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Aus: Ausgabe vom 19.11.2020, Seite 12 / Thema
Marxismus

Die »Verdachtsmethode«

Vorabdruck: Reflexionen über das Ideologische in den Wissenschaften
Von Antonello La Vergata
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Einzelne Giraffen können lernen, vor Feinden zu fliehen, ihre Nachfahren stecken dennoch im »Kampf ums Dasein« fest. Spannender ist die Frage, warum Darwinismus und Lamarckismus zur Interpretation der Gesellschaft dienten

Im Dezember erscheint der Band »Lebendiges Denken: Marx als Anreger«, der Vorträge des Kollegiums Wissenschaft der Rosa-Luxemburg-Stiftung anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx 2018 versammelt. Wir dokumentieren daraus in gekürzter Fassung einen Beitrag von Antonello La Vergata. Wir danken den Herausgebern Wolfgang Girnus und Andreas Wessel für die Genehmigung zum Abdruck. (jW)

In der »Deutschen Ideologie« von Marx und Engels wird das Wort »Ideologie« eingeführt, um die Augentäuschung der deutschen Philosophen zu kritisieren, welche die »reale Grundlage« der »geistigen Produktion« der Menschen beseitigen oder ignorieren, jedenfalls nicht als ein »Ausfluss ihres materiellen Verhaltens« verstehen. »Das Bewusstsein kann nie etwas andres sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess. Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer Camera obscura auf dem Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozess hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen.«¹

Aufgrund dieser Umkehrung werden Politik, Gesetze, Moral, Religion, Metaphysik, das heißt alles, was Philosophen »das Denken« oder »die Ideen« nennen, als selbständige, ursprüngliche Angaben des Gewissens betrachtet. Hier wird die Ideologie nicht der Wissenschaft, sondern der Wirklichkeit gegenübergestellt. Etwas anders liegen aber die Dinge im folgenden Zitat: »Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigungen, des praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen (...). Diese ­Abstraktionen haben für sich, getrennt von der wirklichen Geschichte, durchaus keinen Wert (...). Die Schwierigkeit beginnt im Gegenteil erst da, wo man sich an die Betrachtung und Ordnung des Materials, sei es einer vergangenen Epoche oder der Gegenwart, an die wirkliche Darstellung gibt.«²

Unter dem Begriff Ideologie verstehen Marx und Engels also weniger und zugleich mehr als die französischen Idéologues: nicht zwar die individuelle Ideenproduktion, die Destutt de Tracy und andere positiv – philosophisch und psychologisch – erforschten, aber sehr wohl die sozialen Ursprünge, Ergebnisse und Folgen derselben. Diese sind negativ zu betrachten, insofern sie verhindern, die Bedingungen ihrer eigenen Produktion wissenschaftlich zu erforschen. Denn Ideologie ist nicht so sehr »falsch«, als vielmehr verfälschend. Sicher sind die Ideen nach Marx und Engels tatsächlich effektive Faktoren. Es ist aber ideologisch, sie als unabhängige Grundangaben der Erklärung anzunehmen.

»Ideologisch« ist also weder einfach mit »irrtümlich« oder mit »ohne Basis in der Realität«, »in der Luft hängend«, noch einfach mit »vom geschichtlichen und kulturellen Kontext beeinflusst« gleichbedeutend. Ideologie ist auch nicht bloß der Glaube, dass nicht die Taten, sondern die Ideen über die Taten das sind, was die Menschen bewegen. Denn das entscheidende Element des Marxschen und Engelsschen Begriffs von Ideologie ist das »Klasseninteresse«: Nicht alle Ideen sind ideologisch, nur solche, die die wirkliche Natur der sozialen Verhältnisse und der Wirtschaftsbeziehungen verbergen, die wissenschaftliche Analyse der Struktur verhindern, die Interessen der herrschenden Klassen direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst legitimieren und zur Fortsetzung ihrer Herrschaft beitragen.

