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Aus: Ausgabe vom 12.11.2020, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Wut nach dem Schock

Haribo: Einziger Standort mit Osttradition soll schließen – Betriebsrat und Gewerkschaft NGG mobilisieren Belegschaft
Von Oliver Rast
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Kampf um Werkserhalt: Die Produzenten von Gummibärchen in Westsachsen zeigen Zähne

Wer kennt die Szene nicht: Ein Exshowmaster mit lichten blondierten Locken preist eine Art Nahrungsergänzungsmittel an, kaut dabei auf einem Gummibärchen herum. Und grinst. Klar, die Rede ist von Thomas Gottschalk und Haribo. Der Fruchtgummihersteller kommt mit seinen Werbebotschaften bei Beschäftigten im einzigen ostdeutschen Werk in Wilkau-Haßlau indes nicht mehr gut an. Der Grund: Die Unternehmensspitze will den Standort bei Zwickau schließen, so rasch wie möglich – Stichtag: 31. Dezember.

Dagegen regt sich Protest. »Wir sind von der Geschäftsführung am 30. Oktober überrumpelt worden«, ärgerte sich ein Vertreter des Betriebsrats (BR) am Mittwoch gegenüber jW. Die Beschäftigtenvertreter wollten beim Termin über Kurzarbeit und »Einsparpotentiale« reden. Die Gegenseite verkündete statt dessen das Datum der Schließung. Das Perfide: Der BR wurde seitens der Geschäftsführung genötigt, eine Woche Stillschweigen über die Werksaufgabe zu bewahren. »Das ist laut Betriebsverfassungsgesetz möglich«, erklärte der BR. Sieben Tage später, am 6. November, wurde die Belegschaft auf der Betriebsversammlung informiert. »Unsere Kollegen waren zuerst starr vor Schock«, so der BR-Vertreter. »Wir wollen hier aber nicht kampflos untergehen.« Der zuständige Sekretär der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), Thomas Lißner, sprach am Mittwoch gegenüber jW von »Wut und Tränen« bei den Beschäftigten.

Hinzu kommt folgendes: Das Werk in Wilkau-Haßlau hat eine lange Tradition. Haribo hatte den Betrieb, den einstigen VEB Süßwarenfabrik Wesa, nach dem Anschluss der DDR bereits 1990 aufgekauft. »Die Produktion von Gummibärchen gehört in den Osten«, betonte Lißner. Gehen am Standort mit rund 140 Beschäftigten die Lichter aus, bleiben nur noch vier Haribo-Werke im Westen.

Die Manager zeigen sich ungerührt. Der westsächsische Standort erfülle nicht mehr die »Anforderungen an eine effiziente Produktionsstruktur«, teilte das Familienunternehmen jüngst mit. Dem Werk fehle die »erforderliche ­Flexibilität für ein schnell anpassbares Produktportfolio«. Zudem sei die Logistik sehr aufwendig. Das Haribo-Zentrallager im rheinland-pfälzischen Grafschaft liegt Hunderte Kilometer entfernt. »Wir planen, unsere Produktion an weniger Standorten, aber mit mehr Produktionsstraßen und gleichzeitig höherer Leistungsfähigkeit zu bündeln«, sagte ein Unternehmenssprecher am Mittwoch auf jW-Anfrage. Den Vorwurf, das Werk in Wilkau-Haßlau sei ineffizient, weist der Betriebsrat zurück: »Wir produzieren hochwertig, man könnte unseren Standort auch ausbauen.«

Die Emotionen kochen nicht nur bei Beschäftigten hoch. Das Werk abrupt bis Jahresende dichtzumachen, treffe die gesamte Region extrem hart, empörte sich Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linke-Bundestagsfraktion, am Mittwoch gegenüber jW. Es könne nicht sein, Beschäftigte einfach zu entlassen, wenn sie nicht mehr ins Konzept der Eigentümer passen. Die Parlamentarierin fordert die Geschäftsführung auf, »Alternativen zu prüfen und den Betrieb weiterzuführen«. Er müsse unbedingt erhalten werden, zumal die Mitarbeiter jahrelang Gewinne erwirtschaftet hätten. Ähnlich reagierte Henning Homann, SPD-Generalsekretär im Landesverband Sachsen, auf jW-Nachfrage. Ohne mit der Wimper zu zucken, habe Haribo den Schließungsbeschluss gefasst, »eine bodenlose Frechheit«.

Die nächsten Wochen dürften turbulent werden. »Klare Zeichen« wolle die NGG setzen, so Lißner. An diesem Donnerstag treffen sich zunächst Lokalpolitiker, Betriebsräte und Gewerkschafter im Rathaus von Wilkau-Haßlau. Am 19. November wird der BR mit den Firmenbossen um einen Sozialplan und Interessenausgleich ringen. Tags darauf soll es eine weitere Betriebsversammlung geben und weitere 24 Stunden später eine größere Aktion, nach jW-Informationen in Zwickau. Der BR-Vertreter wirkt zuversichtlich: »Alle Kollegen stehen hinter uns, niemand ist eingeknickt.« Und auch die NGG ist kampfbereit. »Haribo in Wilkau-Haßlau ist ein gewerkschaftlich gut organisierter Betrieb«, versicherte Lißner.

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