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Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 6 / Ausland
Türkei

Hand in Hand

Türkei: Faschistenführer solidarisiert sich mit Mafioso, der Opposition bedroht
Von Nick Brauns
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Faschistisches Erkennungszeichen: Devlet Bahceli macht den »Wolfsgruß« (Ankara, 23.6.2018)

Die Drohungen eines Mafiabosses gegen einen Oppositionschef werfen ein Schlaglicht auf die engen Beziehungen zwischen dem organisierten Verbrechen und der Politik in der Türkei. Während einer Parlamentsrede am vergangenen Dienstag hat Kemal Kilicdaroglu, Vorsitzender der kemalistischen Oppositionspartei CHP, den Chef der faschistischen MHP kritisiert. Kilicdaroglu beschuldigte Devlet Bahceli, dessen Partei eine Regierungsallianz mit der religiös-nationalistischen AKP bildet, »Mafiabosse und Drogenhändler freizulassen«, aber Menschen »wegen ihrer Gedanken« zu inhaftieren. Er bezog sich darauf, dass auf Veranlassung der MHP im Zuge einer Corona-Amnestie im Frühjahr zwar zahlreiche Kriminelle aus den überfüllten Gefängnissen freigekommen waren. Aufgrund von Meinungsäußerungen inhaftierte politische Gefangene, wie der frühere Vorsitzende der linken HDP Selahattin Demirtas, mussten dagegen weiter in Haft blieben.

»Achte auf deine Schritte«, ermahnte via Kurznachrichtendienst Twitter daraufhin der Mafiapate Alaattin Cakici, der selbst nach 16 Jahren Haft im Zuge der Corona-Amnestie freigekommen war, den Oppositionspolitiker. »Wenn du Vaterlandsverräter mit Bahceli vergleichst, dann machst du den größten Fehler deines Lebens.« Kilicdaroglu erstattete Anzeige wegen Bedrohung. Doch nun sprang Bahceli seinem »Kameraden« zur Seite. Es sei Verleumdung, Cakici als Mafiaboss zu bezeichnen, schrieb der Faschistenführer auf Twitter. »Alaattin Cakici ist ein Idealist (türkisch: Ülkücü, so die Eigenbezeichnung der »Grauen Wölfe«), der sein Land und seine Nation liebt.«

Die in der Türkei als »tiefer Staat« bekannte Verstrickung von Geheimdienst, Mafia und rechten Parteien verdeutlichte insbesondere der Susurluk-Skandal im Jahr 1996. Damals wurden in der Nähe der Kleinstadt Susurluk aus dem Wrack eines verunglückten Autos der international gesuchte Auftragsmörder, Drogenhändler und »Graue Wolf« Abdullah Catli, dessen Geliebte sowie der Vizepolizeidirektor von Istanbul tot geborgen. Überlebt hatte der kurdische Stammesführer und konservative Abgeordnete Sedat Bucak, der eine Privatarmee gegen die Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) aufgestellt hatte.

Der Ursprung der heutigen Mafia in der Türkei liegt in der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Damals kam es zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den vom Staat gedeckten Rollkommandos der MHP – den »Grauen Wölfen« – und kommunistischen Gruppierungen.

Als nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 alle Parteien einschließlich der MHP verboten wurden, tauchten viele »Graue Wölfe« in die organisierte Kriminalität ab. Ihre Verbindungen zum Staat blieben dabei bestehen. So nutzte der Geheimdienst MIT die Gangster für Auftragsmorde an Oppositionellen im Ausland. Auch Cakici, der damals wegen mutmaßlicher Beteiligung an 41 Morden inhaftiert, aber 1982 aus Mangel an Beweisen freigekommen war, wurde vom MIT für den Kampf gegen Militante der armenischen Guerillaorganisation ASALA im Libanon und Griechenland angeworben. 2007 bedankte sich der ehemalige MIT-Verantwortliche für Auslandsoperationen, Nuri Gündes, während einer Fernsehdiskussion bei Cakici für dessen »Verdienste« um den Staat. Zu diesem Zeitpunkt saß Cakici eine Haftstrafe von 19 Jahren wegen Mordes an seiner Exfrau ab.

Als Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach den Wahlen im Juni 2018 bei seiner Balkonrede vergaß, sich bei der MHP für deren Unterstützung zu bedanken, drohte ihm Cakici aus dem Gefängnis mit den Worten: »Du bist nicht der Herr des Staates. Vergiss nicht, du bist nur ein Reisender, die Idealisten und die türkischen Nationalisten (…) sind die Betreiber der Herberge.« Dass der sonst schon bei kleinsten Beleidigungen äußerst empfindliche Erdogan der von der MHP geforderten Freilassung Cakicis im Frühjahr 2020 keine Steine in den Weg legte, verdeutlicht die gewachsene Bedeutung des faschistischen Allianzpartners innerhalb des Regierungsbündnisses.

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