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Aus: Ausgabe vom 26.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Ende eines Blitzkriegs

Bundeswehr-Abzug aus Kundus
Von Arnold Schölzel
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Aus Afghanistan sind bisher alle fremden Truppen geschlagen zurückgekehrt: Bundeswehr-Soldaten in Kundus (20.11.2016)

Sechs Monate sollte der deutsche Feldzug in Afghanistan nach den Attacken des 11. Septembers 2001 dauern. Für den Beginn von Blitzkriegen sind imperialistische deutsche Politiker und Generäle schließlich da. Nun phantasierte bild.de am Dienstag fälschlich von einem »Blitzabzug«, symbolträchtig ist der bereits im Sommer beschlossene Rückzug der letzten 100 deutschen Soldaten aus Kundus aber allemal. Er besiegelt ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes militärisches Abenteuer, das vor allem dazu dient, den Ring von US-Militärbasen um Russland und China zu schließen. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg freute sich erst am 13. November, dass der Kriegspakt trotz Pandemie »seine Missionen und Operationen von der Ostsee bis nach Afghanistan« aufrechterhält.

Das schien zuletzt gefährdet, weil Donald Trump angekündigt hatte, bis Weihnachten alle US-Soldaten abzuziehen. Daraus wird nichts, wie beim Versprecher im Weißen Haus üblich. Selbst dem republikanischen Mehrheitsführer im US-Senat, Mitchell McConnell, fiel als Vergleich nur die Flucht der US Army 1975 aus Vietnam ein. Was wird, hängt vom neuen Präsidenten ab. Der stellt erkennbar ein wahres Kriegskabinett zusammen.

Der Kriegsbeginn ohne UN-Mandat war ein Verbrechen – Staatsterror. Dem schlossen sich ungezählte individuelle und kollektive Mordtaten an. Ist jemand überrascht, dass australische Soldaten jahrelang »getestet« wurden, ob sie bereit waren, wehrlose Zivilisten zu erschießen? Wer wie der deutsche Oberst Georg Klein am 9. September 2009 etwa 140 Einheimische trotz aller Warnungen bei Kundus töten ließ, ist ein Massenmörder. Unter Merkel und Co. wird so einer General, und eine willige Justiz lässt Verfahren gegen ihn im Sande verlaufen. Das ist nur mit besonders dick aufgetragener Heuchelei wiedergutzumachen. Die reicht von »Landesverteidigung am Hindukusch« 2002 über den Zynismus von Grünen und SPD im Bundestag, die Mädchenschulbau und Brunnenbohren anpriesen, bis zum Auftritt von Heiko Maas am Montag. Er fand auf der internationalen Geberkonferenz, das Leben von Millionen Menschen habe sich in Afghanistan »fundamental verändert« – zum Positiven. Tagessschau.de meldete gleichzeitig, mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebe »von umgerechnet weniger als 96 Cent pro Tag«. 2019 stammten dafür 90 Prozent der Weltproduktion an Opium und 80 Prozent des Heroins von dort. Von mindestens drei Millionen Binnenflüchtlingen ist die Rede, über Hunderttausende, die es bis Europa geschafft haben, schweigen Maas und Merkel, weil sie vom Krieg nicht reden wollen. Dessen Motiv war auch jene Herrenvolkideologie, die heute von der AfD mit falschem Alleinvertretungsanspruch verkörpert wird. Der Afghanistan-Krieg hat die Bundesrepublik zur Kenntlichkeit verändert. Weit über sein offizielles Ende hinaus.

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