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Aus: Ausgabe vom 26.11.2020, Seite 7 / Ausland
Brasilien

»Tagtägliche Gewalt«

Brasilien: Nach Tötung eines Schwarzen prangert UNO »strukturellen Rassismus« an. Proteste gehen weiter
Von Frederic Schnatterer
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Die Wut über den Tod von Silveira Freitas entlud sich in Porto Alegre auch am Montag

Die Vereinten Nationen haben die Regierung des ultrarechten brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro dazu aufgerufen, gegen den »strukturellen Rassismus« im Land vorzugehen. Am Dienstag erklärte Ravina Shamdasani vom UN-Menschenrechtsbüro in Genf, der Tod des vergangene Woche von weißen Wachmännern eines Supermarkts in Porto Alegre totgeprügelten Afrobrasilianers João Alberto Silveira Freitas sei »ein extremer Fall, der aber leider die tagtägliche Gewalt gegen die schwarze Bevölkerung Brasiliens widerspiegelt«. Die Regierung habe eine besondere Verantwortung dafür, »das zugrundeliegende Problem des Rassismus anzuerkennen. Das ist der erste Schritt zur Lösung.«

»João Beto«, wie das 40jährige Todesopfer von Freunden und Familie genannt wurde, war am vorigen Donnerstag abend in einer Filiale des französischen Konzerns Carrefour einkaufen gewesen, als es laut Medienberichten zu einer verbalen Auseinandersetzung mit einer Supermarktmitarbeiterin kam. Hinzugerufene Wachmänner brachten ihn daraufhin in das Parkhaus des Ladens. Im Internet verbreitete Videoaufnahmen des Vorfalls zeigen, wie die beiden Angestellten einer Sicherheitsfirma mehr als fünf Minuten lang den Kopf des Afrobrasilianers traktierten. Trotz Wiederbelebungsversuchen von Rettungskräften starb das Opfer noch vor Ort.

Seitdem reißen die Proteste in Brasilien nicht ab. Täglich kommt es in nahezu allen größeren Städten des Landes zu Demonstrationen, bei denen Parolen wie »Hört auf, uns zu töten« und »Schwarze Leben zählen« gerufen werden. Zur Intensität der Reaktionen trug zum einen die in den in Windeseile über »soziale Netzwerke« verbreiteten Videos erschreckend sichtbare Brutalität der Attacke bei. Zudem starb »João Beto« am Vorabend des »Tags des Schwarzen Bewusstseins«, einem Feiertag in Brasilien. Jedes Jahr wird am 20. November an den Beitrag der Schwarzen zur Kultur und Identität des Landes erinnert, Organisationen machen mit Demonstrationen auf rassistische Kontinuitäten in der Gesellschaft aufmerksam. Mehr als 50 Prozent der 212 Millionen Einwohner Brasiliens identifizieren sich als schwarz oder mestizisch.

Bei den Protesten der vergangenen Tage kam es teilweise zu Auseinandersetzungen mit Einsatzkräften und Brandstiftungen, unter anderem in Porto Alegre wurden Carrefour-Filialen verwüstet und angezündet. Forderungen nach einem Boykott des Supermarktkonzerns stehen neben solchen nach einer vollständigen Aufklärung des Vorfalls sowie der Bestrafung der Täter. Bei den Protesten geht es jedoch längst nicht mehr nur um den Fall »João Beto«. Vielmehr wird dessen Tod als ein Beispiel für den in der brasilianischen Gesellschaft grassierenden Rassismus und die Untätigkeit der Regierung kritisiert. Der Umstand, dass einer der beiden noch am Tatort festgenommenen und nun in Untersuchungshaft sitzenden Wachleute Angehöriger der Militärpolizei ist, zeigt zudem die Verstrickung staatlicher Institutionen. Diese Polizeieinheit ist berüchtigt für ihre brutalen Einsätze in den Favelas, bei denen regelmäßig Menschen erschossen werden – in ihrer großen Mehrzahl Schwarze.

