Gegründet 1947 Montag, 30. November 2020, Nr. 280
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Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Fehlerhafter Kreislauf

Am 28. November vor 200 Jahren wurde Friedrich Engels geboren. Von 1876 bis 1878 schrieb er den »Anti-Dühring« und begründete, warum Luft-, Wasser- und Bodenvergiftung im Kapitalismus nicht beendet werden kann
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Stahlwerk des Konzerns Thyssen-Krupp in ­Duisburg

In jeder Gesellschaft mit naturwüchsiger Produktionsentwicklung – und die heutige gehört dazu – beherrschen nicht die Produzenten die Produktionsmittel, sondern die Produktionsmittel beherrschen die Produzenten. In einer solchen Gesellschaft schlägt jeder neue Hebel der Produktion notwendig um in ein neues Mittel der Knechtung der Produzenten unter die Produktionsmittel. Das gilt vor allem von demjenigen Hebel der Produktion, der bis zur Einführung der großen Industrie weitaus der mächtigste war – von der Teilung der Arbeit. Gleich die erste große Arbeitsteilung, die Scheidung von Stadt und Land, verurteilte die Landbevölkerung zu jahrtausendelanger Verdummung und die Städter zur Knechtung eines jeden unter sein Einzelhandwerk. Sie vernichtete die Grundlage der geistigen Entwicklung der einen und der körperlichen der andern. (…) Diese Verkümmerung des Menschen wächst im selben Maße wie die Arbeitsteilung, die ihre höchste Entwicklung in der Manufaktur erreicht. Die Manufaktur zerlegt das Handwerk in seine einzelnen Teiloperationen, weist jede derselben einem einzelnen Arbeiter als Lebensberuf zu und kettet ihn so lebenslänglich an eine bestimmte Teilfunktion und ein bestimmtes Werkzeug. (…) Die Maschinerie der großen Industrie degradiert den Arbeiter aus einer Maschine zum bloßen Zubehör einer Maschine. (…)

Indem sich die Gesellschaft zur Herrin der sämtlichen Produktionsmittel macht, um sie gesellschaftlich planmäßig zu verwenden, vernichtet sie die bisherige Knechtung der Menschen unter ihre eignen Produktionsmittel. Die Gesellschaft kann sich selbstredend nicht befreien, ohne dass jeder einzelne befreit wird. Die alte Produktionsweise muss also von Grund auf umgewälzt werden, und namentlich muss die alte Teilung der Arbeit verschwinden. (…) Dies ist heute keine Phantasie, kein frommer Wunsch mehr. Bei der gegenwärtigen Entwicklung der produktiven Kräfte genügt schon diejenige Steigerung der Produktion, die mit der Tatsache der Vergesellschaftung der Produktivkräfte selbst gegeben ist, die Beseitigung der aus der kapitalistischen Produktionsweise entspringenden Hemmungen und Störungen, der Vergeudung von Produkten und Produktionsmitteln, um bei allgemeiner Teilnahme an der Arbeit die Arbeitszeit auf ein nach jetzigen Vorstellungen geringes Maß zu reduzieren. (…)

Indem die große Industrie uns gelehrt hat, die mehr oder weniger überall herstellbare Molekularbewegung in Massenbewegung zu technischen Zwecken zu verwandeln, hat sie die industrielle Produktion in bedeutendem Maße von lokalen Schranken befreit. Die Wasserkraft war lokal, die Dampfkraft ist frei. Wenn die Wasserkraft notwendig ländlich ist, so ist die Dampfkraft keineswegs notwendig städtisch. Es ist ihre kapitalistische Anwendung, die sie vorwiegend in den Städten konzentriert und Fabrikdörfer in Fabrikstädte umschafft. Damit aber untergräbt sie gleichzeitig die Bedingungen ihres eignen Betriebs. Erstes Erfordernis der Dampfmaschine und Haupterfordernis fast aller Betriebszweige der großen Industrie ist verhältnismäßig reines Wasser. Die Fabrikstadt aber verwandelt alles Wasser in stinkende Jauche. Sosehr also die städtische Konzentrierung Grundbedingung der kapitalistischen Produktion ist, sosehr strebt jeder einzelne industrielle Kapitalist stets von den durch sie notwendig erzeugten großen Städten weg und dem ländlichen Betrieb zu. (…)

