Gegründet 1947 Montag, 30. November 2020, Nr. 280
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 5 / Inland
Soziale Spaltung

Elend auf Rekordhoch

Paritätischer stellt Bericht vor: Höchste Armutsquote in Deutschland seit »Wiedervereinigung«. Forderung nach Umverteilung
Von Bernd Müller
imago0105812876h.jpg
Straßenszene in Coronakrise: Erwerbslose stehen vor »Jobpoint« in Berlin-Neukölln (22.10.2020)

In den vergangenen 30 Jahren ist die Armut in Deutschland nie größer gewesen als jetzt. Darauf weist der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem neuen Armutsbericht hin, der am Freitag vorgestellt wurde. Demnach ist fast jede sechste Person in der Bundesrepublik arm, was knapp 13,2 Millionen Menschen entspricht. Angesichts dessen wirft der Verband der Bundesregierung eine »armutspolitische Verweigerungshaltung« vor.

Soziale Ungleichheit

Deutschland sei ein von sozialer Ungleichheit tief zerrissenes Land, betonte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Verbandes. Immer mehr Menschen lebten ausgegrenzt und in Armut, weil es ihnen an Einkommen fehlt, um den Lebensunterhalt zu bestreiten und in Würde an der Gesellschaft teilzuhaben.

Das höchste Risiko, in Armut zu leben, besteht nach wie vor für Erwerbslose (57,9 Prozent), Alleinerziehende (42,7 Prozent), kinderreiche Familien (30,9 Prozent), Menschen mit geringen Qualifikationen (41,7 Prozent) und Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (35,2 Prozent). Für diese Gruppen gilt: Sie sind nicht nur schon seit Jahren besonders von Armut betroffen, unter ihnen stieg die Armutsquote von 2018 auf 2019 weiter an – und das, obwohl unter den Erwachsenen ein Drittel erwerbstätig war. Weitere 30 Prozent machen Rentner aus. Im Vergleich zum Vorjahr wuchs die Armut im gesamten Bundesgebiet, und für die ostdeutschen Bundesländer stellt der Bericht fest: Der positive Entwicklungstrend der letzten Jahre ist gestoppt.

Armut wird in Deutschland nicht über direkte Not, wie Hunger oder Obdachlosigkeit, definiert. Ihr Maßstab ist das Haushaltseinkommen und die damit verbundenen Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe. Wer mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens auskommen muss, gilt als armutsgefährdet. Im vergangenen Jahr lag die Grenze bei 1.074 Euro im Monat für einen Einpersonenhaushalt.

Problemregion Ruhrgebiet

Für seinen Bericht hat der Paritätische unter anderem untersucht, wie sich Armut regional in Deutschland verteilt. Die Bundesrepublik zerfalle dabei in zwei Teile: Bayern und Baden-Württemberg weisen eine Armutsquote von 12,1 Prozent auf. Der Rest der Republik kommt zusammen auf eine Quote von 17,4 Prozent.

In Nordrhein-Westfalen sind die Probleme besonders groß: Seit 2006 wuchs die Armutsquote zweieinhalbmal so schnell wie die gesamtdeutsche. Als »armutspolitische Problemregion Nummer eins« bezeichnete Schneider das Ruhrgebiet mit seiner hohen Bevölkerungsdichte und gleichzeitig hohen Armutsquote von immerhin 21,4 Prozent.

Kindergrundsicherung

Die Volkswirtschaft wachse, aber die Erfolge kämen seit Jahren nicht mehr bei den Armen an, so Schneider weiter. Und in der aktuellen Krise werden sie in den Rettungspaketen weitgehend ignoriert. »Was wir seitens der Bundesregierung erleben, ist nicht mehr nur armutspolitische Ignoranz, sondern bereits bewusste Verweigerung.«

Durch die Coronapandemie könnte sich die Lage der Betroffenen und die soziale Ungleichheit noch weiter verschärfen. Die Krisenfolgen treffen besonders geringfügig Beschäftigte und junge Menschen, die jetzt mit wachsender Arbeitslosigkeit konfrontiert sind. Hinzu kommen »jahrelang verharmloste und verdrängte Probleme«, wie zum Beispiel knapper Wohnraum für einkommensschwache Haushalte oder ungleiche Bildungschancen für arme Kinder. »Eine zunehmende Zahl von Erwerbslosen stößt auf ein soziales Sicherungssystem, das bereits vor Corona nicht vor Armut schützte und dessen Schwächen nun noch deutlicher zutage treten«, sagte Schneider.

Was gegen Einkommensarmut, Existenzängste und mangelnde Teilhabe hilft, ist: Geld. Vorhandene Mittel müssen für die Beseitigung der Armut umverteilt werden, fordert der Paritätische. »Deutschland hätte es in der Hand, seine Einkommensarmut abzuschaffen und parallel für eine gute soziale Infrastruktur zu sorgen«, so Schneider. Regelsätze bei Hartz IV und in der Altersgrundsicherung müssten am Bedarf orientiert und angehoben werden auf mindestens 644 Euro; eine Kindergrundsicherung müsse eingeführt werden; außerdem seien Reformen von Arbeitslosen- und Rentenversicherung notwendig.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bekräftigte angesichts der Zahlen seine Forderung nach einem Mindestlohn von zwölf Euro und eine Kindergrundsicherung. Dass jeder Dritte trotz Arbeit von Armut betroffen sei, »bleibt ein besonderer Skandal in Deutschland im 21. Jahrhundert«, erklärte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Werde nichts gegen Armut unternommen, sei der gesellschaftliche Friede in Gefahr, so die Gewerkschafterin.

Unverzichtbar!

»Mit ihrer umfangreichen Berichterstattung in der Rubrik Betrieb und Gewerkschaft ist die junge Welt bei meiner Tätigkeit in einer betrieblichen Tarifkommission unverzichtbar – sie motiviert und stärkt in der Argumentation!« – Claudia K., Angestellte in einem IT-Unternehmen

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Weit weg von adäquaten Lebensverhältnissen: Wohnungsloser in der...
    04.10.2019

    Abgehängt im Westen

    Das Ruhrgebiet ist geprägt von Armut und Resignation. Forderungen nach Unterstützung strukturschwacher Regionen werden lauter
  • Die Arbeitsagentur hat sich auf eines besonders spezialisiert: D...
    05.12.2018

    Akzeptierte Armut

    Arbeitsmarktpolitiker der NRW-Linkspartei korrigiert offizielle Statistik zur Erwerbslosigkeit

Regio:

Mehr aus: Inland

»Gemeinsam statt alleinsam«: 3 Monate lang junge Welt im Aktionsabo lesen – für 62 €!