Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. Januar 2021, Nr. 19
Die junge Welt wird von 2464 GenossInnen herausgegeben
Die junge Welt drei Wochen gratis testen Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Aus: Ausgabe vom 13.11.2020, Seite 10 / Feuilleton
Islamismus

Das Geflecht der Bedingungen

Der islamistische Terrorismus erwächst aus Fremdenfeindlichkeit und US-Geopolitik
Von Georg Auernheimer
asd.jpg
Nützliche Handlanger: Islamistische Kämpfer im syrischen Idlib (15.3.2020)

Drei Terroranschläge innerhalb kurzer Zeit, zuletzt der in Wien, ausgeübt von einem jungen Mann mit doppelter Staatsbürgerschaft – das hat verstörend gewirkt, und wieder kamen Gefühle der Bedrohung auf, wurden islamophobe Tendenzen verstärkt. Die Politik reagierte mit ritualisierten Bekenntnissen und markigen Sprüchen, der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz beschwor westliche Werte im »Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei«. Immerhin wurde mehrfach betont, dass nicht der Islam der Feind sei. Dennoch ist die Erklärung mit der fremden Religion für den Alltagsverstand plausibel, solange das Geflecht der Bedingungen des Terrorismus nicht entwirrt ist. Der Blick ist auf die Verhältnisse in den Einwanderungsgesellschaften Europas zu richten und auf Ergebnisse der westlichen Geopolitik.

Die Verführbarkeit durch radikale Ideen und Organisationen ist immer zweifach bedingt. Zuerst sind da negative Erfahrungen, schmerzliche, verwirrende, wenn nicht gar traumatische Erlebnisse, vielleicht verbunden mit aufgestauter Wut. Dann macht ein ideologisches Angebot, das Erklärung für die Situation verspricht, vielleicht auch Gegenwehr und Rache für all das, was einem angetan worden ist, ansprechbar für Radikalismus, unter Umständen auch für eine Terrororganisation. Dieser Erklärungsmodus gilt generell, hat aber bei Islamisten spezifische Voraussetzungen.

Wut und Rachegelüste

Sie können negative Erfahrungen hier in Europa gemacht haben oder als schwer Geschädigte hergekommen sein. Einer kritischen Öffentlichkeit ist nicht neu, dass Menschen mit Migrationsgeschichte vielfältige Diskriminierungserfahrungen machen. Das muss nicht blanker Rassismus sein. In zahlreichen Studien wurde gezeigt, dass neben den Abwertungen im Alltag vor allem die schulischen und beruflichen Benachteiligungen das Leben und die Wahrnehmung vieler Menschen mit Migrationsgeschichte bestimmen. In vielen Fällen zementiert die Wohnsegregation das Verliererschicksal, zumindest dort, wo es zur Gettoisierung kommt wie in den Banlieues in Frankreich. Fremdbilder werden damit verstärkt. Menschen mit Migrationsgeschichte wird Anerkennung versagt, man denke nur an Leitkulturdebatten. Um die Gesellschaft als missgünstig und feindlich zu erfahren, brauchen junge Migranten Diskriminierung nicht einmal selbst erlebt zu haben. Nicht selten speist sich ihre Wut aus der Ausgrenzung, die Eltern oder schon Großeltern erlebt haben.