Beispiele für »ideologische Nebelbildungen« sind Begriffe, Prinzipien, Gesetze, Institutionen, die als ewig oder natürlich dargestellt werden: das Privateigentum, der bloß formelle Begriff der persönlichen, rechtlichen, wirtschaftlichen Freiheit, die ›eisernen Gesetze‹ der kapitalistischen Wirtschaft, die monogamische, angeblich natürliche Familie, die wesentliche Überlegenheit des Monotheismus gegenüber allen anderen Formen der Religion, usw. Den ideologischen Verzerrungen entgegen stellten Marx und Engels, wie wir gesehen haben, »die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigungen, des praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen«, das heißt, wie Marx im Vorwort zur »Kritik der politischen Ökonomie« (1859) schrieb, die Analyse der »materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen«. Hier liegt, in nuce, der Gegensatz zwischen Ideologie und Wissenschaft, welche die darauf folgende Diskussion über ihre Beziehungen sowohl im Marxismus als auch in der Soziologie bis heute zunehmend dominiert hat. Hier liegt auch der Ursprung von Fragen wie folgender: Ist nicht auch der Marxismus eine Ideologie, die sich, wie alle anderen, unter der Maske der Objektivität herausbildet? Dreht sich die Sache nicht im Kreis, ist nicht der Begriff Ideologie selbst ein Zirkelschluss, also kontraproduktiv, unsinnig? Wenn Ideologie aufgrund ihrer inneren Bestimmung totalisierend ist, eine Art vergoldeter eiserner Käfig, wie kann man dann aus ihr ausbrechen? Und, wenn eine Flucht möglich ist, in die Arme welcher Wissenschaft? Der politischen Ökonomie? Der Soziologie? Der Naturwissenschaften? Und welcher von diesen letzteren? Sind alle Naturwissenschaften, als solche, immer frei von Kontamination, oder nur insofern sie auf experimentelle, »neutrale« Angaben beschränkt bleiben? Relativismus und Pessimismus, Anarchismus und (Neu)Positivismus, Determinismus und Voluntarismus sind die Antworten, die von Fall zu Fall, von Zeit zu Zeit, auf diese Fragen gegeben worden sind. Bis zur bequemsten aller Entgegnungen: Wir sind heute imstande, das Ende der Ideologien offiziell zu erklären!

Auch Marx hinterfragen

Wissenschaftshistoriker, auch wenn sie keine Marxisten sind, bleiben Marx gegenüber für immer darin schuldig, dass er ein großer »Meister des Verdachts« ist.³ Denn sie müssen sich immer fragen: Warum hat der Autor/die Autorin das gedacht, gesagt, gemacht? Warum hat er/sie es auf diese und nicht andere Weise gedacht, gesagt, gemacht? Was ist passiert, nachdem er/sie es auf diese Weise, und nicht auf andere Weise, gedacht, gesagt, gemacht hat? Mit einem Wort: Was verbirgt sich dahinter?

Die Verdachtsmethode muss immer und auf alle angewandt werden, selbstverständlich auch auf Marx selbst. Tatsächlich bietet er einen interessanten Anlass dafür. Wie Marx am 19. Dezember 1860 an Engels schrieb, war seines Erachtens Darwins »On the Origin of Species«, »obgleich grob englisch entwickelt«, »sehr bedeutend«.⁴ In einem Brief an Ferdinand Lassalle vom 16. Januar 1861 sagte er, dass das Buch der Teleologie »den Todenstoß« gebe, es enthielte die »naturhistorische Grundlage« der materialistischen Geschichtsauffassung, sogar »die naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfes«.⁵ Der Materialismus der Darwinschen Lehre ließ deren Erbsünde in den Hintergrund rücken, nämlich die Bevölkerungstheorie des »verächtlichen Sykophanten« Malthus unkritisch akzeptiert zu haben. Marx fand es »amüsierend« und »merkwürdig«, »wie Darwin unter Bestien und Pflanzen seine englische Gesellschaft mit ihrer Teilung der Arbeit, Konkurrenz, Aufschluss neuer Märkte, ›Erfindungen‹ und Malthusschem ›Kampf ums Dasein‹ wiedererkennt. Es ist Hobbes’ bellum omnium contra omnes, und es erinnert an Hegel in der ›Phänomenologie‹, wo die bürgerliche Gesellschaft als ›geistiges Tierreich‹, während bei Darwin das Tierreich als bürgerliche Gesellschaft figuriert«.⁶

