich »freien Presse« wieder einen Kratzer

Auflagen sinken, der Vertrieb wird immer teurer, und der Anzeigenmarkt stagniert. Die Zeitungsbranche steht unter gewaltigem Druck. Der Wandel lässt sich auch an den Bilanzen der auf diesem Sektor aktiven Verlage ablesen: Das Eigenkapital schmilzt dahin, externe Kapitalgeber werden immer bedeutender. Doch damit steigt ihr Einfluss auf die Berichterstattung. Die Finanzwelt weiß das zu nutzen, wie eine Studie des britischen Centre for Economic Policy Reasearch (CEPR) vom September zeigt.

Die Autoren untersuchen die Auswirkungen von Bankkrediten auf die Berichterstattung wichtiger Zeitungen über ihre Geldgeber. Im Fokus standen dabei die Verbindungen zwischen 36 europäischen Großbanken und zwanzig kreditnehmenden Massen- und Wirtschaftszeitungen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Tausende Artikel wurden daraufhin untersucht, welchen Unterschied es für die Berichterstattung macht, ob die entsprechende Zeitung von der Bank, über die sie gerade schreibt, finanziert wird. Das Ergebnis: Der Unterschied ist gravierend.

So zeigt die Auswertung der Ökonomen Ruben Durante, Andrea Fabiani und José Luis Peydró etwa, dass die Zeitungen vor allem dann häufiger über Quartalszahlen ihrer Gläubiger als über jene anderer Geldhäuser berichten, wenn diese gut aussehen. Zudem fällt die Berichterstattung über die Geldgeber meist ausführlicher aus, wenn es positive wirtschaftliche Entwicklungen zu verkünden gibt, während ansonsten die Berichte gemeinhin dann länger werden, wenn es schlechte Zahlen zu vermelden gibt. Und je dünner die Kapitaldecke der Zeitungen wird, je abhängiger sie also von Krediten sind, desto stärker fällt die Bevorzugung der eigenen Geldgeber aus. Das gilt, so heißt es in der Analyse, sowohl für allgemeine Zeitungen als auch für fachspezifische Wirtschaftsblätter.

Über die Berichterstattung zu den Bankbilanzen hinaus wurde auch jene zur Euro-Krise vor zehn Jahren untersucht. Damals standen insbesondere deutsche und französische Großbanken in der Kritik, nachdem sie sich in großem Stil mit waghalsigen Investments in Südeuropa verzockt hatten und sich dann mit Milliardenpaketen von den Steuerzahlern »retten« ließen. Führende Politiker tönten seinerzeit, die großen Finanzinstitute müssten zerschlagen und strenger reguliert werden. Nie wieder »too big to fail« war die Losung.

Die Lage muss damals in den Chefetagen der Zockerbuden also durchaus als bedrohlich wahrgenommen worden sein. Umso größer schien die Sehnsucht nach positiver Presse zu sein. Zu finden war diese vor allem in jenen Blättern, die besonders abhängig von der Kreditvergabe der Banken waren. So heißt es im Fazit der Studie, dass »Zeitungen mit engeren Kreditbeziehungen zu Banken, die stark in Staatsanleihen investiert haben, die unter Druck standen, seltener den Finanzsektor für die Krise verantwortlich machen oder eine Umschuldung zu Lasten der Banken forderten«.

Letztlich wurden die Großbanken mit öffentlichem Geld soweit saniert, dass sie weitermachen konnten. Zu Verkleinerungen kam es nicht, ebensowenig zu einer nennenswerten Regulierung. Lediglich die Eigenkapitalbasis – und die Bewertung an der Börse – waren bei vielen Instituten schlechter als vor der Krise.

Seither hat sich der Diskurs komplett verändert: Längst wird das Narrativ verbreitet, der Euro-Finanzmarkt müsse weiter liberalisiert werden, es bräuchte große Akteure, »europäische Champions«, um auf der Weltfinanzbühne eine Rolle spielen zu können. Daran, dass der öffentliche Diskurs sich so schnell so drastisch verändern könnte, haben die Massenmedien Anteil – insbesondere jene, die von den Banken, die von der Diskursverschiebung profitieren, abhängig sind.

Wie die Frankfurter Allgemeine im Oktober mit Verweis auf eine Untersuchung aus dem Jahr 2016 berichtet hatte, ist die Erkenntnis, dass finanziell von Privatbanken abhängige Zeitungen in der Euro-Krise positiver über die Rolle des Finanzsektors berichteten, nicht ganz neu. In der Studie des Chicagoer Ökonomen Luigi Zingales wurde exemplarisch die Berichterstattung über eine Maßnahme der italienischen Regierung zur Stützung der einheimischen Banken untersucht, den sogenannten Atlante-Fonds. Mit diesem war 2015 letztlich ein Teil der Bankschulden auf Rentner und Pensionäre umverteilt worden, weil auch Fonds der privaten Altersvorsorge einzahlen mussten. Während die Maßnahme in der ausländischen Presse überwiegend kritisch bewertet wurde, konnte sich die Regierung in Rom im Inland insbesondere auf mediale Unterstützung seitens besonders stark verschuldeter Blätter verlassen.

In Zeiten finanzieller Engpässe wird unabhängiger Journalismus also zur Seltenheit. Dass davon vor allem mächtige Kapitalfraktionen profitieren, die in der Lage sind, Redaktionen in Abhängigkeitsverhältnisse zu drängen, überrascht nicht. Banken reden auch bei verschuldeten Unternehmen in die Geschäftspolitik hinein. In der Euro-Krise scheute die Gläubiger-Troika (EU, EZB und Internationaler Währungsfonds) nicht davor zurück, den Krisenstaaten umfassende Kürzungspakete zu diktieren. Wirtschaftsverbände schreiben für korrupte Politiker die Gesetze. Wer zahlt, bestimmt die Musik. Das ist offenbar auch dann nicht anders, wenn es sich bei den Schuldnern um Vertreter der viel beschworenen »vierten Gewalt« handelt.

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