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Aus: Ausgabe vom 13.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Ohne Kanonendonner

»Power Up«: Ein neues AC/DC-Album ist ein neues AC/DC-Album
Von Frank Schäfer
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»Meine Frau sagt, sie erkennt ein Riff der Rolling Stones sofort an den klassischen drei Akkorden. Sehr schön, sag’ ich dazu, aber viel zu aufwendig« – Angus Young

Anfang der 90er regnete es AC/DC-Dollars im Niedersachsenstadion zu Hannover. Die Australier hatten seit Jahren mal wieder ein durchgängig gutes Album aufgenommen. Die Tour zu »The Razors Edge« lief entsprechend. Bei »Moneytalks« wurde von einem Zeppelin oder einer V2-Rakete, keine Ahnung, es war zu dunkel, Spielgeld abgeworfen. Unser Pulknachbar hatte sich schon zwei Scheine gesichert, und er tanzte vor uns herum wie ein Veit, um nach weiteren zu grabschen. Meine Freundin sah ihn mitleidig an, ich war einfach nur erstaunt. Er missdeutete ihren Gesichtsausdruck offensichtlich als Bedauern darüber, dass er uns alles wegschnappte, und lächelte kleinlaut.

»Oh, ’Schuldigung«, schrie er gegen die Band an und zählte ihr zwei Dollarscheine in die Hand. Wir waren so gerührt von der Geste, dass wir sie bis heute aufgehoben haben.

Wahre AC/DC-Fans, das will uns diese kleine Parabel sagen, haben teilen gelernt. Diese Musik stammt nicht aus betuchten Verhältnissen. Sie muss jedes Riff und jedes Lick dreimal umdrehen, hat nichts zu verschenken und behält dennoch stets ihren proletarischen Stolz. Sie will nie und nimmer was anderes sein.

Dass sich die Riesenpfeife und ewige Mogelpackung Karl-Theo Buhl-Freiherr von und zu Guttenberg damals bei seinem letzten Zapfenstreich als Bundesminister der Verteidigung vom dazugehörigen Spielmannszug AC/DC wünschte, ficht die Band und ihre Anhängerschaft nicht an. Ranschleimerei gibt es immer und überall. Zumal der Donnergott Ärgeres verhinderte. Die Blaskapelle winkte bekanntlich ab und schmetterte statt dessen »Smoke on the Water«. »Overkill« von Motörhead hätte ich noch passender gefunden.

Ein so gutes Album wie »The Razors Edge« hat es in den folgenden 30 Jahren nicht wieder gegeben. Der AC/DC-Dollar rollt trotzdem weiter und weiter. Nicht mal ein Ehrenverbrechen, nach Malcolm Youngs Tod einfach weiterzumachen, nicht mal der Komplettirrsinn, infolge Brian Johnsons drohender Ertaubung W. Axl Rose in die Band zu holen, hat ihrem Ansehen wesentlich geschadet und irgendjemanden davon abgehalten, ihre Mammutkonzerte zu besuchen.

Jetzt ist der Trödeltrupp auf einmal wieder komplett. So komplett man eben sein kann nach dem Ableben von Bruder Malcolm, der, man kann es nicht oft genug sagen, besten rechten Hand des Rock ’n’ Roll. Aber immerhin, Phil Rudd, der alte Four-to-the-Floor-Virtuose, darf sein Land wieder verlassen (dass er seinen Dealer hat um die Ecke bringen lassen, konnte man ihm nicht nachweisen); Johnson pfeift auf die Ratschläge der Tinnitusliga; Malcolms Ersatzmann, Neffe Stevie Young, hat die richtigen Gene für einen soliden Job; und Angus ist eben Angus. Eine Tour fürs nächste Jahr ist geplant, wenn man denn jemals wieder touren darf, und jetzt erscheint erst einmal das dazugehörige Album »Power Up«. Es ist wieder nicht »The Razors Edge« geworden, aber eben auch nicht »Fly on the Wall«.

Die abgestoppten Riffs, die im Chorus dann meistens stramm durchgeschlagen und stehengelassen werden, der immer etwas tumbe, aber effiziente Beat, die erwartbaren Drumbreaks und Fermaten, die immergleichen Blueslicks und Fills, die kaskadenartigen Sololäufe und nicht zuletzt dieses unter Schmerzen geborene Pressgekeife. Man hat das alles schon sooft gehört und, was noch schlimmer ist, schon sooft darüber geschrieben. Aber wie man sich bei einer guten Fernsehserie auf die Marotten und blöden Sprüche seiner Lieblingsfigur freut, so geht es einem auch bei jedem neuen Album von AC/DC. Die Sprüche eingeschlossen. »A shot in the dark / Yeah, electric sparks / A shot in the dark / Beats a walk in the park, yeah«. Leider gibt es keinen Kanonendonner.

Die erste Auskopplung »Shot in the Dark« ist eine hübsche Variante von »Stiff Upper Lip« und das war bekanntlich schon eine hübsche Variante … egaaal. Es gibt einige Songs, die mit großem Bimbam dem Gesetz der Serie gehorchen. Aber jedes gute ­AC/DC-Album überrascht auch, seiner musikalischen Mangelökonomie zum Trotz, mit ein paar Renovierungsarbeiten. Hier widmen sie sich den Chören. Die sind nicht mehr nur hooliganeskes Gebrüll im Kleinformat und folglich als Handlungsaufforderung an das Auditorium zu verstehen, sondern tragen etwas bei zur melodischen Struktur.

In dem souverän aus der Hüfte gepolterten Opener »Realize« zum Beispiel löst der grummelnde Männergesangsverein Brian Johnsons Gekrähe ab und macht so die Chorusmelodei erst rund. Bei »Witch’s Spell« haben die Youngs einen schon bei der liquiden Bridge in die Tasche gesteckt, aber dann kommt dieser Refrain, der, flankiert von den Backings, echte Durchschlagskraft entwickelt. Und auch der nostalgische Pub-Rock-Schunkler »Through the Mists of Time« klingt nicht nach dem üblichen AC/DC-Allerlei.

Ein paar Füllsel trüben den Spaß allerdings, die von Malcolm Young verantworteten Alben waren ja auch selten frei davon. »Power Up« ist mit zwölf Songs mindestens zwei zu lang. Eher vier. Praktischerweise stehen sie ganz am Ende. Man macht einfach aus, wenn man nicht mehr kann. Am besten nach dem gemeinen Shuffle »Wild Reputation«. Johnson gibt den Kneipenschläger und fiesepetert, wie er die Hauptstraße raufkommt und man ihm besser aus dem Weg geht, denn er hat ja nicht von ungefähr diesen wilden Ruf. Mit Glockengeläut wäre er noch glaubwürdiger.

AC/DC: »Power Up« (Sony)

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