Ist dies nicht eine andere Art zu sagen, dass Darwin vom empirischen Standpunkt aus recht hatte, aber der ideologischen Täuschung schuldig war? Engels stimmte zu. In seinem Brief an Pjotr Lawrowitsch Lawrow vom 12. November 1875 schrieb er: »Ich akzeptiere von der Darwinschen Lehre die Entwicklungstheorie, nehme aber D[arwin]s Beweismethode (struggle for life, natural selection) nur als ersten, provisorischen, unvollkommenen Ausdruck einer neu-entdeckten Tatsache an (...). Die ganze darwinistische Lehre vom Kampf ums Dasein ist einfach die Übertragung der Hobbesschen Lehre vom bellum omnium contra omnes und der bürgerlich-ökonomischen von der Konkurrenz, nebst der Malthusschen Bevölkerungstheorie, aus der Gesellschaft in die belebte Natur. Nachdem man dies Kunststück fertiggebracht (...), so rücküberträgt man dieselben Theorien aus der organischen Natur wieder in die Geschichte und behauptet nun, man habe ihre Gültigkeit als ewige Gesetze der menschlichen Gesellschaft nachgewiesen. Die Kindlichkeit dieser Prozedur springt in die Augen, man braucht kein Wort darüber zu verlieren.«⁷

Deshalb schrieb Engels in der »Dialektik der Natur«: »Darwin wusste nicht, welch bittre Satire er auf die Menschen und besonders auf seine Landsleute schrieb, als er nachwies, dass die freie Konkurrenz, der Kampf ums Dasein, den die Ökonomen als höchste geschichtliche Errungenschaft feiern, der Normalzustand des Tierreichs ist.«⁸ Es ist also verständlich, warum Marx froh darüber war, dass er, wie er am 7. August 1866 an Engels schrieb, im Buch des französischen Geologen Pierre Trémaux »Origine et transformation de l’homme et des autres êtres« (1865) »einen sehr bedeutenden Fortschritt über Darwin« fand, da »der Fortschritt, der bei Darwin rein zufällig, hier notwendig [ist]«⁹. Er fügte hinzu, Trémaux sei »in der geschichtlichen u. politischen Anwendung viel bedeutender u. reichhaltiger als Darwin«. »Für gewisse Fragen, wie Nationalität etc., hier [im Buch von Trémaux] allein Naturbasis gefunden (...). Auf der in Russland vorherrschenden Bodenformation sich der Slaw tartarisiert und mongolisiert, wie er (...) nachweist, dass der gemeine Negertyp nur Degenereszenz eines viel höhern ist.«¹⁰

Nach Engels war aber das Buch von Trémaux »gar nichts wert, reine Konstruktion, die allen Tatsachen ins Gesicht schlägt, und für jeden Beweis, den es anführt, selbst erst wieder einen Beweis liefern müßte«. So schrieb er an Marx am 2. Oktober 1866: »Die Geschichten (...) von der Verwandlung der Weißen in Neger sind zum Kranklachen. Namentlich, dass die Traditionen der Senegalnigger unbedingten Glauben verdienen, grade weil die Kerle nicht schreiben können! Außerdem ist hübsch, die Unterschiede zwischen einem Basken, einem Franzosen, einem Bretonen und einem Elsasser auf die Bodenformation zu schieben, die natürlich auch daran schuld ist, dass die Leute vier verschiedne Sprachen sprechen. Wie sich der Mann das erklärt, dass wir Rheinländer auf unsrem devonischen Übergangsgebirge (das seit lange vor der Kohlenformation nicht wieder unter dem Meere war) nicht längst Idioten und Nigger geworden sind, wird er vielleicht im 2ten Band nachweisen oder aber behaupten, wir seien wirkliche Nigger.«¹¹

Kurz und gut, Marx irrte sich. Er wollte über Darwin hinwegschreiten und ließ sich deshalb von Trémaux’ geologischem Determinismus und dessen groben »geschichtlichen und politischen Anwendungen« verführen.¹² Warum? Hier kommt eine mehr als marxistische Ideologieanalyse ins Spiel. Marx’ Bewertung des Buches von Trémaux wurde durch ein »positivistisches« Bild der Wissenschaft und ihrer rudimentär deterministischen Anwendung auf den Menschen stark beeinflusst. Direkter ausgedrückt: Obwohl er, wie Engels, Darwin vorwarf, das Bourgeoisleben auf Pflanzen- und Tierreich übertragen zu haben, tat Marx etwas Ähnliches, wie das, was die sogenannten Sozialdarwinisten taten.

Marx’ Neigung, eine deterministische Auffassung der Naturgeschichte und der Evolution einer Auffassung, die besonderen Nachdruck auf Zufall legte, vorzuziehen, wurde von einer großen Zahl von Biologen mindestens bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts geteilt. Nach dem herrschenden physikalischen Vorbild der Wissenschaft waren die durch die Umwelt direkt verursachten Anpassungen besser verständlich. Diese Überzeugung war es (viel mehr als der Glaube an die Vererbung erworbener Eigenschaften), die die Kontinuität und Beharrlichkeit verschiedener Formen des sogenannten Lamarckismus möglich machte. Ideologisch konnte solcher »Lamarckismus« in zwei Richtungen führen: auf der einen Seite zu »progressivem« Vertrauen in die fortschrittliche Anhäufung von positiven, durch die Verbesserung der Umwelt verursachten erblichen Variationen, auf der anderen Seite zur pessimistischen Sicht einer Entartung durch Vermehrung von Fehlanpassungen. Natürlich setzten Engels und die Sozialisten der Zweiten Internationale, zum Beispiel August Bebel, große Hoffnungen auf einen Fortschritt in die erstere Richtung.¹³ Aber auch bourgeoise Biologen und Soziologen verteidigten die direkte Anpassung und Vererbung erworbener Körper- und Geisteigenschaften als notwendige, wissenschaftlich bestätigte Grundlagen des Fortschritts. Einige Autoren haben Marx und Engels aufgrund ihres Lamarckismus als unwissenschaftlich beurteilt. Als Historiker kann ich nur folgendermaßen kommentieren: »Ach, kommt schon!« Werden Urteile in so unhistorischer Weise abgegeben, so kann fast kein großer Biologe gerettet werden.

Sozialdarwinismen

Dank einer wachsenden Literatur zum Thema Sozialdarwinismus wissen wir heute, dass es so viele Varietäten desselben (und des Darwinismus) gab, dass nur Charles Darwin verdient, als wirklicher Sozialdarwinist bezeichnet zu werden (denn er wandte seine Lehre auf die Gesellschaft, die Nationen und die Menschen im »Descent of Man« an)! Es gab liberal-individualistische, kooperativ-solidaristische, anarchistische, sozialistische, nationalistische, imperialistische, internationalistische, konservative, progressive, feministische, atheistische, religiöse, kriegerische, pazifistische, malthusianische und gegenmalthusianische Sozialdarwinisten. Übrigens waren viele Evolutionisten eher Spencerianer, Haeckelianer, (Neo-)Lamarckianer (wie Trémaux und Marx). Eine Menge selbsternannter Darwinianer ging so weit, die Rolle der natürlichen Selektion (oder Auswahl oder Auslese oder Züchtung oder Zuchtwahl – deutschsprachige Autoren spielten frei mit den Begriffen) als gering zu erachten, sogar zu verwerfen. Unter »Darwinismus« wurde alles und nichts verstanden, in verschiedenster Weise wurde er auf Geschichte und Gesellschaft angewandt. Kurz und gut, ein Chaos.

Marx und Engels weisen darauf hin, dass ideologische Täuschungen nicht nur in den Anwendungen der Theorien, sondern auch in der Theorienbildung wirken können. Sie wirken durch die Brille (Engels’ Metapher), die man aufsetzt, um die Welt zu sehen. Mit anderen Worten: Nicht nur Ge- und Missbrauch der Wissenschaft, sondern auch wissenschaftliche Bilder können »ideologisch« sein. Wirken Interessen auch in der wissenschaftlichen Vorstellung?

Konsequenzen der Ideologien

Der Gegensatz zwischen Ideologie und Wissenschaft war lange, und ist es noch, eine Art Klischee bei manchen Erkenntnissoziologen. Der französische Epistemologe und Wissenschaftshistoriker Georges Canguilhem hat aber den Begriff »wissenschaftliche Ideologie« eingeführt. Darunter versteht er »Erklärungssysteme, deren Gegenstand hyperbolisch im Vergleich mit der Wissenschaftlichkeitsnorm ist, die sie (von der derzeitigen Wissenschaft) leihen und auf den Gegenstand anwenden«. Anders gesagt: Eine wissenschaftliche Ideologie will mehr erklären, als eine spätere Wissenschaft für möglich und/oder legitim anerkennen wird.¹⁴

Canguilhems Definition passt gut zum Sozialdarwinismus, denn jede Varietät desselben war hyperbolisch, insofern Natur und Gesellschaft, Biologie und Geschichte als ein einziger Bereich, als ein unproblematisches Kontinuum betrachtet wurden. Ihre potentiell totalisierende Zielrichtung erlaubt diesen Systemen, sich auf Feldern anzusiedeln, die später von der Wissenschaft, oder von neuen Wissenschaften, auf eigene Weise besetzt würden. So kann eine wissenschaftliche Ideologie verschiedene Konsequenzen haben. Sie kann zur Exploration unberührter Gebiete, zur Neukolonisierung alter Länder (mit oder ohne Austreibung voriger Bewohner, mit oder ohne Vermischung) führen. Aber sie kann im Gegenteil auch den Ausschluss ganzer Gebiete aus dem Bereich der Wissenschaft bewirken: Als Beispiel dafür gilt Claude Bernard, dessen umfassendes Vertrauen in den »experimentellen Determinismus« ihn zur Distanzierung von der Zellularpathologie und der Evolution führte.

Was auch immer die Konsequenzen einer wissenschaftlichen Ideologie sind, es bleibt unbestreitbar, dass das Hyperbolische in diesen nur a posteriori, aufgrund der Entwicklungen der Wissenschaft (und hoffentlich auch der Ideologiekritik), entdeckt wird. Das, was morgen als Pseudokenntnisse, Fehler, Übertreibungen und zu starke Vereinfachungen erscheinen wird, wird heute auf dem Ideenmarkt mit ganz anderem Etikett versehen. Viel wichtiger ist die Frage, ob die Hyperbolizität selbst durch »ideologische« Faktoren beeinflusst ist, wie jene, die zuvor erwähnt wurden: methodologische oder »philosophische« Vorzüge, stillschweigende Annahmen usw. So sollte die Rede nicht nur von wissenschaftlichen Ideologien, sondern auch von Ideologien in der Wissenschaft sein. Die Aufgabe des Historikers bleibt in beiden Fällen unverändert.

Natürlich wäre es besser, wenn die Wissenschaftler auch die Historiker und Philosophen ihrer selbst wären. Echte Historiker und Philosophen, meine ich, nicht bloße Chronisten oder Darsteller ihrer Entdeckungen, das heißt Kritiker und Selbstkritiker, nicht Götzendiener des abstrakten, undifferenzierten Wesens »Wissenschaft« bzw. der »wissenschaftlichen Methode«. Manchmal wird eine solche Göttin zu einem Fetisch, der in ganz allgemeiner Weise sogenannten Humanisten oder Philosophen gegenübergestellt wird. Hier kommen Interessen ins Spiel. Ist das nicht etwas »Ideologisches« in Marx’ Sinne? Einige – zu viele – Wissenschaftler verhalten sich nicht völlig anders als fanatische islamische Fundamentalisten, die den ganzen Westen hassen, oder als ehemalige kommunistische, jetzt christliche, antiliberale, früher wie heute repressive Bosse, zum Beispiel von Ungarn oder Polen, die die Reinheit der Nation gegen Kontamination um jeden Preis zu beschützen vorgeben.

