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Aus: Ausgabe vom 20.11.2020, Seite 16 / Sport
Beim Fananwalt

Die nächste Ruine

Von René Lau
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Erhebliche Sicherheitsmängel, aber kein Abriss: Der Berliner Jahn-Sportpark ist bald dauerhaft geschlossen

Jeder Fußballfan hat zu einem bestimmten Stadion eine besonders enge Beziehung – so auch ich. Bei mir ist das – neben dem größten Sportkomplex Europas, dem Sportforum in Berlin-Hohenschönhausen – auch der Jahn-Sportpark im Prenzlauer Berg.

Dorthin bin ich als kleiner Junge gepilgert und habe erste eigene Fußballerlebnisse ohne Eltern oder Opa gemacht. Die Flutlichtmasten grüßten stets schon von weitem. Ich habe dort im Schnee gestanden und gefroren, die Radsportler der Friedensfahrt bewundert und mit Freunden jede zweite Woche beim Bier den Idolen zugejubelt.

Vor einiger Zeit wurde durch die Berliner Politik der Abriss des Jahn-Sportparks ab Januar 2021 beschlossen. Ein Neubau war geplant, der schon im Jahr 2023 zu den Special Olympics fertig sein sollte und hervorragende Bedingungen für jeden Behindertensportler bieten würde. Dieses hehre Ziel war ohnehin schon bald ad acta gelegt. So mancher Fußballfan konnte sich nur wundern, mit welcher Hartleibigkeit der Berliner Senat seinen Plan dennoch durchziehen wollte.

Nun aber ist er leider wieder einmal eingeknickt. Das passt ins Bild der Berliner Politik, wenn es um sportliche Großprojekte der Stadt geht. Jetzt erfolgt fürs erste doch kein Abriss, man will noch einmal neu planen – bis Ende 2022, also über die Wahl zum Abgeordnetenhaus im Herbst 2021 hinaus. Wegen erheblicher Sicherheitsmängel auf der Haupttribüne wird es aber ab Januar keine Betriebsgenehmigung für Veranstaltungen mehr geben. Es wird also auf Jahre hin im Prenzlauer Berg eine Sportruine vor sich her gammeln und verfallen. Sehr schade.

Dies ist um so trauriger, weil man an diversen Beispielen im Rest der Republik sehen kann, wie ein neues Stadion zum sportlichen Erfolg beitragen kann. Diese Chance ist in Berlin wieder einmal vertan worden. Die Leidtragenden sind wie immer der Amateur- und hier auch der Behindertensport sowie die Fußballfans der Stadt.

Man kann an dieser Stelle nur an alle Protagonisten appellieren, den Jahn-Sportpark nicht zum BER Nr. 2 werden zu lassen. Denn auch jeder Fußballfan ist Wähler und hat im Herbst nächsten Jahres in der Wahlkabine ein Kreuz zu machen.

»Sport frei!« vom Fananwalt.

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Sind Geisterspiele nicht das allerletzte? Werden Stadionkurven als Experimentierfelder für Polizeimaßnahmen genutzt? Wie ist es um die Rechtsstaatlichkeit von Sportgerichten bestellt? Solche Fragen beantwortet Rechtsanwalt René Lau ab sofort an jedem Freitag auf der Sportseite der Tageszeitung junge Welt.

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