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Aus: Ausgabe vom 26.11.2020, Seite 5 / Inland
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Kein Traumjob an Hochschulen

Nach wie vor prekäre Arbeitsbedingungen. Politische Vorgaben meist ohne Wirkung. GEW fordert Strategie für Wissenschaft
Von Bernd Müller
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Wissenschaftlerin im Gentechnikbereich in der Fakultät Biologie an der Universität Duisburg-Essen

Zehn Jahre Kampf und einige Erfolge – aber das größte Stück des Weges ist noch nicht zurückgelegt: Das ist die Bilanz, welche die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Mittwoch bei der Konferenz »Zehn Jahre Templiner Manifest – Der Kampf geht weiter« zog. Mit dem Templiner Manifest hatte sie einst eine Kampagne gegen prekäre Arbeitsverhältnisse an deutschen Hochschulen gestartet.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat die GEW am Mittwoch eine Onlinepetition mit dem Ziel »Dauerstellen für Daueraufgaben in Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement« gestartet. Die Gewerkschaft verlangt: Mindestens 50 Prozent des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals – neben der Professuren – sollten auf Dauerstellen beschäftigt werden. Momentan sind die deutschen Hochschulen von diesem Ziel weit entfernt: Nur 18 Prozent der Beschäftigten haben eine unbefristete Stelle, unter den wissenschaftlichen Angestellten an Universitäten sind es sogar nur elf Prozent.

Um dem angestrebten Ziel näher zu kommen, soll unter anderem die Grundfinanzierung der Hochschulen kräftig ausgebaut werden. Dabei beruft sich die GEW auf eine Untersuchung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg über die »Entwicklung der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft« seit 2006. Diese Studie war zu dem Ergebnis gekommen: Je stärker die Grundfinanzierung einer Hochschule wächst, umso mehr steigt der Anteil unbefristeter Arbeitsverhältnisse.

Die zehn Jahre währende Kampagne hat zumindest ein Ziel erreicht: Das Problem der prekären Beschäftigung ist nicht mehr unbekannt. Andreas Keller, stellvertretender GEW-Vorsitzender und in der Gewerkschaft verantwortlich für den Fachbereich Hochschule und Forschung, erklärte dazu: »Dank der 2010 mit dem Templiner Manifest gestarteten Kampagne für den ›Traumjob Wissenschaft‹ haben es prekäre Beschäftigung und steinige Karrierewege in Hochschule und Forschung ganz nach oben auf die wissenschaftspolitische Agenda geschafft«.

Der Politik scheint das Problem bislang nicht sonderlich wichtig zu sein. Was sie getan und bewirkt hat, sei überschaubar, betonte Keller. »So hat der Qualitätspakt Lehre nichts gegen die miserable Betreuungssituation für Studierende ausgerichtet, Selbstverpflichtungen für Gute Arbeit haben nicht zu mehr Dauerstellen an den Hochschulen geführt, im Zuge des ›Tenure-Track-Programms‹ (Verfahren zur Festanstellung) vorgelegte Personalentwicklungskonzepte heben vor allem darauf ab, den Ausstieg aus der Wissenschaft zu gestalten statt Perspektiven für eine dauerhafte Beschäftigung zu verbessern.«

Konkret bedeutet das zum Beispiel: Die Laufzeiten von Zeitverträgen haben sich im Durchschnitt nur um vier Monate auf inzwischen 28 Monate bei Erstverträgen ausgedehnt. Kritik wird an den Bundesländern geübt: Sie würden die Ziele des Zukunftsvertrages zwischen Bund und Ländern mit »wachsweichen Verpflichtungserklärungen« unterlaufen. Vor diesem Hintergrund fordert die GEW, Bund, Länder und Einrichtungen müssten ihre Strategien für bessere Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft dringend überdenken.

Diese Entwicklung ist vor dem Hintergrund bedenklich, dass die Hochschulen in den vergangenen beiden Jahrzehnten deutlich gewachsen sind. Die Wissenschaftler der Universität Halle-Wittenberg machten dabei drei dominante Trends aus: Die Zahl der Studenten nahm in den Jahren seit 2005 bis 2018 um rund 37 Prozent zu. Besonders stark wuchs ihre Zahl in den Fachhochschulen (plus 52 Prozent). Die finanziellen Ressourcen stiegen vor allem durch das Einwerben von Drittmitteln (plus 120 Prozent). Und als dritten Trend benannten sie die Zunahme des wissenschaftlichen Personals. Dieses Wachstum in allen drei Bereichen habe sich allerdings nicht in besseren Arbeitsbedingungen niedergeschlagen, wenngleich die Arbeitsbedingungen je nach Bundesland unterschiedlich ausfallen können.

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