Nach Bekanntwerden der Videos der Prügelattacke meldete sich auch der linke Expräsident Luiz Inácio Lula da Silva zu Wort. Über Twitter erklärte er am Freitag: »Der Rassismus ist die Ursache aller Übel in diesem Land. Es ist höchste Zeit, dass wir diesen Zyklus unterbrechen.« Dass das unter der ultrarechten Regierung von Bolsonaro geschehen wird, ist jedoch mehr als unwahrscheinlich. Auch wenn er sich nicht direkt auf die tödliche Attacke bezog, goss der Präsident am Sonnabend in seiner Rede beim virtuell durchgeführten G-20-Gipfel statt dessen weiter Öl ins Feuer. So erklärte er, in Brasilien gebe es keinen Rassismus, und er selbst sei ohnehin »farbenblind«. Vielmehr seien es gerade diejenigen, die auf Rassismus hinwiesen, die die Spaltung der Gesellschaft vorantrieben.

Möglich, dass die antirassistischen Mobilisierungen auch Auswirkungen auf die an diesem Sonntag stattfindende zweite Runde der Kommunalwahlen haben. So zum Beispiel in der Millionenmetropole São Paulo, wo der Kandidat der linken Partei für Sozialismus und Freiheit (PSoL), Guilherme Boulos, in der Stichwahl um das Bürgermeisteramt steht. Am Dienstag riefen mehrere Schwarzenorganisationen unter dem Titel »Für ein antirassistisches São Paulo« zu seiner Wahl auf.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (25. November 2020 um 23:40 Uhr)
    Ich hab’ mir das Video angesehen. Drecksfaschisten. Ich lehn’ mich mal aus dem Fenster und behaupte, wer so Gewalt gegen Menschen anwendet, besitzt wesentliche Merkmale einer faschistischen und daher menschenverachtenden Grundeinstellung. Manche dieser Menschen, z. B. Hooligans, treffen sich mit Gleichgesinnten zu Prügelorgien, andere gehen zu Wachdiensten oder zu Sicherheitskräften.

    »So erklärte er, in Brasilien gebe es keinen Rassismus, und er selbst sei ohnehin ›farbenblind‹. Vielmehr seien es gerade diejenigen, die auf Rassismus hinwiesen, die die Spaltung der Gesellschaft vorantrieben.«

    Dieses, mit Verlaub, dumme, widerliche A****loch, dieses Argument hört man immer wieder von – Überraschung – Rassisten, man muss sich nur mal auf Twitter umsehen. An Zynismus kaum zu überbieten, wenn diejenigen, die durch ihr Handeln, durch ihre Sprache usw. usf. eine eindeutige rassistische Grundhaltung an den Tag legen, ernsthaft behaupten, dass sie »farbenblind« seien. Meine These ist, diese Leute sind wirklich davon überzeugt, Rassismus ist ein so verinnerlichter Teil ihrer Persönlichkeit, dass sie objektiv gar nicht erfassen können, was Rassismus ist, es ist für sie eine völlig natürliche Sache, die sie nicht hinterfragen wollen oder können, geschweige denn sich selbst in bezug drauf reflektieren. Ähnlich wie Trump, der von sich selbst behauptet, die am wenigsten rassistische Person auf der Welt (!) zu sein. Nebeneffekt, wenn man Rassismus einfach leugnet: Man muss sich nicht damit befassen, mit Aufarbeitungen, mit Kompensationen, mit politischen Gegenmaßnahmen usw., was ja in der Lesart dieser weißen Herren letztlich immer nur auf Kosten der Weißen gehen kann, wenn man auf einmal seine Privilegien (die dann ja keine mehr sind) mit Schwarzen (und anderen) teilen muss!

    Ach ja, und der Hinweis, dass es gerade Antirassisten seien, die rassistisch seien, weil diese ja ständig Hautfarbe thematisieren würden, wohingegen sie selber ja »farbenblind« seien. Was die unter »Farbenblindheit« verstehen, ist saudumme Ignoranz.

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