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Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Geschichte der Arbeiterbewegung

Vor die Wahl gestellt

Analyse der Revolution: Ein Sammelband mit Aufsätzen von Hans Hautmann zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung zwischen 1917 und 1920
Von Simon Loidl
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Hoch die sozialistische Republik: Demonstranten vor dem Parlament in Wien (12.11.1918)

Im Sommer 2018 ist mit Hans Hautmann einer der wenigen Vertreter der marxistischen Geschichtswissenschaft in Österreich verstorben. Als Vorstand des Instituts für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Linz trug er wesentlich dazu bei, dass es während der vergangenen Jahrzehnte eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Arbeiterbewegung an österreichischen Universitäten gab. Neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit publizierte er eine große Zahl an Aufsätzen und Beiträgen für wissenschaftliche Zeitschriften und Sammelbände, er referierte für akademisches und nicht-akademisches Publikum und fungierte über viele Jahre als Präsident der Alfred-Klahr-Gesellschaft, die sich der Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung verschrieben hat.

Elf der vielen verstreut publizierten Aufsätze und Referate von Hans Hautmann, der auch viele Jahre für jW geschrieben hat, liegen nun gesammelt vor. Claudia Kuretsidis-Haider und Manfred Mugrauer, die den Band herausgegeben haben, trugen jene Beiträge Hautmanns zusammen, in denen der Historiker die Entwicklungen rund um die revolutionären Ereignisse in Österreich in den Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkrieges beleuchtet. Der von Hautmann oft verwendete Begriff »österreichische Revolution« für die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Umwälzungen der Jahre 1917 bis 1920 ist in der österreichischen Historiographie keineswegs etabliert. Im Fokus der Auseinandersetzung liegen bei den meisten Autorinnen und Autoren die äußeren Abläufe und politischen Umstände, die das Ende der Monarchie und die Gründung der Ersten Republik mit sich brachten. Hautmann dagegen interessierten die vielfältigen sozialen und gesellschaftlichen Prozesse, die diesen Ereignissen zugrunde lagen. Insbesondere beschäftigten ihn die Klassenauseinandersetzungen, die die genannten Umbrüche prägten.

Hautmann kritisiert die Historiker, die allein die wenigen Wochen im Herbst des Jahres 1918 als österreichische Revolution bezeichnen, in denen die Monarchie endgültig zusammenbrach und die Republik und ihre Institutionen geschaffen wurden. Diese Geschehnisse »fielen ja nicht plötzlich wie Manna vom Himmel«, so Hautmann im zentralen Aufsatz des vorliegenden Sammelbandes. Der von ihm verfochtene weite Begriff der österreichischen Revolution beinhaltet eine mehrjährige »revolutionäre Krise«, deren Beginn er mit den Streiks und Aufständen während des Krieges datiert, und die bis weit ins Jahr 1920 andauerten.

Hautmann sieht sehr wohl die Kontinuitätsmomente in diesen Jahren des Umbruchs. Dass etwa die ökonomische Grundlage von Staat und Gesellschaft in Gestalt kapitalistischer Eigentumsverhältnisse unangetastet blieb, betont er immer wieder. Jenen, die deshalb den Begriff »Revolution« für diese Periode ablehnen, hält Hautmann die damals beschlossenen radikalen Sozialgesetze ebenso entgegen wie die Tatsache, dass – anders als in Deutschland – Arbeiter- und Soldatenräte über einen relativ langen Zeitraum Einfluss auf die politischen Entwicklungen ausübten. Inmitten dieser Kämpfe und aus der Massenbewegung heraus entstand zudem die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ), die fortan in der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung eine nie dominante, aber immer wieder gewichtige Rolle spielte.

In der Revolution der Jahre 1917 bis 1920 konnten sich die linken Kräfte nicht durchsetzen. Die Sozialdemokratie blieb die entscheidende Kraft. Hautmann gesteht den österreichischen Sozialdemokraten zu, sozialistische Ziele verfolgt zu haben. Er benennt auch psychologische Gründe dafür, dass sich die radikaleren Kräfte in dieser Revolution nicht durchsetzten: »Denn vor die Wahl gestellt, ein Ziel friedlich oder durch härtesten Kampf zu erreichen, wird nur in Ausnahmefällen eine Mehrheit die vermeintlich mühelosere Alternative verwerfen.« Der von der Sozialdemokratie angebotene Weg, auf friedlich-reformerischem Weg zum Sozialismus zu gelangen, war allzu verlockend: »Die Arbeitermassen konnten damals nicht wissen, dass die Wahlmöglichkeit in Wirklichkeit nicht die zwischen zwei Wegen zum Sozialismus war, sondern die zwischen Sozialismus und Erhalt der bürgerlichen Ordnung.«

Die vorliegende Aufsatzsammlung verschafft fundierte Einblicke in ein Thema, das auch die österreichische Historiographie meist nur am Rande behandelt. Gleichzeitig vermitteln die Aufsätze Erkenntnisse für die Gegenwart. Hautmann, der sich als parteiischer Historiker begriff, verwob in seine historischen Analysen immer wieder politische Schlussfolgerungen. Die österreichische Revolution, schrieb er, zeige uns auch heute, »wieviel unter bestimmten Voraussetzungen möglich und erreichbar ist, wenn sich die arbeitenden Menschen der Tugenden des Kampfes besinnen, ihrer Kraft innewerden«.

Hans Hautmann: Die österreichische Revolution. Schriften zur Arbeiterbewegung 1917 bis 1920. Promedia, Wien 2020, 256 Seiten, 19,90 Euro

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