Auch viele Geflüchtete, die Krieg, Terror oder schlicht lebensfeindlichen Verhältnissen glücklich entronnen sind, tragen den Schmerz über den Verlust, möglicherweise gemischt mit Wut, in sich. Wir müssen uns klarmachen, wie viele Länder vom westlichen Bündnis unter Führung der USA zerstört wurden. Der ganze Nahe Osten wurde destabilisiert. In Afghanistan und im Irak haben mehrere Generationen Krieg und Terror erlebt. Da von staatlichem Gewaltmonopol kaum noch die Rede sein kann, ist Gewalt allgegenwärtig. In vielen Ländern bekämpfen sich verschiedene Milizen im Streit um wertvolle Ressourcen, insbesondere in Libyen. Die Menschen haben keine Perspektive mehr. Aus der Sinnlosigkeit des Lebens, die sich dem einzelnen aufdrängt, bietet der Islamismus scheinbar einen Ausweg. Vor allem aber ermuntert er zur Gegenwehr. Der arabische Nationalismus hat an Anziehungskraft verloren, der Islamismus bietet sich als Alternative im Kampf gegen den Imperialismus des Westens an. »Geschickt bedient der IS auch die Wut- und Rachegefühle in der arabischen Welt«, schrieb Werner Ruf in seinem Buch »Islamischer Staat & Co.« (2016).

Geschöpfe des Westens

Paradoxerweise ist der Islamismus ein Geschöpf der US-amerikanischen Geopolitik. Das begann 1984 mit der Rekrutierung von zig Tausenden militanter Muslime im Auftrag der CIA, um die Verbände der Mudschaheddin im Kampf gegen die Sowjettruppen in Afghanistan zu verstärken, und setzte sich dann fort mit der Duldung der Taliban, die von Pakistan ideologisch munitioniert und bewaffnet wurden. Im Irak trieb man ab 2003 viele Sunniten in die Arme des »Islamischen Staats«, als man sie aus Verwaltung und Militär entfernte und die Schiiten privilegierte. Der IS war dann ab 2011 nützlich für den beabsichtigten Regime-Change in Syrien, für den man noch andere islamistische Terrorgruppen mit Waffen versorgte. Die Muslimbruderschaft wertete man auf, indem man den von ihr dominierten Syrischen Nationalkongress zu einer Art Exilregierung machte. Der von Islamisten angeführte Aufstand in Libyen wurde von Frankreich, Großbritannien, dann auch der NATO kräftig unterstützt, auch militärisch.

Höhere Weihe

So verhalf man den islamistischen Terrorbanden, allen voran dem IS, zu einem beachtlichen, nicht nur militärischen Erfolg. Sie gewannen mit Unterstützung der Medien, speziell der »sozialen«, zunehmend an Anziehungskraft, und zwar nicht nur im Nahen Osten und in Afrika. Die Hinwendung zum Islamismus diente und dient dem »Empowerment« vieler junger Menschen, die sich benachteiligt, vernachlässigt und nicht anerkannt fühlen. Manche sind gescheitert, haben zunächst auf kriminellem Weg Bestätigung gesucht, sich als Kleinkriminelle an der Gesellschaft gerächt und dann in der religiös gestützten Ideologie die Erlösung gefunden. Der Islamismus gibt der Gewalt eine höhere Weihe.

Was in dem Amokläufer von Wien vorgegangen sein mag, wissen wir nicht. Was er vor der Tat auf Instagram gepostet hat, bedient nur Klischees. Gewiss ist: Das ihm verordnete Deradikalisierungsprogramm hat ihn kaltgelassen. Wir wissen, dass er albanischer Herkunft war. Er kam aus einer muslimischen Minderheit im ethnisch gespaltenen Nordmazedonien – eines der Bruchstücke nach der Zerstörung des Vielvölkerstaats Jugoslawien.

Der Autor ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft. 2018 ist bei Papyrossa sein Buch »Wie Flüchtlinge gemacht werden. Über Fluchtursachen und Fluchtverursacher« erschienen

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung.

Kann ja jeder behaupten, der oder die Beste zu sein! Deshalb wollen wir Sie einladen zu testen, wie gut wir sind: Drei Wochen lang (im europ. Ausland zwei Wochen) liefern wir Ihnen die Tageszeitung junge Welt montags bis samstags in Ihren Briefkasten – gratis und völlig unverbindlich! Sie müssen das Probeabo nicht abbestellen, denn es endet nach dieser Zeit automatisch.

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton