Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
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Aus: Ausgabe vom 17.11.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Ant Financial

China diktiert die Spielregeln

Beijing greift auf heimischem Finanzmarkt durch. Investoren aus dem Westen müssen Vorgaben erfüllen, wenn sie Profite machen wollen
Von Simon Zeise
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Von wegen Superman: Die chinesische Regierung hat Ant Financial in die Schranken gewiesen

Biden oder Trump, wen interessiert es? Spekulanten haben ein anderes, größeres Problem. Für Daryl Liew vom Vermögensverwalter Reyl Singapore wiegt der vorerst geplatzte Börsengang der Alibaba-Tochter Ant Financial (siehe jW vom 5. November) schwerer als der Ausgang der US-Wahl.

Kapital fließt in die Volksrepublik, auf der Suche nach rentablen Anlagemöglichkeiten. Die ausländischen Direktinvestitionen haben in diesem Jahr bereits um 6,4 Prozent zugelegt – zuletzt im Oktober sogar um 18,3 Prozent, wie das Handelsministerium am Montag in Beijing mitteilte. Um so schwerer wiegt es, dass nur wenige Tage nachdem Handelskrieger Trump als US-Präsident abgewählt wurde, Beijing den Finanzmarkt vom Kopf auf die Füße stellte.

Am 5. November sollte die Erstnotierung des Zahlungsdienstleisters Ant Financial an den Börsen Shanghai und Hongkong 37 Milliarden Dollar einspielen – es wäre das weltweit größte Aktiendebüt aller Zeiten gewesen. Doch zwei Tage vorher machte die chinesische Regierung den Investoren einen Strich durch die Rechnung. Für ihn sei dieser Schritt »aus heiterem Himmel« gekommen und womöglich »ein Querschuss – nicht nur für Ant, sondern auch für andere Techfirmen«, sagte Liew am 4. November gegenüber CNBC.

Womit er recht behalten sollte. Nur wenige Tage später zog die chinesische Regierung erste Konsequenzen. Die Wertpapieraufsichtsbehörde kündigte am 11. November »eine härtere Bestrafung illegaler Handlungen« an. In diesem Zusammenhang werde eine gezielte Kampagne zur Verbesserung der Unternehmenssteuerung börsennotierter Firmen gestartet, berichtete Xinhua. Risiken im Zusammenhang mit Kursversprechen börsennotierter Unternehmen sollten reduziert und eine Null-Toleranz-Politik gegenüber illegalen Aktivitäten auf dem Kapitalmarkt des Landes verfolgt werden. Das Außenamt hatte die Entscheidung damit begründet, die »Kapitalmarktstabilität und die Rechte und Interessen der Investoren schützen« zu wollen.

Im Detail müssen Finanzinstitute künftig ihre Risikovorsorge erhöhen. Knackpunkt für die chinesischen Aufsichtsbehörden ist insbesondere das Geschäft mit der Onlinekreditvergabe. Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Bank finanziert Ant Financial nur zwei Prozent der Kredite selbst, 98 Prozent werden von den rund 100 Banken und Finanzpartnern des Unternehmens gestellt bzw. besichert. Dieser minimale Prozentsatz soll nach den neuen Vorschriften der Behörden auf 30 Prozent angehoben werden. Das bisherige Geschäftsmodell der Branche wird damit umgekrempelt. Der Börsenwert von Ant, der Anfang November auf rund 300 Milliarden Dollar geschätzt wurde, wäre durch die neuen Vorgaben nahezu halbiert.

William Bao Bean, Finanzanalyst beim Private-Equity-Fonds SOSV, der auch in China tätig ist, sagte am vergangenen Mittwoch gegenüber jW: »Ant war zu groß. Das Unternehmen hatte zuviel Einfluss am Markt.« Die chinesische Regierung wolle für ausreichend Wettbewerb sorgen und wende sich dagegen, dass Monopole entstehen. »Üblicherweise stoßen im Land 50 oder 100 Firmen in eine Branche vor, killen sich gegenseitig, bis nur noch eine Handvoll übrig bleibt. Aber es sollen eben nicht nur eine oder zwei sein«, so Bean weiter. »Wenn die großen Fintechs zu großen Druck auf traditionelle Banken ausüben, schreitet die Regierung ein.« Er sehe die chinesischen Banken im Inland viel besser aufgestellt als ausländische Institute, die in der Volksrepublik Geschäfte machen wollten, weil es einen immensen Wettbewerb unter ihnen gebe. Die größte europäische Bank, HSBC, sehe im Vergleich dazu ziemlich alt aus. Er glaube auch nicht, dass es Beijing kümmere, was die US-Regierung von den strengeren Regeln halte. Der Westen wird sich an den neuen Kurs anpassen müssen – oder geringere Profite einstreichen.

Hintergrund: Spekulanten wollen in China mitmischen

Ray Dalio, US-Multimilliardär, Gründer und Chef des größten Hedgefonds Bridgewater Associates, unterstrich in einem Onlinevortrag für das National Committee on US-China-Relations am vergangenen Mittwoch die Bedeutung des chinesischen Finanzmarkts für westliche Investoren. »Ant ist ein völlig neues Konzept in bezug auf das Bankwesen und könnte das Bankensystem in China fast ersetzen oder bedrohen«, sagte Dalio. Bislang sei es von den chinesischen Behörden aber noch nicht ausreichend überprüft und reguliert worden. »Und es ist wichtig, klar zu sagen, dass das, was wir in China haben, der Staatskapitalismus ist. Also wird der Staat diese Dinge kontrollieren.« Die Regulierungsbehörden seien »vernünftig, vorsorglich und gut informiert«.

Eine große Gefahr lauere vor allem für seine Spezies: Es sei »sehr riskant« für Spekulanten, nicht in China zu investieren. Dalio habe die steigenden und fallenden Trends der Reservewährungsimperien in den letzten 500 Jahren untersucht. Die von ihm ausgewerteten »Fundamentaldaten« sehen keine langfristige Zukunft für den US-Dollar vor. Die USA »schaffen viel Schulden und drucken viel Geld, was in der Geschichte eine Bedrohung für die Währungsreserven darstellte«, sagte er. Dalio schloss mit den Worten: »Die Leute haben mich beschuldigt, voreingenommen, naiv und in einigen Fällen unpatriotisch zu sein. Ich denke, ich bin nur objektiv.« (sz)

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