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Aus: Ausgabe vom 05.11.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Jemen

Kein Ende in Sicht

Humanitäre Lage im Jemen weiterhin katastrophal. Angriffe ­Saudi-Arabiens auf zivile Infrastruktur halten an
Von Jakob Reimann
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Vollkommen zerstört: Ein Öl- und Reifengeschäft in Sanaa nach einem saudischen Luftangriff (2. Juli)

Das derzeitige Ausmaß des Hungers Im Jemen ist nach Angaben der Vereinten Nationen beispiellos. Fast zehn Millionen Menschen sind akut von Hunger bedroht, allein zwei Millionen Kinder sind auf entsprechende besondere Hilfe angewiesen. In einigen Regionen sei fast jedes dritte Kind unterernährt, teilte das UN-Welternährungsprogramm (WFP) in seinem jüngsten Bericht vom 20. Oktober mit. Bereits seit Jahren bezeichnet die UNO die Lage im 29-Millionen-Einwohner-Land als »schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt«. Auf der Liste der Hilfsorganisation International Rescue Committee, die größten Krisen betreffend, belegte das Land 2020 den ersten Platz – vor der DR Kongo und Syrien. Im seit März 2015 andauernden Krieg Saudi-Arabiens gegen die Ansarollah (»Huthis«) waren bereits bis Oktober 2019 über 100.000 Menschen getötet worden, meldete die Nichtregierungsorganisation »Armed Conflict Location and Event Data project«.

Werden die Todesopfer der sogenannten Sekundärphänomene hinzugezählt, steigt die Zahl gar auf eine Viertelmillion: Denn neben dem Hunger wüten Malaria, Dengue, Polio, Masern und Cholera im Land. Nach Angaben der WHO gab es zwischen Oktober 2016 und Januar 2020 mutmaßlich 2.316.197 Cholerafälle im Jemen. Die Organisation hat aufgrund der Coronapandemie aufgehört, ihre Updates für die Folgemonate zu veröffentlichen. Die nahezu vollständige internationale Blockade des Landes hat den Jemen zwar eine Zeitlang vor dem Ausbruch der Covid-19-Infektionen bewahren können, doch mittlerweile grassiert das Coronavirus auch im Süden der Arabischen Halbinsel.

Angriffe der saudi-arabischen Kriegskoalition auf Krankenhäuser und Einrichtungen der Nahrungsmittel- und Trinkwasserversorgung haben dazu geführt, dass 80 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, doch diese kommt nur selten bei der Bevölkerung an: Vergangene Woche Mittwoch veröffentlichte »Yemeni Archive«, ein Portal zur Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen im Land, Daten, wonach die Kriegskoalition zwischen 2015 und 2019 insgesamt 131 Brücken, die für den Transport von solchen Gütern notwendig sind, systematisch zerstört hat.

Hinzu kommt eine nahezu komplette Seeblockade des Landes: Diese ist eine der Hauptgründe für die Hungersnot, da sie Nahrungsmittellieferungen erschwert. Die Abschottung ist verantwortlich für ein anderes enormes Problem: Die meisten verbliebenen Hospitale sind auf dieselbetriebene Generatoren angewiesen, die von Treibstoffimporten abhängig sind. Allein im August hinderte Riad 21 Öltanker daran, den wichtigsten jemenitischen Hafen in Hodeida anzufahren, wodurch sich die katastrophale Lage des Gesundheitssystems weiter verschlechterte, wie aus einem Bericht des Außenministeriums in Sanaa hervorgeht, der jW vorliegt.

Auch die Kämpfe in dem Land halten an, wie etwa im Gouvernement Marib. In den fünfeinhalb Jahren Krieg war die Lage dort verhältnismäßig ruhig. Viele der insgesamt über drei Millionen Binnenflüchtlinge im Land fanden daher in den 140 Geflüchtetenlagern der Region eine relativ sichere Zuflucht, was die Bevölkerungszahl im Gouvernement nahezu verdreifachte: »Marib beherbergt fast drei Millionen Zivilisten, von denen fast zwei Millionen Binnenvertriebene sind«, schrieb das Onlineportal The New Arab im September.

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Aber seit Januar kam es verstärkt zu Kämpfen in der Region. Im Juli begannen die Ansarollah von der Hauptstadt Sanaa aus eine ihrer größten Offensiven seit Kriegsbeginn auf das 170 Kilometer entfernte Marib. Sie konnten jedoch aufgrund des Widerstands der lokalen Bevölkerung nur in einige Distrikte vordringen. Unterstützt wird diese durch die Kampfjets der Koalition Riads: Im August flogen sie 331 Luftangriffe auf die Provinz. Wie aus dem Bericht des Außenministeriums hervorgeht, entspricht das für den Monat mehr als der Hälfte aller Luftschläge im Land. Laut The New Arab starben während der Kämpfe Hunderte auf seiten der Ansarollah. Die Zahl der getöteten Zivilisten wurde nicht übermittelt.

