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Aus: Ausgabe vom 18.11.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Ganz neue Aussichten

Auf der dunklen Seite Wiens: Stefanie Sargnagel erzählt vom zerbrechlichen Glück der Jugend
Von Michael Bittner
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»Arbeiterkind mit Nasenpiercing«: Stefanie Sargnagel auf dem Festival »A Summer’s Tale«, Luhmühlen, 2019

Berühmt geworden ist die Wiener Autorin und Zeichnerin Stefanie Sargnagel durch Kleinigkeiten: knappe Geschichten und Witze, ironische Selbstentblößungen und aufreizende Kommentare zum politischen Zeitgeschehen, scheinbar nachlässig hingeworfen, dabei aber oft treffend und geistreich, verbreitet vor allem in Blogs und als »Statusmeldungen« in den sogenannten sozialen Medien. »Ich glaub ich setz die pille ab nur damit ich noch ein paar mal abtreiben kann bevor hitler bundespräsident wird«, textete Sargnagel etwa vor der drohenden Wahl des FPÖ-Politikers Norbert Hofer im Jahr 2016. Wegen ihrer unzweifelhaft linken Haltung avancierte die Autorin unter Burschenschaftlern und anderen neurechten Kameraden zur meistgehassten Frau Österreichs.

Unter dem Titel »Dicht« hat Sargnagel nun »Aufzeichnungen einer Tage­diebin« vorgelegt, eine offenkundig nur leicht literarisierte Geschichte ihrer Jugend in Wien. Mit liebenswerter Offenheit gestand Sargnagel in einem Beitrag für die Wochenzeitung Die Zeit, das Schreiben dieses langen Textes sei ihr zur Qual geworden. Denn dazu seien Ausdauer, Fleiß und Genauigkeit nötig gewesen – ebenjene Tugenden, über die sie nur in bescheidenem Maß verfüge. Wir dürfen Gott danken, dass Sargnagel dieses Buch dennoch zustande gebracht hat. Sie hat einen neuen, durchaus ernsthaften Erzählstil für ihre Geschichte gefunden, sich den trockenen Witz dabei aber bewahrt. Dieses Buch zu lesen ist nicht nur keine Qual, es ist eine Freude.

Wir begegnen der Erzählerin Stefanie zuerst auf einem »spießigen Sprachgymnasium«, wo sie als »Arbeiterkind mit Nasenpiercing« Außenseiterin unter lauter »angepassten Ärztekindern« ist. Stefanie ist »von Geburt an antiautoritär veranlagt«, zugleich mit einer außergewöhnlichen Empfindsamkeit ausgestattet: »Es war, als hätte ich keine Haut, alles berührte mich.« Ihre Mutter, eine Krankenschwester, die psychisch Angeschlagene betreut, sorgt sich um ihre Tochter und lässt ihr doch alle Freiheit. Von ihrem Vater, einem Elektriker, hat Stefanie die Leidenschaft fürs Erzählen geerbt, aber auch den rebellischen Geist, der sich bei ihm allerdings in einer Vorliebe für die FPÖ zeigt. Stefanies Aufbegehren nimmt eine völlig andere Richtung: »Die Schule war für mich ein System im Kleinen, das die Hässlichkeit der Welt im Großen abbildete. Jede kleine Ungerechtigkeit ließ mich an der ganzen Gesellschaft zweifeln.«

In der Mitschülerin Sarah begegnet Stefanie einer Gleichgesinnten, mit der sie nicht nur »die Weltrevolution« bespricht, sondern auch Fluchtpläne schmiedet. In einer Nacht beschließen die beiden spontan, nach Granada aufzubrechen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Ihre Reise endet jedoch schon auf einer Parkbank, wo die zwei bis zum Morgen mit einem Studenten kiffen, der wahllos Passanten die Frage »Was ist Zukunft?« zuruft und damit alle in größte Verwirrung stürzt. Diese erste Episode des Buches weist den Weg: Statt in der Ferne verwirklichen Sarah und Stefanie in den folgenden Jahren ihre Utopie des alternativen Daseins im heimischen Wien, dessen dunkle Seite sie für sich entdecken: »Eine düstere Gestalt im Park war für uns immer eher Einladung als Abschreckung.«

In einer Kneipe lernt Stefanie den Lebenskünstler und Gedanken­jongleur Michi kennen, der zur zweiten Hauptfigur der Geschichte wird. Offiziell als verrückt eingestuft und daher haftunfähig, führt dieses erwachsene Kind ein glückliches Leben ohne jede Rücksicht auf die Regeln der Gesellschaft. In seiner offenen Wohnung versammelt er eine Parallelgesellschaft der Gescheiterten, Abseitigen und Unangepassten, in der sich bald auch Stefanie heimisch fühlt: »Michi hatte ein Händchen dafür, seltsame, verrückte, kriminelle, aber im Grunde anständige Leute aufzulesen.« Die nächtlichen Exzesse und Abenteuer, die Stefanie mit diesem Kreis erlebt, schleudern sie aus ihrem früheren Leben. Sie muss die Schule verlassen, alte Freundschaften schwinden, in einen normalen Job kann sie sich nicht fügen. Fast scheint ihr Leben in eine Sackgasse geraten – bis die erste wirkliche Liebe hereinbricht und die Anerkennung als Künstlerin ganz neue Aussichten eröffnet.

Stefanie Sargnagels Debütroman ist lustig, melancholisch, unverschämt, erfahrungssatt und parteiisch für die Sache der Außenseiter. Wenn es etwas an diesem Buch auszusetzen gibt, dann, dass es nicht noch länger geworden ist. Viele Nebenfiguren sind so sonderbar oder lustig, man hätte sie gerne noch näher kennengelernt. Auch Stefanies Reisen kreuz und quer durch Europa bis ans Ufer des Schwarzen Meeres wünschte man sich ausführlicher erzählt. Andererseits: Gerade weil die Geschichte eher skizziert als ausgemalt ist, weckt sie kraftvoll die Erinnerung an das flüchtige, zerbrechliche Glück der Jugend: »Ich fühlte mich, wie meistens in dieser Zeit, unbesiegbar und gleichzeitig verloren.« Das Lesen dieses Buches macht Lust, noch einmal jung zu sein und sich das Leben zu versauen.

Stefanie Sargnagel: Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin. Rowohlt, Hamburg 2020, 256 Seiten, 20 Euro

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