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Aus: Ausgabe vom 12.11.2020, Seite 1 / Titel
Räumung im Dannenröder Wald

Barrikadenbau im Forst

Räumung im Dannenröder Wald geht weiter. Autobahngegner lassen sich nicht unterkriegen. Polizei revidiert Falschmeldung
Von Claudia Wangerin
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Aktionen des zivilen Ungehorsams am Mittwoch im Dannenröder Wald

Am zweiten Tag in Folge haben mehrere Polizeihundertschaften am Mittwoch versucht, die Waldbesetzung im mittelhessischen Dannenröder Forst zu beenden. Bei der Räumung der Baumhäuser setzten die Beamten Hebebühnen ein, mit deren Technik sie offenbar nicht vertraut waren. »Das Ding piept ohne Unterlass und bewegt sich nicht mehr so recht«, twitterte am späten Vormittag das Presseteam der Aktiven, die seit mehr als einem Jahr das Waldstück besetzt halten. Dessen Rodung ist für den Weiterbau der Autobahn A 49 zwischen Kassel und Gießen geplant. Eine Person sei fast heruntergefallen, als sie von den Beamten auf die Hebebühne geschubst worden sei, so das Presseteam.

Auch die Polizei Mittelhessen twitterte eifrig, musste aber eine ihrer Kurzbotschaften, in der es um die vermeintliche Brutalität der Umweltbewegten ging, richtigstellen. Zunächst hieß es um 11.17 Uhr: »Ca. 30 Personen versuchten im Wald, eine polizeiliche Absperrung zu durchbrechen. Dabei bewarfen sie die Polizisten mit Steinen und Hölzern. Die Einsatzkräfte mussten den Schlagstock einsetzen, zwei Personen wurden festgenommen.« Um 11.45 Uhr folgte die Korrektur: »Aufgrund einer internen Fehlinformation stellen wir richtig: Drei Personen versuchten, die polizeiliche Absperrung zu durchbrechen. Dabei wurden sie von ca. 25 weiteren verbal unterstützt. Keine Stein-/Holzwürfe. Schlagstockeinsatz, drei Festnahmen.«

Als parlamentarische Beobachterin war Sabine Leidig, die Verkehrsexpertin der Bundestagsfraktion Die Linke, vor Ort. Sie konnte sich auch eine weitere Behauptung der Polizei Mittelhessen vom Vortag nicht erklären: Unter der Überschrift »Erster Einsatztag im Dannenröder Forst verläuft überwiegend friedlich« hatte deren Pressestelle am Dienstag den Satz eingestreut, die Beamten seien »vereinzelt mit Steinen und Pyrotechnik beworfen« worden. Das sei »total absurd«, sagte Leidig am Mittwoch gegenüber junge Welt. »Wir wissen nicht wie diese Polizeimeldung zustande kam.«

Gegen den Einsatz von Pyrotechnik durch Beteiligte der Waldbesetzung spricht auch deren offensichtliche Wertschätzung für Bäume, denen sie zum Teil Namen geben. So hatten sie vor wenigen Wochen um die rund 300 Jahre alte Eiche »Grandma« (»Großmutter«) getrauert, die gefällt worden war, nachdem sie »schon lange vor der Erfindung des Autos da stand«. Leidig erklärte am Mittwoch, es sei »angesichts der Dramatik der Klimakrise und der grassierenden Flächenversiegelung in Deutschland völlig irrwitzig, einen alten Mischwald für eine Autobahn zu roden«.

Die Grünen im hessischen Landtag müssen als Mitvollstrecker des seit Jahrzehnten geplanten Projekts und Juniorpartner der CDU viel Kritik aus der eigenen Partei einstecken, ließen es aber bisher nicht auf einen Koalitionsbruch ankommen. Vergangene Woche hatten der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Campact und Greenpeace mehr als 225.000 Unterschriften für den Stopp des Ausbaus der A 49 an den grünen Verkehrsminister Tarek Al-Wazir übergeben. Am Montag hatte dann die Polizei angekündigt, mit der zuständigen Baufirma »logistische Arbeiten« vorzunehmen, in deren Folge der Trassenbereich gerodet werden solle. Nach eigenen Angaben gingen die Beamten von rund 400 Barrikaden auf Zufahrts- und Rettungswegen im Dannenröder Wald aus. Die Hindernisse seien teils »massiv ausgestaltet«, mehrere Meter hoch und mit Beton im Boden verankert.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (11. November 2020 um 20:20 Uhr)
    Ich finde es faszinierend, wie die Polizei heutzutage in den »sozialen« Netzwerken ihre Arbeit begleitet. Das soll wohl Transparenz und Bürgernähe vorgaukeln. Die einzigen Leute, die sich dafür interessieren, sind bezeichnenderweise die »ganz normalen besorgten Bürger«, die, ihrem autoritären Impetus folgend, eifrig Beifall klatschen, wenn die Demonstranten »den Schlagstock« zu spüren kriegen, und sich in Mitleids- und Solidaritätsbekundungen überschlagen, wenn mal ein Polizist leichte Blessuren davonträgt, er möge doch sehr bald genesen, und man sei so dankbar für seinen Dienst am Vaterland! (Ja, meistens sind es Männer, um Demonstranten niederzuknüppeln kommen interessanterweise wirklich selten bis nie Polizistinnen zum Einsatz, man könnte sich fragen, warum. Ist es der oft körperliche Nachteil oder weil Frauen generell weniger gewaltaffin sind? Vgl. hierzu z. B. Kriminalstatistiken zu Gewaltverbrechen und Geschlecht. Um die öffentliche Ordnung mittels Gewaltmonopol des Staates sicherzustellen, bedarf es anscheinend Testosteron).
  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (12. November 2020 um 02:53 Uhr)
    Wie auch immer: Egal welcher Haltung – es ist ein Fehler, auf die Aussagen der Leute einer Partei zu vertrauen. Hier erleben wir wieder, dass die Behauptungen zum Schutz der Umwelt auch denen völlig schnuppe sind, die sich damit wichtig tun, sobald sie vom Thema zum Politikkanon wechseln. Bisher kam hier keine substantielle Aussage der Grünen aus der Bundespolitik an. – Wir lernen nicht nur daraus, sondern sie bringen uns bei, dass sie uns lieber fallenlassen werden, weil wir lernunfähig sind. Deshalb: Tschüs, Annalena und Co.!

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