Arroganz in der Wissenschaft

Leider gibt es einen Überfluss an Beispielen für die imponierende Sicherheit, ja gar Arroganz auch wichtiger Wissenschaftler. So sagte der Soziobiologe Edward O. Wilson, dass Ethik durch Biologie früher oder später »kannibalisiert« würde (womit er »werden sollte« meinte). Der Vater des DNS-Modells und Nobelpreisträger Francis Crick zögerte nicht, Kollegen »verrückt« und »scheinheilig« zu nennen, die nicht seine Auffassung der Molekularbiologie teilten und die deshalb seines Erachtens nur Vitalisten vom alten Schlag waren. Der andere Vater des DNS-Modells und Nobelpreisträger James D. Watson wiederum hegte keinen Zweifel, dass, wie er sich in einem Interview aus dem Jahr 2007 ausdrückte, »die Schwarzen weniger intelligent als die Weißen sind«.¹⁵ Der »rasende« (furioso – so seine Selbstbezeichnung) Biologe Carlo Alberto Redi donnerte gegen »Soziologen, Historiker, Philosophen und Politiker«, die alle (alle!) sich »der wissenschaftlichen Methode« nicht hingeben wollen und es immer noch ablehnen anzuerkennen, dass »es in den entwickelten Gesellschaften notwendig wird, den Wissenschaftlern mehr Macht zu übertragen«. Redi bringt dabei Solidarität mit seinen Biologiestudenten zum Ausdruck, die »auf Partys, Feiertage, Sonntage verzichten müssen, wohingegen ihre humanistischen Kollegen über den Thesen dieses oder jenes Autors rumhängen!«¹⁶ Und der Genetiker Edoardo Boncinelli schrieb, dass »der durchschnittliche Philosoph der beste Alliierte des Priesters in dem Bestreben ist, die Wissenschaft niederzureißen und zu dämonisieren«, dass »der Einfluss der Philosophie auf die Wissenschaftsmentalität seit der Geburt der experimentellen Wissenschaft immer bloß negativ gewesen ist«, dass »Ästhetik, Ethik und Politik der Gipfel der Einmischung der alten Philosophie in die jetzige Weltanschauung sind«, dass »die Philosophie die Evolution ignoriert«.¹⁷ Als gäbe es keine »philosophischen« Aspekte in den Werken von Poincaré, Frege, Bohr, Heisenberg, Schrödinger, Einstein, Lorenz, Mayr, Gould, Feynman, Prigogine und manch anderer! Als kämen keine metabiologischen, philosophischen Probleme in den wiederkehrenden Debatten über Reduktionismus und Organizismus ins Spiel! Als hätten wichtige Biologen niemals Diagnosen und Prognosen über die Gegenwart und die Zukunft der Gesellschaft, der Kultur, der Menschheit formuliert (und, meiner Meinung nach, so legitim wie jeder andere)! Als wären wissenschaftliche Kontroversen eine bloße Frage der experimentellen Daten!

Wäre es übertrieben, die oben angeführten Äußerungen als ideologisch, als Beispiele einer Art pseudowissenschaftlichen Faschismus zu bezeichnen? Machtgier und Feindlichkeit gegen das undifferenzierte »Andere« gehen in allen Gebieten Hand in Hand. Es scheint, als ob viele Wissenschaftler ein ständiges »Wissenschaft gegen den Rest der Welt«-Spiel betrieben. Leider verhalten sie sich so, als seien sie Agents Provocateurs: Sie scheinen alles Mögliche zu tun, um das Wissenschaftsfeindliche in den »Humanisten« zu stärken, um Heideggers berüchtigten Satz »entsteht die Wissenschaft, vergeht das Denken« zu rechtfertigen.

Anmerkungen

1 Karl Marx und Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 3, Berlin 1978, S. 26

2 Ebd., S. 27

3 So nannte der französische Philosoph Paul Ricoeur Marx, Nietzsche und Freud.

4 MEW, Bd. 30, S. 13

5 MEW, Bd. 30, S. 578

6 Marx an Engels, den 18. Juni 1862 (ebd., S. 249)

7 MEW, Bd. 34, S. 170

8 MEW, Bd. 30, S. 324

9 MEW, Bd. 31, S. 248

10 Ebd.

11 MEW, Band 31, S. 256

12 Nicht das Schlüsselwort Fortschritt, sondern Determinismus war es, was Marx in Trémaux verführte.

13 Engels’ Lamarckismus ist in der Schrift »Anteil der Arbeit an der Menschenwerdung des Affen« besonders offensichtlich.

14 Georges Canguilhem: Idéologie et rationalité dans les sciences de la vie. Librairie philosophique J. Vrin, Paris 1988, S. 44

15 Vgl. New York Times, 19.10.2007

16 Carlo Alberto Redi: Il biologo furioso. Provocazioni d’autore tra scienza e politica. Sironi Editore, Milano 2011, S. 21, 30, 78

17 Edoardo Boncinelli: La farfalla e la crisalide. La nascita della scienza sperimentale. Raffaello Cortina, Milano 2018, S. 29, 143/144, 162/163

Wolfgang Girnus und Andreas Wessel (Hg.): Lebendiges Denken: Marx als Anreger. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2020, 289 Seiten, 29 Euro

Antonello La Vergata ist Philosoph und Professor an der Fakultät für Sprach- und Kulturwissenschaften der Universität Modena und Reggio nell’Emilia.

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