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Aus: Ausgabe vom 10.11.2020, Seite 12 / Thema
Chinas Wirtschaftspolitik

Neue Monopole, neue Konkurrenz

Chinas wirtschaftliche Reform- und Öffnungspolitik am Beispiel des Technikkonzerns Lenovo
Von Olaf Matzerath
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Inzwischen Weltmarktführer bei PC und Laptops: Das private Technologieunternehmen Lenovo (Fertigungsstätte in Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei, 10.9.2020)

In diesen Tagen erscheint das neue Heft der Marxistischen Blätter unter dem Titel »China, Vietnam, Kuba, Chile … Wege des Sozialismus«. Zum Anstoß einer intensiveren Debatte über die Volksrepublik China drucken wir daraus mit freundlicher Genehmigung des Neue-Impulse-Verlags den redaktionell leicht gekürzten Beitrag »Neue Monopole – neue Konkurrenz« von Olaf Matzerath. (jW)

»Pate der chinesischen IT-Industrie«, »Fackelträger des chinesischen Kapitalismus«¹: Liu Chuanzhi hat mit Lenovo ein Unternehmen aufgebaut, das den Wandel Chinas von der Planwirtschaft über die Billigproduktion in internationalen Lieferketten bis zur globalen Wirtschaftsmacht verkörpert. Durch Übernahmen in den USA, Deutschland und Japan konnte Lenovo zum Marktführer aufsteigen: Heute kontrolliert der Konzern ein Viertel des PC-Weltmarktes. Lenovo war ein Vorreiter bei Privatisierung und Durchsetzung von Marktbeziehungen und ist ein international starkes chinesisches Unternehmen in der IT-Industrie, die zu den prägenden Branchen der heutigen Wirtschaft gehört. Damit lassen sich am Beispiel Lenovo einige allgemeine Züge der Reform und Öffnung erkennen. Es kann helfen, die Debatte über China stärker auf die konkrete Entwicklung der vergangenen 40 Jahre zu beziehen. Dieses Beispiel zeigt, dass die Geschäfte der neuen Kapitalisten nur möglich wurden, weil die sozialistische Planwirtschaft die Grundlagen dafür geschaffen hat. Reform und Öffnung bedeuteten, sozialistische Errungenschaften an neue Unternehmer weiterzugeben. Die Konzerne, die so entstanden sind, konkurrieren heute um die Führung in der weltweiten Jagd um Profite und Märkte. Sie sind neue Monopole. Mit der Reform und Öffnung sind sozialistische Beziehungen in China immer weiter zurückgedrängt worden.

Errungenschaften privatisiert

Lenovo wurde in den 1980ern gegründet. Teilweise wird argumentiert: China sei noch nicht reif gewesen für eine entwickelte Planwirtschaft, deshalb seien die Marktreformen nötig gewesen. China hatte in den 1950ern mit dem Aufbau einer IT-Industrie begonnen. Während des Großen Sprungs wurde der erste Großrechner in China gebaut. Die Forschung war damals vor allem auf die Bedürfnisse des Militärs ausgerichtet, gleichzeitig wurde dabei notwendige Grundlagenforschung geleistet. 1978 übernahmen die Marktreformer die Macht in der Partei. Nun nahm die Führung eine positive Haltung gegenüber privaten wirtschaftlichen Initiativen ein und unterstützte sie mit staatlichen Mitteln. Lenovo entstand als »Spin-off« oder Ablegerunternehmen des Computerinstituts der Akademie der Wissenschaften.² Die Initiative zur Gründung ging von einem Mitarbeiter dieses Instituts aus: Liu Chuanzhi. Das erste Produkt, mit dem Lenovo größeren kommerziellen Erfolg hatte, war die »Han-Card« – ein Gerät, das an einen PC angeschlossen werden konnte, um die Steuerung mit und die Eingabe von chinesischen Schriftzeichen zu ermöglichen. Dieses Gerät war ein wichtiger Schritt, um PC für einheimische Nutzer handhabbar zu machen. Die entsprechende Forschung hatte das öffentliche Computerinstitut durchgeführt, der leitende Ingenieur hatte sich Lenovo angeschlossen. Lenovo konnte nun die Forschungsergebnisse des Instituts auf eigene Rechnung vermarkten.³

Dieser Vorgang ist ein Beispiel für einen grundlegenden Aspekt der Reform und Öffnung: Neue private Unternehmen wuchsen auf Grundlage sozialistischer Errungenschaften. Die sozialistische Wirtschaft hatte den Aufbau der chinesischen IT-Industrie möglich gemacht, das öffentliche Institut hatte die Han-Card entwickelt – Lenovo konnte diese Errungenschaften vermarkten. In dieser Transformation staatlicher zu privaten Unternehmen waren – auch bei Lenovo – die genauen Eigentumsverhältnisse oft unklar. Dabei gingen riesige Werte in private Kontrolle und privates Eigentum über – auf eine Weise, die oft erst Jahre später gesetzlich reguliert wurde. Diese Umwandlung hat Korruption in einem Ausmaß hervorgebracht, das zwischen 1949 und 1978 in China unbekannt war.⁴

Im Laufe der 1980er Jahre erwirtschaftete Lenovo den Großteil seiner Profite durch Importe. Auch diese Geschäfte wurden zwar toleriert, aber erst später gesetzlich geregelt – sie waren zu einem guten Teil halblegal oder illegal. Lenovo verkaufte also zunächst die Produkte der Konzerne, die das Unternehmen später verdrängen sollte. Es war von der Gründung an ein profitorientiertes Unternehmen – zwar offiziell in Staatseigentum, allerdings unter vollständiger Kontrolle des Managements.

Kurz nach der Konterrevolution in Europa leitete die Führung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) den groß angelegten, vollständigen Übergang zur Marktwirtschaft ein. Das Ereignis, das diesen Übergang markiert, ist die berühmte Reise Deng Xiaopings in die südlichen Provinzen 1992. Schon seit 1978 hatte die KPCh erste Marktreformen durchgeführt – vor allem in der Landwirtschaft. Sie hatte aber auch einen Aufschwung kleinerer Privatunternehmen ermöglicht. Dieser Prozess war ab 1988 wegen wirtschaftlicher Krisenerscheinungen und politischer Verwerfungen ins Stocken geraten.⁵

Die Vorreiter der marktwirtschaftlichen Umgestaltung waren lokale, oft ländliche, kleinere Unternehmen – »Township and Village Enterprises« (TVE). Sie hatten ihren Ursprung im kollektiven Sektor, waren also mit den aus den Volkskommunen hervorgegangenen lokalen Regierungen verbunden. Diese Unternehmen wuchsen schon in den 80ern, aber auch in den 90ern auf dynamische Weise – mit Profitraten von teilweise 30 Prozent.⁶ Sie fertigten zunächst alle Arten von arbeitsintensiven, technisch nicht besonders anspruchsvollen Industrieprodukten. Sie orientierten sich mehr und mehr am Markt, auch am Weltmarkt, produzierten also für den Export und wurden in internationale Lieferketten eingebunden.

Im Laufe der 1990er Jahre wurde China zur »Werkbank der Welt«: Aus den Zentren verlagerten Konzerne einen großen Teil ihrer industriellen Fertigung nach China, insbesondere die arbeitsintensiven Schritte.⁷ Die TVE bildeten den wichtigsten Teil dieser exportorientierten Industrie (und damit auch die Grundlage für das Klischee von der qualitativ schlechten chinesischen Billigproduktion). Ab Anfang der 1990er Jahre wurden die TVE massenhaft privatisiert, häufig in der Form, dass sie ans Management verkauft wurden. Das bedeutete oft, dass bisherige sozialistische Wirtschaftskader nun zu Privatunternehmern wurden. Auch hier zeigt sich, wie im Zuge der Reform und Öffnung sozialistische Errungenschaften an eine neu entstehende Unternehmerschaft weitergegeben wurden.

Erfolgreicher Übergang

Auch heute spielen Staatsunternehmen – Unternehmen im Eigentum der Zentralregierung – eine wichtige Rolle in der chinesischen Wirtschaft, auch wenn der private schon lange größer als der staatliche Sektor ist. Aber auch diese Staatsunternehmen sind keine sozialistischen Unternehmen mehr. Die ersten Reformschritte ging die KPCh in den 1980ern: Sie gab den Staatsunternehmen größere Autonomie, um selbst über die Investition ihrer Gewinne zu entscheiden, Preise für ihre Produkte festzusetzen und auf dem Weltmarkt zu agieren. Die große Welle der Umstrukturierung der Staatsunternehmen fand in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre statt.⁸

Die Regierung stand vor dem Problem, dass die Staatsunternehmen in der Konkurrenz mit inzwischen stärker gewordenen Privatunternehmen oft unterlegen waren – schon deshalb, weil die Staatsunternehmen höhere Löhne zahlen mussten und für die Versorgung der Rentner verantwortlich waren, die früher bei ihnen gearbeitet hatten. 1994 formulierte die Regierung die neue Strategie: »Die Großen erhalten, die Kleineren gehen lassen.«⁹ Die Zentralregierung erlaubte erstmals, dass Staatsunternehmen pleite gingen. Andere dieser Unternehmen verkaufte sie – auch in diesem Bereich typischerweise an das bisherige Management. Im allgemeinen wuchs der private Sektor bereits in den 1990er Jahren schneller als der staatliche. Heute dominieren Staatsunternehmen vor allem in den Bereichen der Stahlindustrie, Erdöl, Transport, Energie und im Bankwesen. In den anderen Branchen wurden die Staatsunternehmen überwiegend umstrukturiert, um am Markt bestehen zu können.¹⁰ In diesem Prozess sind die meisten Staatsunternehmen zu Aktiengesellschaften reorganisiert worden – eine Rechtsform, die das ganze Unternehmen am Profit ausrichtet. In der IT-Wirtschaft lasse sich »ein ziemlich erfolgreicher Übergang zu einer kapitalistischen Marktwirtschaft« erkennen, schätzen die Wirtschaftsforscher Dieter Ernst und Barry Naughton ein.

Damit hat sich auch die Art und Weise, wie der Staat die Wirtschaft lenkt, grundsätzlich verändert. Seit 2003 verwaltet eine neue Behörde die Staatsunternehmen: die Kommission des Staatsrats zur Kontrolle und Verwaltung von Staatsvermögen (SASAC). Unter der Leitung dieser Behörde sind alle Unternehmen der Zentralregierung – unabhängig von der Branche – zusammengefasst worden. Diese Behörde ist gesetzlich dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass sich der Wert der Unternehmen vergrößert.¹¹ Das bedeutet im Ergebnis, dass die Unternehmen nach dem Profitprinzip geleitet werden müssen.

Arbeitskraft als Ware

Die Wirtschaftspläne, die es heute in China gibt, haben einen anderen Charakter als vor der Reform und Öffnung – es handelt sich um Rahmenpläne, die die markt- und profitorientierte Wirtschaft makroökonomisch steuern. Der Ostasienwissenschaftler Thomas Heberer schätzt ein: »Die heutigen Pläne in China sind keine nach sowjetischem, sondern nach japanischem Muster.«¹² Privatunternehmer sind inzwischen stärker in der Partei vertreten, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht, Großunternehmer stärker als kleine.¹³ Sie nehmen häufig auch wichtige Funktionen ein. Dort, wo es in Privatbetrieben Parteikomitees gibt, ist der Unternehmer meist Parteisekretär. Bei Streiks und anderen Arbeitskonflikten stehen Parteikomitee und Gewerkschaft im allgemeinen eher (nicht immer) auf der Seite der Geschäftsführung als der Beschäftigten.

Die Umstrukturierung der Staatsunternehmen hatte weitreichende Auswirkungen auf die Beschäftigten. Diese Auswirkungen werden oft mit dem Begriff »Zerschlagung der eisernen Reisschale« beschrieben – mit der »eisernen Reisschale« ist das frühere System der Absicherung und Versorgung gemeint. Generell spielten die Betriebe eine wichtige sozialpolitische Rolle (ähnlich wie in anderen sozialistischen Ländern). In profitorientierten Unternehmen, die sich am Markt und in Konkurrenz zu Privatunternehmen behaupten sollen, ist diese sozialpolitische Rolle nicht tragbar. Die Regierung entließ die Staatsunternehmen also aus dieser Verantwortung. Das schloss ein, dass die Unternehmen nun die Möglichkeit bekamen, Mitarbeiter zu entlassen.¹⁴ (Zuletzt lag die Arbeitslosigkeit nach offiziellen Zahlen um die vier Prozent.) Damit ist auch die Arbeitskraft der städtischen Arbeiter zur Ware geworden.

Die billige Arbeitskraft vor allem der vielen Millionen proletarisierten Wanderarbeiter war der wichtigste Vorteil, den China im Wettbewerb anzubieten hatte, um ausländische Konzerne zur Verlagerung ihrer Produktion nach China zu bewegen. Als »Werkbank der Welt« war China das ergänzende Gegenstück zum Neoliberalismus in den imperialistischen Zentren.¹⁵

Vorreiter der Transformation

Lenovo verfolgte – ähnlich wie andere große Konzerne – im Laufe der 90er Jahre zunächst das Geschäftsmodell, einfache Produkte anzubieten, die an die chinesische Kaufkraft angepasst waren. Lenovo produzierte also PC und später Laptops, deren Leistung und Ausstattung nicht an die Produkte der US-Konkurrenz heranreichten, die aber deutlich billiger waren. Auf diese Weise entwickelte der Konzern nach und nach die eigene Fertigung und die eigene Marke. Lenovo konnte so eine starke Position auf dem chinesischen Markt erreichen und schließlich beginnen, ausländische Märkte zu erschließen.

Im Prozess der marktwirtschaftlichen Transformation der großen Unternehmen war Lenovo ein Vorreiter. Schon in den 80er Jahren ging das Unternehmen dazu über, Führungskräfte auch mit Boni zu bezahlen. Auch dabei handelte es sich um ein mindestens halblegales Verfahren, das in sozialistischen Betrieben nicht vorstellbar gewesen wäre – wieder wird deutlich, dass die Marktwirtschaft in der Praxis schneller umgesetzt wurde, als sich das im Recht widerspiegelte. Insgesamt führte Lenovo zügiger als andere Unternehmen Verteilungsformen ein, die für kapitalistische Unternehmen charakteristisch sind, und war damit für andere Unternehmen ein Vorbild.

1997 wurde Lenovo als erstes Unternehmen im Eigentum der Zen­tralregierung mehrheitlich privatisiert. Neuer Eigentümer wurde das Management (»Management buyout«, MBO). Schon längere Zeit vorher hatte das Management das Recht erhalten, für gewisse Anteile des Unternehmens über die Dividende zu verfügen, obwohl die Anteile im Eigentum der Regierung blieben. Diese Anteile wurden nun ans Management verkauft, in einem komplizierten und teils undurchsichtigen Prozess wurden die Eigentumsverhältnisse im Unternehmen neu geordnet. Im Ergebnis hielten private Eigentümer drei Viertel der Anteile, die Zentralregierung ein Viertel.

Das Neue Zeitalter

Inzwischen haben sich die internationalen wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse verschoben. »Xi Jinpings Ideen des Sozialismus chinesischer Prägung im neuen Zeitalter« bringen das zum Ausdruck. China ist wirtschaftlich und politisch zum nennenswerten Konkurrenten der alten Großmächte geworden.

Mit China als »Werkbank der Welt« waren chinesische Unternehmen vor allem Billigzulieferer ausländischer Konzerne und haben ausländische Technik kopiert. Der Staat versuchte, durch Joint Ventures mit ausländischen Unternehmen technische Fähigkeiten ins Land zu holen. Heute konkurrieren chinesische Unternehmen mit ihren früheren Auftraggebern weltweit um Marktanteile.

Die Politik der chinesischen Regierung zielt darauf, systematisch Märkte und Anlagemöglichkeiten für chinesische Unternehmen zu erschließen, unabhängig davon, ob es sich um private oder staatliche Unternehmen handelt. Besonders betont sie dabei den Wettlauf um Technologie. Die Initiativen und Programme der Regierung wie die »Neue Seidenstraße«, »Go Out« (oder »Going Global«) oder »Made in China 2025« zielen darauf ab, chinesische Unternehmen in der Konkurrenz zu stärken und ihnen Investitionen im Ausland zu ermöglichen.

Für Lenovos Position auf dem Weltmarkt waren Käufe ausländischer Unternehmen entscheidend. 2005 übernahm das Unternehmen die PC-Sparte von IBM, 2011 kaufte es Medion, den PC-Lieferanten von Aldi.

Die staatliche Förderung des chinesischen Kapitalexports trug lange dazu bei, dass die chinesischen Investitionen im Ausland schnell wuchsen – besonders von Anfang der 2000er Jahre bis 2017. Das heißt: Chinesische Konzerne nehmen wie ihre Konkurrenz aus der EU, aus Japan oder den USA an der weltweiten Jagd nach Profiten und Märkten teil. Und: Was ist der Grund für ein Unternehmen, im Ausland zu investieren? Es findet im Inland nicht mehr ausreichend profitable Anlagemöglichkeiten. Die Legend Holdings Corporation, die hinter Lenovo steht, ist heute eine stark diversifizierte Unternehmensgruppe – sie hat Tochterunternehmen, die Agrarprodukte herstellen oder Finanzdienstleistungen anbieten. Trotzdem investiert sie nicht nur in andere Branchen im Inland, sondern auch im Ausland.

Von 2013 bis 2017 war Lenovo erstmals Weltmarktführer bei PC und Laptops, und im Moment ist der Konzern es wieder: Sein Weltmarktanteil liegt bei 24,8 Prozent (vor HP mit 22,8 Prozent). Ein Unternehmen, das für eine Produktgruppe fast ein Viertel des gesamten Weltmarktes kontrolliert, ist ein Monopolkonzern. Auch das Beispiel zeigt also: Mit dem »Neuen Zeitalter« haben sich die Kräfteverhältnisse verschoben, China und chinesische Unternehmen sind zu starken Konkurrenten »des Westens« geworden.

Die chinesische Wirtschaft ist durch die Reformen im Laufe der 1990er Jahre umfassend zur Marktwirtschaft umgewandelt worden, einer Wirtschaft, in der alle Wirtschaftsbereiche auf den Markt ausgerichtet sind, die Unternehmen gezwungen sind, ihre Profite zu steigern, die Arbeitskraft eine Ware ist – einer kapitalistischen Wirtschaft. In China hat sich eine besondere Form der Verflechtung von Staat und Konzernen herausgebildet: durch die Strukturen der KPCh, durch das besondere politische System der Volksrepublik.

Schon dieser grobe Überblick macht deutlich: Die chinesischen Marktreformen mit der »Neuen Ökonomischen Politik« in Sowjetrussland bzw. der Sowjetunion der 20er Jahre gleichzusetzen führt in die Irre. Diese Analogie verstellt den Blick auf einige zentrale Aspekte der chinesischen Geschichte: Es war die Revolution, die China von imperialistischem Einfluss befreit hat – nicht die Marktreformen. Es war die Revolution, die den Bauern das Land gegeben hat und die feudalen Elemente beseitigt hat, die China in Rückständigkeit gehalten haben – nicht die Marktreformen. Und es war die Revolution, die eine planmäßige Entwicklung der chinesischen Wirtschaft möglich gemacht hat. Die Marktreformen konnten nur deshalb erfolgreich sein, weil Errungenschaften des sozialistischen Aufbaus an neue Kapitalisten verkauft wurden.

