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Aus: Ausgabe vom 19.11.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

»Vollkommen da, absolut«: Reaktionen auf das 0:6 der DFB-Auswahl gegen Spanien

Von Uschi Diesl
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»Kahn hätte gekotzt«: Manuel Neuer (r.) kann’s kaum fassen (17.11.2020)

Im letzten Länderspiel dieses Jahres hätte der Auswahl des Deutschen Fußballbundes am Dienstag in Sevilla ein Unentschieden gereicht für den Gruppensieg in der Nations League, mit dem sie in die Finalrunde eingezogen wäre. Doch die Partie gegen Spanien ging 0:6 (0:3) verloren. Eine Niederlage in dieser Höhe hatte eine deutsche Mannschaft zuletzt vor 89 Jahren kassiert, am 24. Mai 1931 in Berlin gegen Österreich (die DDR-Auswahl kam nie schlimmer unter die Räder als 1:4).

Nicht nur die spanische Sporttageszeitung Marca war nach dem denkwürdigen Abend historisch gestimmt. »Was für eine Abreibung, was für ein Tanz, ein Bad, was für eine Tracht Prügel«, war dort am Mittwoch zu lesen. »Eine Demonstration, die Deutschland plattgemacht hat. Diese Nacht hätte Augenthaler, Kahn oder Matthäus zum Kotzen gebracht.« Etwas feinsinniger resümierten die Kollegen von der Zeitung AS: »Deutschland hatte nicht viel mehr zu bieten als die Nationalhymne vor dem Spielbeginn.«

Auch anderswo in Europa war das Debakel für Schlagzeilen gut. Die der italienischen Gazzetta dello Sport bestand aus sechs gefetteten Buchstaben: »K a p u t t«. In der Unterüberschrift stellte die Zeitung dann eine Frage, die so oder ähnlich mancherorts zu lesen war: »Ist Löw jetzt am Ende?« Die Antwort der Gazzetta fiel eindeutig aus: »Dieses Match wird Folgen haben und dem Reich Joachim Löws ein Ende setzen.«

Womöglich war das etwas vorschnell. Bundestrainer Joachim Löw jedenfalls räumte, nachdem er das Debakel mit versteinerter Miene verfolgt hatte, zwar einiges ein: »Wir hatten keine Chance«, sagte er. »Es hat überhaupt nichts funktioniert. Da kann man niemanden ausnehmen. Wir waren in den Zweikämpfen nicht auf dem Platz, haben unsere Linie und Organisation aufgegeben, hatten keinen Zugriff.« Und auf die Frage, wie er das Ganze mit den Spielern aufarbeiten wolle, die er bis März nicht zu sehen bekomme: »Wir haben keine Möglichkeit, mit den Spielern etwas zu machen. Wir müssen das Spiel in den nächsten Tagen im Trainerstab aufarbeiten. Wir dachten, dass wir schon weiter sind.« Als er dann aber darum gebeten wurde, am Ende eines komplizierten Jahres ein Fazit zu ziehen, lautete es: »Ich habe Vertrauen in die Spieler.«

Teammanager Oliver Bierhoff, der vor dem Spiel erklärt hatte, »von Jogi voll überzeugt« zu sein, blieb danach bei seiner Meinung: »Das Vertrauen ist vollkommen da, absolut.« Kapitän Manuel Neuer schließlich, der nie zuvor sechs Tore in einer Partie kassiert hatte, empfahl eine Rückkehr der aussortierten Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng als »hilfreich«. Was Jürgen Klinsmann im US-TV-Sender ESPN zum »Thema Führung auf dem Platz« zu sagen hatte, soll an dieser Stelle unterschlagen werden.

Ein schönes Schlusswort fand sich im Guardian: »Eigentlich sollten 65.000 Zuschauer den Rest ihres Lebens damit verbringen, sich damit zu rühmen, bei diesem Spiel dabei gewesen zu sein. Statt dessen waren es kaum 300, aber diese 300 werden es tun.«

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: ¡Caramba! Welch eine herbe Enttäuschung! Dabei hätte ein 6:6 den bundesdeutschen Superkickern doch schon gereicht. Dafür haben wir aber die schönere Nationalhymne; und sogar mit Text, den man auch als Nationals...
  • Matthias Bartsch, Lichtenau: Ende mit Schrecken Das war ein (weiterer) Tiefschlag auf einem guten Weg wohin? Früher war zwar nicht alles besser (außer 2014 natürlich), aber Müller, Hummels und Boateng waren es schon. Und sind es, im Gegensatz zum a...

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