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Aus: Ausgabe vom 03.11.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Kommunismus gestrichen

Marx hat die Rechnung ohne den Hacks gemacht: Die 13. Peter-Hacks-Tagung in Berlin
Von Benjamin Alberts
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»Auf hohem Niveau behandelt«: Peter Hacks 1976

Es war schon eine seltsame Situation, zwei Tage vor dem neuen Lockdown. Wie ein letzter Gesang aus dem Sommer. Aber dann über Hacks und Marxismus?

So abwegig ist das gar nicht. Während China auch gesundheitspolitisch Überlegenheit demonstriert, spiegelte die 13. wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft am Sonnabend in Berlin sehr wohl eine Hauptfrage. Die Pandemie ist groß, aber ein Symptom. Wesentlich sind allemal die Produktionsverhältnisse. Kaum zufällig hatten die Veranstalter schon beim obligatorischen Vorabend China auf die Tagesordnung gesetzt: Am Freitag diskutierten im Karl-Liebknecht-Haus u. a. Christian Y. Schmidt und Wolfram Adolphi. Natürlich unter den gültigen Auflagen.

Und auch die Tagung selbst: Nicht mehr als 30 Besucher waren zugelassen, Masken durften nur am Platz abgenommen werden, und die Stühle standen mit Abstand. Drei der acht Redner waren nicht anwesend: Einer ließ seinen Vortrag verlesen, zwei wurden per Video zugeschaltet. Für die, die keinen Platz bekommen hatten, übertrug ein Livestream die acht Stunden in die Welt. Offenbar sind jetzt auch die Freunde der Klassik im 21. Jahrhundert angekommen.

Den ersten Vortrag von Heinz Hamm verlas der Moderator. Ausgehend von den Überlegungen der marxistischen Klassiker zum Kommunismus zeigte Hamm die Revision der Idee durch Ulbricht, der anstelle einer kurzfristigen Übergangsphase den Sozialismus als »relativ selbständige sozialökonomische Formation« verstand. Hacks, betonte Hamm, sei noch einen Schritt weitergegangen, indem er den Kommunismus ganz aus der Rechnung strich. Der sei bloß in sozialistischen Verhältnissen durch permanente Annäherung erreichbar.

Detlef Kannapin trat als zweiter Redner ans Pult. Er stellte die Frage, warum Hacks mit zwei ihm so ähnlichen Denkern wie Karl Kraus und Wolfgang Harich nicht warm geworden sei. Die Ähnlichkeit liege in der gemeinsamen Feindschaft gegen die romantische Konterrevolution. Hacks’ Deutung der sogenannten friedlichen Revolution von 1989 warf beim Redner die Frage auf, ob die Ableitung politischer Vorgänge aus False-Flag-Operationen nicht unter dem Niveau des Historischen Materialismus bleibt. Kannapin bejahte das, betonte aber, dass die Ebene der Konspiration in der Politik immer mitbedacht werden müsse.

Aus Indien zugeschaltet war Shaswati Mazumdar, die über Hacks’ Gebrauch der Begriffe Imperialismus und Kolonialismus referierte. Sie wies darauf hin, dass er den Kapitalismus nicht als gesonderte Formation betrachte, sondern allermeist gleich von Imperialismus spreche. Lenins Darstellung des Imperialismus sei, so Mazumdar, der Luxemburgschen Akkumulationstheorie aus politischen Gründen vorzuziehen, während es ein Verdienst von Luxemburg bleibe, die »dritte Person« in die Debatte eingeführt zu haben. Von dieser dritten Person zog sie eine Verbindung zu Hacks’ Theorie der »unreinen Gesellschaft«, nach der Formationen mit reinem Systemcharakter in der Geschichte Ausnahmen sind.

Ebenfalls zugeschaltet, allerdings aus Italien, war Fabiana Paciello. Für ihr Thema, den Klassenbegriff von Hacks, nahm sie Felix Bartels’ 2010 publizierte Studie »Leistung und Demokratie« als Ausgangspunkt. Hacks, erklärte Paciello, gehe über Marx und Lenin hinaus, das grundlegende Misstrauen in die Fähigkeit der Arbeiterklasse, in allen wichtigen Bereichen die richtigen Entscheidungen zu treffen, mache ein Gegengewicht durch Spezialisten nötig – und damit auch eine dritte Macht, die beide Parteien, Apparat und Spezialisten, im Zaum hält. Für Paciello stellt Hacks’ »politischer« Klassenbegriff eine Weiterentwicklung des ökonomischen von Lenin dar.

Der letzte Redner, Jakob Hayner, sprach über das Verhältnis von Marxismus und Romantik, also den Zusammenhang von Ästhetik und Ideologie. Ästhetische Vorlieben seien oft politische, betonte Hayner, und polemisierte gegen Robinsonaden, wo die gewonnene Freiheit stets nur eine scheinbare sein kann.

Jeder der acht Vorträge zeigte auf seine Weise, dass das Thema Hacks und Marxismus auf hohem Niveau behandelt werden kann – aber auch, dass es noch lange nicht erschöpft ist.

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