Anmerkungen

1 A Torch-Bearer for Chinese Capitalism, in: The Economist, 18.6.2015. Vgl. Ling Zhijun: The Lenovo Affair. The Growth of China's Computer Giant and Its Takeover of IBM-PC, John Wiley and Sons, Singapur 2006, S. 2

2 Dieter Ernst/Barry Naughton: China’s Emerging Industrial Economy – Insights from the IT Industry. Hawaii, August 2005, http://www.eastwestcenter.org/fileadmin/stored/misc/Chinas_Emerging.pdf, Stand: 5.5.2011

3 Ling Zhijun: Lenovo, S. 73

4 Barry Naughton: The Chinese Economy. Transitions and growth, MIT Press, Cambridge, Mass., 2007, S. 290 und 324

5 Maurice Meisner: Mao's China and After. A History of the People's Republic, Free Press, New York 1999, S. 491–494

6 Naughton, a. a. O., S. 274 f. Vgl. Tobias ten Brink: Chinas Kapitalismus. Entstehung, Verlauf, Paradoxien, Campus-Verlag, Frankfurt am Main/New York 2013, S. 117

7 Vgl. Li Minqi: China's Changing Class Structure and National Income Distribution, 1952–2015, in: Journal of Labor and Society, Jg. 20/2017, Nr. 1, S. 61–84, hier: S. 61

8 Naughton, a. a. O., S. 323

9 Meisner, a. a. O., S. 522

10 Boy Lüthje: Ökonomische Modernisierung und industrielle Beziehungen im neuen chinesischen Kapitalismus, in: Das Argument, Jg. 48/2006, Heft 5/6, Nr. 268, S. 61–75, hier: S. 62

11 Interim Regulations on Supervision and Management. Decree of the State Council of the People’s Republic of China, http://en.sasac.gov.cn/2003/11/24/c_118.htm; Art. 11. Guidelines to the State-owned Enterprises Directly under the Central Government, http://en.sasac.gov.cn/2011/12/06/c_313.htm, Stand: 5.4.2020

12 Thomas Heberer: Vortrag beim Essener Friedensforum, 15.1.2020

13 Zhang Houyi/Lü Peng: Ökonomische Differenzierung und Wandel des politischen Status von privaten Unternehmern, Beijing 2012, S. 301–311

14 Vgl. Mark W. Frazier: The Evolution of a Welfare State under China's State Capitalism, in: Barry Naughton/Kellee S. Tsai (Hg.): State Capitalism, Institutional Adaptation, and the Chinese Miracle, Cambridge 2015, S. 223–239, hier: S. 223

15 Felix Wemheuer: Chinas große Umwälzung. Soziale Konflikte und Aufstieg im Weltsystem, Papyrossa-Verlag, Köln 2019, S. 189

Olaf Matzerath ist studierter Sinologe und hat eine Zeitlang in China gelebt.

Marxistische Blätter, Heft 6/2020: »China, Vietnam, Kuba, Chile … Wege des Sozialismus«. Neue-Impulse-Verlag, Essen 2020, 12,50 Euro. Zu beziehen unter neue-impulse-verlag.de

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (10. November 2020 um 01:05 Uhr)
    Vielen Dank für die sehr hilfreiche Zusammenfassung der bisherigen Entwicklung! Bitte beantworten Sie mir zwei Fragen: Wie sind die Jahresplanungen der VR China strukturiert und orientiert? Worauf beruht die Annahme, dass das BIP der Volksrepublik bis zum Jahre 2035 verdoppelt werden wird? – Vielen Dank!
    • Beitrag der jW-Redaktion (10. November 2020 um 10:03 Uhr)
      Lieber Leser, als vorläufige Antwort ein Hinweis auf unsere Suchfunktion, über die leicht Beiträge von Jörg Kronauer zugänglich sind:

      www.jungewelt.de/regio/China

      Die Frage wurde aber weitergegeben!

