Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
Gegründet 1947 Sa. / So., 5. / 6. Dezember 2020, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken« Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
Aus: Ausgabe vom 19.11.2020, Seite 4 / Inland
»10. AutoritarismusStudie«

Grassierende Mythen

Leipziger Forscher legen »10. Autoritarismusstudie« vor. Vermehrt Glaube an Verschwörungserzählungen in BRD
Von Kristian Stemmler
Demonstrationen_in_B_65516652.jpg
Doch keine Angst vor Handystrahlen? Rechter Verschwörungsideologe Attila Hildmann und Fan (Berlin, 30.5.2020)

Der gesellschaftliche Rechtsruck in der Bundesrepublik hält auch in der Coronapandemie an. Das zeigen unter anderem die Demonstrationen von Gegnern staatlicher Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionswelle, wo erkennbare Neonazis mindestens geduldet werden. Mögliche Antworten auf die Frage nach den Ursachen für die Rechtsentwicklung wollen die Forscher der Universität Leipzig liefern.

Am Mittwoch präsentierten Oliver Decker und Elmar Brähler vom »Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung« in der Bundespressekonferenz in Berlin die Ergebnisse der »10. Leipziger Autoritarismusstudie«. Die erhebt eigentlich alle zwei Jahre den Stand der ausländerfeindlichen und rechten Einstellungen in der Bevölkerung, hat diesmal aber auch Verschwörungsmythen rund um die aktuelle Pandemie erforscht. Demnach sind derartige Legenden rund um das Coronvirus in der BRD viel weiter verbreitet, als bisher angenommen wurde.

Für die Studie mit dem Titel »Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität« waren im Mai und im Juni dieses Jahres bundesweit 2.503 Menschen im Alter zwischen 14 und 93 Jahren befragt worden. Die Erhebung entstand in Kooperation mit der Bündnis 90/Die Grünen nahestehenden Heinrich-Böll- und der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung. 47,8 Prozent der Befragten bekundeten deutliche Zustimmung zur Aussage: »Die Hintergründe der Coronapandemie werden nie ans Licht der Öffentlichkeit kommen.« 33 Prozent bejahten den Satz: »Die Coronakrise wurde so groß geredet, damit einige wenige davon profitieren können.« Bei Befragten im Osten der BRD waren diese Überzeugungen demnach stärker ausgeprägt als im Westen.

»Unsere Befragung hat gezeigt, dass der Glaube an Verschwörungsmythen in der Bevölkerung seit 2018 gestiegen ist«, sagte Decker. Dieser Glaube könne als »eine Art Einstiegsdroge für ein antimodernes Weltbild wirken«. Neben der Ausländerfeindlichkeit seien diese Mythen »derzeit sehr tragfähige Bindeglieder zwischen den verschiedenen antidemokratischen Milieus – genauso wie Antisemitismus und Antifeminismus«. Decker sprach von »Brücken zwischen unterschiedlichen kulturellen und sozialen Milieus«, die »die Gefahr für die Demokratie ausmachen«. Dazu gehörten Antifeminismus, ein »israelbezogener Antisemitismus« und der Glaube an Verschwörungsmythen.

Beim eigentlichen Thema der Studie konnten die Leipziger Forscher leicht positive Tendenzen vermelden. Demnach hat die Ausländerfeindlichkeit in der BRD abgenommen. Man müsse aber »zugleich auf ein immer noch hohes Niveau bei Ausländerfeindlichkeit und rechtsextremen Einstellungen« hinweisen, sagte Decker. Autoritäre und antidemokratische Einstellungen seien nach wie vor »eine beständige Bedrohung für unsere offene, liberale Gesellschaft«. Zudem sei eine »Radikalisierung und Enthemmung unter extremen Rechten« zu beobachten. Der Prozentsatz der laut Studie »manifest ausländerfeindlich Eingestellten« ist im Vergleich zu 2018 von 23,4 auf 16,5 Prozent gesunken.

Auffällig sei der Unterschied des Rückgangs in West und Ost, so Decker. In Westdeutschland sank der Anteil von 21,5 auf 13,7 Prozent, im östlichen Teil nur von 30,7 auf 27,8 Prozent. Insgesamt stimmten 28,4 Prozent (vor zwei Jahren: 36 Prozent) der Befragten der Aussage zu, wonach »Ausländer nur hierherkommen, um unseren Sozialstaat auszunutzen« (Ost: 43,9 Prozent, West: 24,5 Prozent). Rund 26 Prozent der Befragten halten die Bundesrepublik »in einem gefährlichen Maß überfremdet« – ein Minus von zehn Prozentpunkten. 47 Prozent der Befragten fühlen sich »durch die vielen Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land« (2018: 55 Prozent). »Manifest rechtsextreme Einstellungen« attestieren die Forscher 4,3 Prozent der Befragten (im Osten 9,5 Prozent, im Westen drei Prozent).

Für die Autoren der Studie zählt Autoritarismus als Persönlichkeitseigenschaft zu einer der Hauptursachen für äußerst rechte Einstellungen. Menschen mit autoritärem Charakter neigten zu »rigiden Ideologien, die es gestatten, sich gleichzeitig einer Autorität zu unterwerfen, an ihrer Macht teilzuhaben und die Abwertung anderer im Namen dieser Ordnung zu fordern«, so Brähler bei der Vorstellung der Ergebnisse. Rund ein Drittel der Deutschen zeige Merkmale eines autoritären Typus.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist die Zeitung gegen Krieg, die schreibt, was andere weglassen. Nur durch Information ist Veränderung möglich, deswegen ist sie für uns unverzichtbar.«  – Rose-E. Wachata und Sonja Riedel für die jW-Leserinitiative Chemnitz/Erzgebirge

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Regio:

Mehr aus: Inland

Auftakt der jW-Mietenserie: Heute Teil 1 – »Wohnen als Goldgrube. Die Inwertsetzung einer Mietnation«!