Diesen neuen fehlerhaften Kreislauf, diesen sich stets neu erzeugenden Widerspruch der modernen Industrie aufzuheben, vermag wiederum nur die Aufhebung ihres kapitalistischen Charakters. Nur eine Gesellschaft, die ihre Produktivkräfte nach einem einzigen großen Plan harmonisch ineinandergreifen lässt, kann der Industrie erlauben, sich in derjenigen Zerstreuung über das ganze Land anzusiedeln, die ihrer eignen Entwicklung und der Erhaltung respektive Entwicklung der übrigen Elemente der Produktion am angemessensten ist.

Die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land ist hiernach nicht nur möglich. Sie ist eine direkte Notwendigkeit der industriellen Produktion selbst geworden, wie sie ebenfalls eine Notwendigkeit der Agrikulturproduktion und obendrein der öffentlichen Gesundheitspflege geworden ist. Nur durch Verschmelzung von Stadt und Land kann die heutige Luft-, Wasser- und Bodenvergiftung beseitigt, nur durch sie die jetzt in den Städten hinsiechenden Massen dahin gebracht werden, dass ihr Dünger zur Erzeugung von Pflanzen verwandt wird, statt zur Erzeugung von Krankheiten. (…) Die Aufhebung der Scheidung von Stadt und Land ist also keine Utopie, auch nach der Seite hin, nach der sie die möglichst gleichmäßige Verteilung der großen Industrie über das ganze Land zur Bedingung hat.

Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. Zuerst veröffentlicht im Vorwärts vom 3. Januar 1877 bis 7. Juli 1878. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 20. Dietz-Verlag, Berlin 1968, Seiten 271–274

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Debatte

  • Beitrag von Jens D. aus C. (21. November 2020 um 13:23 Uhr)
    Die zu stellende Frage ist, wie es zu »einem einzigen großen Plan« kommen soll, wer für diesen Plan verantwortlich ist. Sind es die von Marx genannten »frei assoziierten Arbeiter« (sprich in unabhängigen Kooperativen organisierten Arbeiter), die eigenverantwortlich und gemeinsam planen, oder sind es die in Staatsbetrieben zur Planerfüllung von oben (einer unantastbaren, produktivitåtsorientierten Parteiclique) dirigierten Arbeiter, wie es durch Lenin, Stalin, Pieck, Honecker, usw. im Sozialismus umgesetzt wurde? Die Antwort dürfte klar sein, wenn man sieht, dass im wahrhaft »staatskapitalistischen« Sozialismus der Umweltschutz wegen des Ressourcenmangels eigentlich nur ein gelegentliches Beiprodukt war, so wie die Altstoffsammlung etwa. Ansonsten waren auch im Sozialismus der Boden, das Wasser und die Luft verschmutzt, auf dem Land wie in der weiter bestehenden Stadt (z. B. industrialisierte, mit Chemikalien arbeitende Landwirtschaft; verseuchte, fischlose Flüsse; stark belastete Luft um Halle/Leipzig, Zweitakterabgase, Sauerregenwaldsterben ...)! Wer das leugnet, lügt. Die Lösung liegt deshalb in einer anderen zukünftigen Gesellschaftsordnung, die dem ausgereiften Kommunismus zuvorkommt und nichts mit Kapitalismus oder Sozialismus zu tun hat. Diese kann man finden, wenn man Marx und Bakunin (die außer in der Frage des Übergangs in die neue Ordnung gar nicht so sehr weit voneinander entfernt waren) wirklich liest, und nicht nur die für die Sozialisten genehmen Marx-Zitate aus dem Zusammenhang reißt.

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