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Aus: Ausgabe vom 05.11.2020, Seite 15 / Medien
Laute progressive Stimme

Freies Radio in New York

Radiogeschichte(n): Seit über 60 Jahren verweigert sich WBAI dem Kommerzdiktat
Von André Scheer
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Anarchistisch? Ein paar Regeln gibt es bei WBAI schon …

Milton Allimadi nimmt vor dem Mikrofon kein Blatt vor den Mund: »Wir senden keine Werbung, deshalb denkt darüber nach, Geld für uns zu spenden. Ich kann euch garantieren, dass es sehr gut eingesetzt werden wird.« Jeden Dienstag nachmittag präsentiert er eine Stunde lang seine »Black Star News« auf WBAI (ursprünglich World Broadcast Associates, Inc), dem einzigen New Yorker Alternativsender. Der Ruf nach Geld ist typisch, denn die Station finanziert sich durch freiwillige Beiträge. Wer mindestens 25 Dollar spendet, kann in den Senderausschuss, das »Local Station Board«, gewählt werden und dort die Entwicklung des Programms mitbestimmen.

Das auf UKW 99,5 MHz und im Internet zu hörende WBAI, dem Konkurrent NBC bescheinigt, eine der »lautesten progressiven Stimmen des Landes« zu sein, hat bereits eine lange und bewegte Geschichte hinter sich. 1957 hatte der russischstämmige Industrielle Louis Schweitzer für 34.000 Dollar die Lizenz für einen 1941 gegründeten Radiosender erworben, der zwei Jahre zuvor den Betrieb eingestellt hatte. Der je nach Sichtweise als idealistisch oder exzentrisch beschriebene Millionär entschied, dass Profit und Journalismus nicht zusammenpassen. 1959 rief er deshalb bei der Pacifica Foundation an, einer 1946 von Pazifisten gegründeten Organisation nicht-kommerzieller Radiostationen, und bot dieser die Übernahme von WBAI an, die ab Januar 1960 vollzogen war.

Das war der Beginn eines Alternativsenders, in dem zeitweilig mehr als 300 Menschen arbeiteten, die meisten von ihnen ehrenamtlich. Die New York Times beschrieb die Station in den 70er Jahren als »anarchistischen Zirkus«. Soldaten erfuhren dort, wie sie einem Einsatz im Vietnamkrieg entgehen konnten, und als sich 1979 im Atomkraftwerk »Three Mile Island« in Harrisburg der GAU ereignete, unterbrach WBAI für drei Tage sein reguläres Programm und berichtete nonstop über die Ereignisse.

Geldprobleme hatten die Radiomacher ständig. Es kam vor, dass ein Handwerker von der Elektrizitätsgesellschaft erschien und wegen nicht bezahlter Rechnungen den Strom abdrehte. Bislang jedoch konnte man sich immer am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Der jüngste Angriff kam aber aus den eigenen Reihen: Am 7. Oktober 2019 schaltete die Pacifica Foundation als Eigentümerin das Lokalprogramm von WBAI ab. Bis auf zwei Techniker wurde die gesamte Mannschaft entlassen, und über die Sendeantenne wurde das landesweite Rahmenprogramm »Pacifica Across America« ausgestrahlt.

Doch die Mannschaft reichte Klage ein und bekam nach einigem Hin und Her recht. Am 7. November 2019 konnte WBAI seine eigenen Sendungen wieder aufnehmen. Obwohl Pacifica damals gewarnt hatte, dass das die Existenz der Foundation gefährden könnte, scheint man sich inzwischen dort mit der Niederlage abgefunden zu haben. Auf der Homepage des Netzwerks gibt es jedenfalls keinen Kommentar zum Ausgang der Auseinandersetzung.

In New York können die Hörer seither wieder Sendungen wie das auch in Deutschland bekannte Magazin »Democracy Now!« empfangen, das zweimal am Tag auf WBAI läuft. Andere Sendereihen sind das feministische »Joy of Resistance« oder das von Native Americans präsentierte »Resistance Radio«. Und am Samstagabend läuft »Working Class Heroes«. In der Sendung befassen sich bekennende Sozialisten und Gewerkschafter mit den täglichen Problemen der Werktätigen.

Homepage & Livestream: www.wbai.org

Komplette Serie: jungewelt.de/radio

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