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Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 5 / Inland
Gescheiterte Verkehrswende

Mit Panzer im Protestcamp

Polizei räumt Besetzung im Dannenröder Wald. Ziviler Ungehorsam angekündigt
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So sieht schwarz-grüner Klimaschutz aus: Hessische Regierung lässt Protestcamp im »Danni« räumen (19.11.2020)

Ungeachtet bundesweiter Proteste setzte die Polizei ihren Einsatz im besetzten Dannenröder Wald in Hessen auch am Freitag fort. Mehrere teils größere Baumhäuser und weitere Unterkünfte von Umweltschützern wurden geräumt und zerstört. Die Polizei arbeitete sich von zwei Seiten Meter für Meter voran. Forstarbeiter fällten Bäume, die kurz zuvor noch von Aktivisten besetzt gehalten worden waren. Seit über einem Jahr ist jener Teil des Waldes bei Marburg besetzt, auf dem die Autobahn 49 zwischen Kassel und Gießen ausgebaut werden soll.

Die Gesamtsituation vor Ort wird immer unübersichtlicher, und die Polizei agiert mehr und mehr aggressiv. Das Sanitätsteam im Dannenröder Wald veröffentlichte am Freitag einen Bericht zu Polizeigewalt. Zwei Schwerverletzte seien in den vergangenen Tagen wegen eines Schädel-Hirn-Traumas im Krankenhaus behandelt worden. Die Sanitäter hätten zudem Prellungen, Verrenkungen, Schnittwunden, Sehnenverletzungen, eine Risswunde am Ohr sowie eine Gesichtsprellung mit möglichem Augenhöhlenbruch festgestellt. Am vergangenen Sonntag war eine Frau beim Sturz von einem Holzgestell schwer verletzt worden, nachdem ein Polizist ein Sicherungsseil durchtrennt hatte (siehe jW vom 17.11.).

Am Freitag mittag fuhren Wasserwerfer, Räumpanzer und Mannschaftswagen der Polizei an einem Protestcamp im Dorf Dannenrod vor. Klimaschützer stellten sich den Einsatzkräften in den Weg und konnten den Konvoi zunächst teilweise zurückdrängen. Später zog die Polizei zur Bergung eines festgefahrenen Einsatzfahrzeuges ab.

Für dieses Wochenende kündigte das Bündnis »Ende Gelände« Aktionen des zivilen Ungehorsams an, um eine Fortsetzung der Räumungen und Rodungen zu verhindern. Ronja Weil, Sprecherin von »Ende Gelände«, sagte gegenüber jW: »Es ist nicht zu akzeptieren, dass im Jahr 2020 ein Wald – ein CO2-Speicher – für eine Autobahn gerodet wird.« Weil kritisierte die »extreme Polizeigewalt«, mit der die hessische Landesregierung aus CDU und Bündnis 90/Die Grünen die Maßnahmen durchsetze. Aktive von »Ende Gelände« würden sich den Rodungen »widerständig entgegenstellen«, so Weil.

In Wiesbaden besetzte am Freitag zudem die Umweltschutzorganisation »Robin Wood« zwei Bäume vor der Landeszentrale der Grünen in Hessen. In den Baumkronen errichteten sie zwei Baumhäuser. Eine der Aktivisten, Cécile Lecomte, erklärte: »Unsere Botschaft an die Grünen lautet: Wenn ihr die Baumhäuser im Dannenröder Wald räumen lasst und unsere Lebensgrundlagen zerstört, dann kommen wir eben mit einem Baumhaus vor eure Haustür!« Die ehemalige Ökopartei habe ihre Werte aufgegeben und ihre Glaubwürdigkeit verloren. Lecomte sagte weiter: »Alle sollen merken: Die Grünen reden von Klimaschutz und Verkehrswende, aber sie weigern sich, die dafür notwendigen politischen Maßnahmen durchzusetzen.« Noch am Nachmittag wurde der friedliche Protest mit Hilfe von Hebebühnen des SEK geräumt.

In einem offenen Brief fordern derweil auch Mandatsträger von Bündnis 90/Die Grünen einen Rodungsstopp im Dannenröder Wald und eine Aussetzung des Polizeieinsatzes während des Coronalockdowns. Die Sicherheit von Aktivisten, Polizeikräften und Waldarbeitenden müsse an erster Stelle stehen, heißt es in dem Brief, der unter anderem von Michael Bloss (Grüne, Mitglied im EU-Parlament) und der Franktionsvorsitzenden der Grünen im Landtag von Thüringen, Astrid Rothe-Beinlich, unterzeichnet wurde. (jW)

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