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Aus: Ausgabe vom 20.11.2020, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Finanzmärkte

»Spekulanten können mit hohen Zinsen viel Geld verdienen«

Türkische Notenbank gibt Kurs über Geldpolitik bekannt. Ein Gespräch mit Heiner Flassbeck
Interview: Simon Zeise
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Spekulationsgeschäfte machen das Leben in der Türkei teurer

In der Türkei sind binnen weniger Tage Finanzminister und Notenbankchef zurückgetreten. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat am Mittwoch abermals bekräftigt, dass die Notenbank den Leitzins nicht anheben soll. Hat er recht?

Ja und nein. Er hat insofern recht, als dass es idiotisch ist, in einer solch tiefen Rezession die Zinsen zu erhöhen. Die einzigen, die dafür sind, sind die Kommentatoren aus Wirtschaftsblättern. Mit hohen Zinsen kann man sicher schönes Geld verdienen. Die Menschen in der Türkei haben aber nichts davon. In der Rezession müssen die Zinsen gesenkt werden, wie in der Euro-Zone, so auch in der Türkei.

Ein allzu glückliches Händchen hatte der Präsident mit seiner Wirtschaftspolitik aber auch wieder nicht, oder?

Ja, weil gleichzeitig – und das sagt Erdogan nicht – die Inflation relativ hoch ist. Es liegt daran, dass die Löhne zu stark gestiegen sind. Hohe Inflation – in der Türkei liegt sie bei etwa zehn Prozent – ist immer die Folge einer Lohn-Preis-Spirale. Diese Spirale muss durchbrochen werden. Das kapiert Erdogan nicht. Sinnvolle Wirtschaftspolitik wäre es, eine vernünftige Lohnanpassung für die Zukunft auszuhandeln, bei einer Zielinflation von drei bis vier Prozent.

Sie wollen mir weismachen, die Löhne müssen runter?

Runter ist falsch. Wahrscheinlich sind die Löhne im Land zu niedrig. Insofern müssen sie rauf, aber nicht jährlich um zehn Prozent, denn das gibt die Produktivität der Türkei nicht her. Die Reallöhne müssen mit der Produktivität steigen. Dafür müssen aber erst mal mäßige Nominallöhne vorhanden sein. Dann steigt die Inflation normalerweise auch nicht mehr so drastisch an, und man kann die Zinsen senken.

Können bei höheren Zinsen internationale Investoren leichter schnelle Geschäfte machen?

Ja, genau. Das ist das verrückte. Deshalb jubeln alle so und wollen die Zinsen steigen sehen. Dann können sie schöne »Carry-Trades« machen, bei denen sie Geld aus Nullzinsländern wie Deutschland für ein paar Stunden in die Türkei umschichten und damit schönes Geld verdienen können. Dadurch wird die Türkei fertiggemacht. Für das Land ist es keine Hilfe, wenn das Spekulationsgeld reinströmt. Es wird immer so getan, als seien es westliche Investoren, die sich um die »Emerging markets« kümmern. Das ist völliger Blödsinn. Es sind Zocker und Spekulanten, die darauf wetten, dass in den drei Tagen, in denen sie ihr Geld anlegen, die türkische Lira nicht noch mal um 20 Prozent abgewertet wird.

Hat sich Erdogan zu lange auf die Spekulanten verlassen?

Ja, sicher. Er hat dieses Spiel lange Zeit mitgespielt. Er fand es sicher auch toll, dass die »internationalen Investoren« ihm Vertrauen geschenkt haben, die Lira relativ stabil und hoch bewertet war. Jetzt ist das Spiel vorbei. Erdogan ist in derselben Lage wie alle Entwicklungsländer, die von solchen Spekulationswellen getroffen werden. Diese können sich nur durch enorme interne Reformen helfen, die wiederum aber schwer politisch durchzusetzen sind. Vor allem sind sie gegen den ökonomischen Mainstream gerichtet. Erdogan ist zwar in Zinsfragen gegen den Mainstream, aber ich glaube, dass er überhaupt keine Ahnung davon hat, in welchen Bereichen er noch gegen den Mainstream sein muss. Die Lohnfrage ist das zentrale.

Könnte die Wirtschaftskrise Erdogans politisches Schicksal besiegeln?

Selbstverständlich. Und darauf setzen wahrscheinlich auch viele. Eine solch tiefe Rezession, verstärkt mit dem Coronaschock, nach dieser extremen Schwäche der Lira, das geht den Leuten unmittelbar ans Portemonnaie, weil viele US-Dollars halten. Das schwächt natürlich auch die Position der politischen Führung des Landes.

Heiner Flassbeck ist Ökonom und Publizist. Er war Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und Chefvolkswirt der Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD). Er kommentiert und analysiert wirtschaftspolitische Entwicklungen auf www.flassbeck-economics.com

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