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Aus: Ausgabe vom 19.11.2020, Seite 8 / Kapital & Arbeit
»Dead Planet Award« 2020

»Bezos steht für zugespitzten Klassenkampf von oben«

Diesjähriger Schmähpreis der Ethecon-Stiftung an Amazon-Chef. Beschäftigte als Gäste geladen. Ein Gespräch mit Niklas Hoves
Interview: Markus Bernhardt
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Auch die USA haben ihre Oligarchen: Amazon-Chef Jeff Bezos, gegenwärtig der reichste Mann der Welt

Am Samstag verleiht Ihre Stiftung – pandemiebedingt nur als Onlineveranstaltung – die diesjährigen »Ethecon Awards«. Den Schmähpreis »für besondere Verantwortung bei Ruin und Zerstörung des Blauen Planeten« erhält der Gründer des Internetversandriesen Amazon. Welche Rolle spielt der Umgang von Jeffrey Bezos mit den Beschäftigten dabei?

Bezos steht für einen zugespitzten Klassenkampf von oben. Bei Amazon kommen beschleunigte Umweltzerstörung, Horrorarbeitsverhältnisse und die größten Wachstums- und Profitraten der vergangenen Jahrzehnte zusammen. Der reichste Mann der Welt zwingt Millionen ehemalige Einzelhändler in die Scheinselbständigkeit, verweigert seinen Logistikerinnen und Logistikern Tarifverhandlungen und bietet einer anonymen Onlinereservearmee Kleinstaufträge. Auch treibt er den technologischen Angriff per Überwachung und Datenverarbeitung voran. Davon profitieren die Ultrareichen insgesamt, die kollektiv über die Finanzkonzerne Vanguard und Blackrock an Amazon beteiligt sind. Die Praktiken des Versandriesen sind ein Großangriff des Monopolkapitals auf Arbeiterinnen- und Arbeiterrechte.

Die Amazon-Beschäftigten sind aufgrund vieler Bestellungen während der Pandemie extremen Belastungen ausgesetzt. Können Sie mit der Verleihung des Negativpreises Einfluss auf deren Kämpfe nehmen?

Die anstehende Schmähung ist das Ergebnis der Zusammenarbeit von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern aus mehreren Ländern. Am Samstag wird etwa der ehemalige Amazon-Mitarbeiter Chris Smalls aus New York unser Gast sein, der für seinen Protest gefeuert wurde. Aus Bad Hersfeld wird uns ein Vertrauensmann berichten, wie der dortige Betriebsrat erfolgreich gegen die Überwachung der Kolleginnen und Kollegen vorgehen konnte. Der arbeiterfeindliche Kurs von Amazon rächt sich also. Jeder Desinfektionsmittelspender musste in der Pandemie erkämpft werden, aber nun haben die Proteste Fahrt aufgenommen. Ethecon wird diesen Samstag vor mehreren Niederlassungen Mahnwachen durchführen. Bezos wird zu gegebener Zeit auch persönlich mit dem Dead-Planet-Award konfrontiert werden.

Der »Blue Planet Award 2020« soll an die aus Kenia stammende Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Phyllis Omido gehen. Warum ist die Wahl auf sie gefallen?

Kenia wird von den konsumterroristischen Industrienationen als Müllkippe missbraucht. Phyllis Omido kämpfte selbstlos und unerschrocken für die Schließung einer Giftanlage, in der ausrangierte Autobatterien, vor allem aus Europa, eingeschmolzen wurden. Die Bewohnerinnen und Bewohner eines Slums vor Mombasa wurden lebensgefährlich verseucht. Omido veranlasste medizinische Untersuchungen und organisierte die Anwohnerinnen und Anwohner für den Kampf um ihre Gesundheit. Sie ließ sich von Unternehmern, korrupten Politikern, der Polizei oder bezahlten Schlägern nicht einschüchtern. Nun kämpft sie in ganz Kenia gegen das Einschmelzen europäischer Autobatterien.

Bei der Preisverleihung spielen auch innenpolitische Themen eine Rolle. So wird der Verdi-Sekretär Jan von Hagen unter dem Motto »Kämpfen statt Klatschen« für ein solidarisches Gesundheitssystem werben. Wo genau sehen Sie Handlungsbedarf?

Weltweit sind in den vergangenen Jahrzehnten Gesundheitssysteme ruiniert worden, damit Investoren Profite abschöpfen konnten. Trotz der akuten Gefahr der Überlastung durch Covid-19 kehrt auch die Bundesregierung nicht von diesem Kurs ab. Die Krise wird der Bevölkerung, den Beschäftigten in den Kliniken aufgebürdet. Um tatsächlich eine flächendeckende und krisenfeste Gesundheitsversorgung zu gewährleisten sowie Pflege zu einem attraktiven Beruf zu machen, muss dieser Sektor eine Kernaufgabe des Staates sein – und den Fängen der Gesundheitskonzerne entrissen werden.

Niklas Hoves ist Geschäftsführer von »Ethecon – Stiftung Ethik und ­Ökonomie«

Live-Übertragung am 21.11. ab 14 Uhr auf www.ethecon.org

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Debatte

  • Beitrag von Thilo S. aus W. (19. November 2020 um 12:20 Uhr)
    Bezos, der Eigner der Washington Post ...

    Welche uns hier in der BRD als demokratisch und »links« verkauft wird.

    Da ist nichts »links«, der Mensch, seine Politik und die Dems-Postillen sind mindestens so rechts wie die der Gegenseite.

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