Marib steht seit Herbst 2015 unter Kontrolle der international anerkannten Regierung Abed Rabbo Mansur Hadis sowie dschihadistischer Gruppen wie Al-Qaida, die eng mit Hadi zusammenarbeiten. Die Wüstenregion ist umkämpft, weil sich dort ein Großteil der noch ungeförderten Ölvorkommen des Jemen befinden. Zudem ist sie wie ein Knotenpunkt für die Öl- und Gasinfrastruktur im Land. Eine Eroberung würde demnach bedeutende Profite mit sich bringen.

Außerdem ist die zentrale Lage des Gouvernements von herausragender strategischer Bedeutung. Sollten die Ansarollah planen, die riesigen, kaum besiedelten Gebiete Hadramauts von Al-Qaida und Regierungstruppen zu erobern oder gar einen Vormarsch auf den Regierungssitz in Aden erwägen, wäre Marib Schauplatz jeder militärischen Offensive. Die Schlacht könnte zum entscheidenden Wendepunkt des Krieges werden.

Die Leidtragenden sind unterdessen einmal mehr die unschuldigen Kinder, Frauen und Männer aus Marib sowie die Millionen Binnenvertriebenen vor Ort. Christa Rottensteiner, die für die Jemen-Mission der Internationalen Organisation für Migration zuständig ist, erklärte im Oktober gegenüber dem UN-Portal »Relief Web«: »Wir hoffen, dass bald eine friedliche Lösung gefunden werden kann, um eine massive Vertreibungskrise zu verhindern: Hunderttausende Menschen könnten zur Flucht gezwungen werden, von denen viele zum zweiten, dritten oder gar vierten Mal vor diesem Konflikt fliehen würden.«

Hintergrund: Zermürbungskrieg

Inspiriert vom »Arabischen Frühling« in Tunesien und Ägypten gingen im Frühjahr 2011 auch im Jemen Hunderttausende Menschen auf die Straßen. Als erfahrenste und organisierteste Gruppierung nahmen schnell die Ansarollah (»Huthis«) die Führungsrolle bei den Protesten ein und stürzten im Februar 2012 nach 22 Jahren an der Macht den Präsidenten Ali Abdullah Saleh. In ihrem Aufstand eroberten die Ansarollah von ihrer Hochburg Sada im Norden ausgehend ab 2014 – die Hauptstadt Sanaa und die Hafenstadt Aden im Süden inklusive – alle urbanen Zentren im Westen des Landes, so dass während der maximalen Ausdehnung im März 2015 im von ihr kontrollierten Gebiet 90 Prozent der jemenitischen Bevölkerung lebten.

Außerdem stürzten sie Salehs Nachfolger Abed Rabbo Mansur Hadi, setzten ein Kopfgeld auf ihn aus und trieben ihn ins saudische Exil nach Riad. Tags darauf begann am 26. März 2015 eine Koalition aus neun Staaten unter Führung Saudi-Arabiens die Bombardierung des Jemen. Riads Begründung, es gehe um die Zurückdrängung des iranischen Einflusses auf der Arabischen Halbinsel ist vorgeschoben. Es geht um die Sicherung ihrer Südgrenze sowie vor allem die Wiedereinsetzung von Hadi, der gemeinhin als saudische Marionette gilt und mit minimalem Einfluss auf das Land in einem Hotel in Riad ausharrt.

Die Koalition konnte zu Beginn des Krieges nur wenige Siege erzielen. Erst im Juli 2015 konnten die Ansarollah aus Aden und an weiteren Fronten teilweise ins Landesinnere zurückgedrängt werden. Doch die meisten Metropolen sind weiterhin unter Kontrolle der Ansarollah, insbesondere die Hauptstadt und das wirtschaftliche Zentrum Sanaa. Im Juni 2018 startete die Koalition die größte Offensive des Krieges auf die Hafenstadt Hodeida. Über den Hafen am Roten Meer gelangen über 80 Prozent der Nahrungsmittel und Hilfslieferungen ins Land, weshalb Hodeida auch die »Lebensader des Jemen« genannt wird. Hunderttausende Menschen wurden vertrieben. Die Kämpfe endeten schließlich mit dem Stockholmer Abkommen, unter dem Teile der Stadt mehr oder weniger demilitarisiert und ihre Kontrolle an die UNO übertragen wurde.

Der Krieg im Jemen hat schnell die Form eines Zermürbungskrieges angenommen, bei dem es nur minimale Frontverschiebungen oder militärische Entwicklungen gibt. In mehreren Krisenherden wie dem belagerten Taiz oder in der dünnbesiedelten ölreichen Wüstenregion im Marib-Gouvernement, liefern sich Ansarollah erbitterte Kämpfe gegen die Koalition, Regierungstruppen und diverse dschihadistische Milizen. Diplomatische Vorstöße des UN-Sondergesandten für den Jemen, Martin Griffiths, werden immer wieder sabotiert. (jr)

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