      (jt)
  • Beitrag von josef w. aus H. (10. November 2020 um 09:41 Uhr)
    Trägt dieser Artikel wirklich zu einem vertiefenden Verständnis der chinesischen Entwicklung seit 1949 bei? Mir kommt er eher vor wie ein Beitrag zur Glaubensfrage, ob sich die Volksrepublik China nun zu Recht oder Unrecht als sozialistische Gesellschaft bezeichnen darf oder nicht. Ist das nicht eher eine scholastische Fragestellung und so hilfreich wie die berühmte Frage:

    Wieviel Engel sitzen können

    auf der Spitze einer Nadel –

    wolle dem dein Denken gönnen,

    Leser sonder Furcht und Tadel!

    Der Prozess der Reform und Öffnung am Beispiel Lenovos wird auch in diesem Artikel wie so oft als Sündenfall, als historische Rolle rückwärts gewertet. Der Autor geht dabei m. E. mit tiefenentspannt geschlossenen Augen an den Gründen dieser Entwicklung vorbei, z. B. an der Tatsache, dass noch zu Beginn der Reformpolitik über 90 Prozent der chinesischen Bevölkerung in tiefster Armut lebten und die neue Politik, die übrigens die KPCh als Weiterentwicklung des Sozialismus wertet, weil zu den spezifischen Problemen des Landes passend, den Grundstein für eine historisch einmalige Entwicklung der Produktivkräfte einer derart großen Gesellschaft legte. Das Ziel der chinesischen Politik ist die Entwicklung der Gesellschaft – der Mensch steht dabei im Mittelpunkt und nicht das Interesse des Kapitals.

    Der Autor sollte vielleicht erklären, wie die KPCh diese Probleme erfolgreich bewältigte, anstatt sie als Verstoß gegen einen virtuellen sozialistischen Katechismus zu geißeln.

    Die westlichen Apologeten des Kapitalismus wittern in der Entwicklung der VR China Gefahr für ihr System, und ihre Massenmedien von Taz bis FAZ überschlagen sich täglich mit Horrormeldungen über dieses Land als Systemfeind Nummer 1.

    Manchen westlichen Linken scheint es ebenso zu gehen – sie wittern Gefahr für ihren Anspruch, den Geist der Geschichte zu kennen und ihn lenken zu können. Sie wissen quasi, wieviel Engel auf der Nadelspitze sitzen. Aber Fakt ist:

    Ich hingegen stell den Satz auf

    Keiner! – Denn die nie Erspähten

    können einzig nehmen Platz auf

    geistlichen Lokalitäten. (Christian Morgenstern)
  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (11. November 2020 um 01:48 Uhr)
    Glaubensfragen, scholastische Fragestellung, Katechismus – derartige Inhalte finden sich m. E. in diesem Beitrag nicht. Selbstverständlich ist über Eigentumsverhältnisse und ihre Entwicklung/Wandlung zu sprechen, wenn der rasante Fortschritt in der Volksrepublik erklärt wird. – Vor zwölf Jahren haben Herr Rolf Berthold (1938–2018), von 1982 bis 1990 Botschafter der DDR in der VR China, und ich uns zu einem mehrstündigen Interview – eher einem fesselnden Gespräch mit vielen Offenbarungen – getroffen. Mein Eindruck: Er hätte diese Darstellung, die uns hier präsentiert wird, unterstützt und unterschrieben. Ausgeschmückt und angereichert, gedeutet und problematisiert, aber insgesamt doch unterschrieben. Den Gedanken, dass ein linksorientierter Katechismus existiert, werden klar denkende Menschen, die sich vom Lesen nicht abhalten lassen, niemals abstreiten. Wollen wir hoffen, dass er in Bewegung gerät und sich seine Anhängerinnen und Anhänger mit der Zeit umorientieren.

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