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Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 4 / Inland
Klimaschutzbewegung

Widerstehen statt aufgeben

Protest für Erhalt des Dannenröder Waldes hält an. Erneut Aktivistin bei Polizeieinsatz verletzt
Von Gitta Düperthal
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Aktivisten von »Ende Gelände« solidarisierten sich am Sonntag mit den Waldbesetzern – und wurden dadurch zum Ziel von Polizisten

Im Dannenröder Forst in Hessen geht die Polizei zunehmend rabiater gegenüber Waldbesetzerinnen und Baumbewohnern vor, die für den Erhalt des wegen eines Autobahnbaus bedrohten Waldes protestieren. Leben und Gesundheit der dort Aktiven seien durch die Einsätze gefährdet, kritisierte Lilly Claudi, Sprecherin des »Wald statt Asphalt«-Bündnisses, am Sonnabend gegenüber jW. Nach bereits zwei schweren, durch die Polizei verursachten Abstürzen vor rund einer Woche sei am Sonnabend eine weitere Kletteraktivistin tief gefallen und habe sich verletzt. Mehrere Polizisten seien nacheinander auf ein mit einem Warnschild versehenes Sicherungsseil in Bodennähe getreten, woraufhin dieses gerissen und die Aktivistin fünf Meter tief zu Boden gestürzt sei. Der Gießener Anwalt Tronje Döhmer berichtete gegenüber jW, die junge Frau werde wegen eines angebrochenen Wirbels in einem Marburger Krankenhaus behandelt.

Ebenfalls am Sonnabend gab die Polizei Mittelhessen bekannt, Elektroschocker auf einer Plattform in 15 bis 20 Metern Höhe eingesetzt zu haben. Ziel sei es gewesen, zwei sich umarmende Menschen voneinander zu lösen. Zudem kursierte am Freitag beim Kurznachrichtendienst Twitter die Meldung, eine »Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit« (BFE) habe beim Räumen einer Barrikade Personen aus zweieinhalb Meter Höhe heruntergezerrt. Eine davon sei »bewusstlos« gewesen und habe von einem Sanitäterteam behandelt werden müssen.

Wie viele Menschen bei dem Einsatz insgesamt verletzt worden sind, kann offenbar nicht gesagt werden. Die Polizei Mittelhessen meldete, Beamte seien mit Feuerwerk und Zwillen angegriffen worden. Jedoch hätten alle Polizisten ihren Dienst fortsetzen können. Bündnissprecherin Claudi sagte, sie wisse nichts von derlei Aktionen. Das Bündnis setze auf friedlichen Protest. Es sei allerdings nicht auszuschließen, dass einige als Reaktion auf die Polizeistrategie militanter würden.

Am frühen Sonntag morgen blockierten Hunderte Menschen vom »Ende Gelände«-Bündnis die Zufahrtswege in den Wald, um die weitere Räumung von Baumhäusern zu verhindern, und den sofortigen Stopp der Rodung für den Autobahnbau zu fordern. Längst protestieren nicht mehr nur junge Menschen. Dutzende über 60jährige in weißen Maleranzügen hatten sich am Sonnabend der Polizei entgegengestellt.

Weitere Aktionen hatte es unter anderem in Berlin und Frankfurt am Main gegeben. Hunderte Menschen zogen am Sonnabend mit klingelnden Fahrrädern in Berlin vor die CDU-Zentrale im Ortsteil Tiergarten. Auf ihren Transparenten standen Sätze wie »12.993 Kilometer Autobahn reichen«. In der Mainmetropole gab es am Freitag Protest gegen die Polizeigewalt, Grablichter wurden vor die dortige CDU-Zentrale gestellt. Am Abend zog die Frankfurter Demonstration vor die Justizvollzugsanstalt (JVA) Preungesheim, in der mehrere Personen aus dem Widerstand gegen die Abholzung des Dannenröder Walds teilweise seit Wochen in Untersuchungshaft sitzen. »Ihr seid nicht allein« und »Lasst die politischen Gefangenen frei« schallte es durch die Nacht. Die dort Festgehaltenen antworteten mit Lichtsignalen aus den Fenstern der Haftanstalt.

Die Haftbedingungen der JVA standen bereits vor Tagen in der Kritik (jW berichtete), weil Aktivistinnen und Aktivisten dort nachts ständig geweckt worden seien – laut Auskunft des hessischen Justizministeriums wegen Suizidgefahr. Die Rote Hilfe hatte erst vor dem Amtsgericht klagen müssen, um zu erreichen, dass ihre Einzahlungen für die Gefangenen zum Kauf von veganen Lebensmitteln und Briefmarken nicht mehr zurückgewiesen werden dürfen. Den Vorwurf der Nötigung, Haftgrund für diejenigen, die sich über Autobahnen abseilten, hält Anwalt Döhmer für eine »absurde Konstruktion«. Die Staatsanwaltschaft argumentiere, die Polizei sei von den Umweltschützern missbraucht worden, Autofahrer zu nötigen anzuhalten. Er stellte jedoch auch fest, diese »Methoden der Abschreckung« hätten bisher nicht dazu geführt, dass die Proteste abflauen.

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