Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Gegründet 1947 Dienstag, 26. Januar 2021, Nr. 21
Die junge Welt wird von 2464 GenossInnen herausgegeben
Die junge Welt drei Wochen gratis testen Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Aus: Ausgabe vom 30.10.2020, Seite 5 / Inland
Verkehrspolitik

Vor freiem Fall

Flughäfen: Zukunft einiger Standorte unsicher. Zehntausenden Beschäftigten droht Jobverlust
Von Oliver Rast
imago0103171335h.jpg
Drehkreuz Hannover: leere Rolltreppen in den Terminals, kaum Passagiere an den Schaltern (9.8.20)

Der Befund lässt aufhorchen: zehn Millionen Euro Einnahmeverlust an allen deutschen Flughäfen, täglich. Zwei Milliarden Euro Umsatzausfall von März bis Ende September 2020 für deren Betreiber. Zahlen, die die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) am Mittwoch in Berlin mitteilte. Unter dem Strich sei das Passagieraufkommen so hoch wie vor 40 Jahren. »Im Winterhalbjahr stellt sich für die ersten Flughäfen die Überlebensfrage«, mahnte der Hauptgeschäftsführer der ADV, Ralph Beisel.

Anfangs seien vor allem kleinere, regionale Flughäfen betroffen gewesen, wenn Airlines krisenbedingt bestimmte Standorte nicht mehr angeflogen haben, sagte Sabine Herling, ADV-Pressesprecherin, am Donnerstag gegenüber jW: »Nun trifft es querbeet alle gleichermaßen«. Deshalb richtete Beisel einen dramatischen Appell an Bund und Länder, denn verschärfte Quarantäneregeln und neue Reisebeschränkungen setzten der Branche enorm zu. »Die Flughäfen befinden sich faktisch seit März 2020 im Lockdown«, so Beisel. Die wirtschaftliche Notlage verlange ein schnelles Handeln des Staates. Bei weiteren Hilfspaketen müssten betroffene Flughafengesellschaften berücksichtigt werden. »Die Liquidität an fast allen Standorten ist nur noch bis in das zweite Halbjahr 2021 gesichert«, meinte Beisel. »Ein erster wichtiger Schritt wäre die Übernahme der Vorhaltekosten für die Lockdownzeit seit März 2020 in Höhe von 740 Millionen Euro.« Also derjenigen Kosten, die anfallen, damit Flughäfen trotz brachliegendem Luftverkehr ihrer Betriebspflicht nachkommen können.

Beispiel Flughafen Hannover-Langenhagen: Nach jW-Informationen heben dort im Tagesdurchschnitt nur noch 1.500 Passagiere ab. »Das ist lediglich ein Bruchteil des Aufkommens vor der Coronakrise«, sagte Marian Drews, zuständiger Gewerkschaftssekretär im Verdi-Bezirk Hannover-Heide-Weser, am Donnerstag im jW-Gespräch. Dennoch sei im Vergleich zu anderen Standorten die Lage in Hannover »noch relativ entspannt«. Betriebsbedingte Kündigungen stünden derweil nicht an, weiß Drews vom Betriebsrat. Mehr als eine »Wasserstandsmeldung« sei das indes nicht.

Laut ADV hängen 180.000 Arbeitsplätze von den Flughäfen ab, davon rund 40.000 direkt bei den Airportbetreibern. Insgesamt stünden etwa ein Viertel aller Stellen zur Disposition. »Ja, auch wir gehen in etwa von dieser Größenordnung aus«, bestätigte Mira Neumaier, Verdi-Bundesfachgruppenleiterin Luftverkehr, am Mittwoch gegenüber jW. Neumaier befürchtet des weiteren, dass sich beim Kahlschlag die Unternehmen durchsetzen könnten, die durch Lohn- und Sozialdumping die Beschäftigten besonders ausbeuten. Die »Billigflieger« Ryanair oder Wizz Air etwa, »die in der Coronakrise einen noch blutigeren Wettbewerb führen«.
An der »Kostenschraube« drehen gleichfalls Lufthansa und Airbus munter weiter. Die Spitze der Lufthansa Group droht ganz offen. »Wir müssen unsere bisherigen Anstrengungen, die Kosten herunterzubringen, noch einmal verstärken«, steht in einem am Dienstag verbreiteten internen Mitarbeiterbrief, der jW vorliegt, und zwar »mit der nötigen Konsequenz und Geschwindigkeit.« Airbus hat seine Flugzeugproduktion um rund 40 Prozent heruntergefahren und will bis kommenden Sommer weltweit rund 15.000 Arbeitsplätze vernichten, 3.000 allein in Norddeutschland. Gespräche über einen »sozialverträglichen Arbeitsplatzabbau« mit den Betriebsräten laufen derzeit, wegen der zu erwartenden Abfindungen legte der Konzern laut dpa vom Donnerstag »schon jetzt 1,2 Milliarden Euro zur Seite«.

Viele Hoffnungen richten sich auf den 6. November. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) lud zu diesem Termin zum Luftverkehrsgipfel ein. »Wir erwarten von der Zusammenkunft klare Signale für eine Perspektive der Flughäfen«, betonte Herling von der ADV. Zurückhaltender klingt Gewerkschafterin Neumaier: Sie wolle nicht vorgreifen – aber: »Uns fehlt in der Diskussion bislang ein sozial-ökologisches Gesamtverkehrskonzept der Politik.« Zuversicht in Sachen krisenfester Jobs und Standorte klingt anders.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung.

Kann ja jeder behaupten, der oder die Beste zu sein! Deshalb wollen wir Sie einladen zu testen, wie gut wir sind: Drei Wochen lang (im europ. Ausland zwei Wochen) liefern wir Ihnen die Tageszeitung junge Welt montags bis samstags in Ihren Briefkasten – gratis und völlig unverbindlich! Sie müssen das Probeabo nicht abbestellen, denn es endet nach dieser Zeit automatisch.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Hier fliegt man nicht nur in den Urlaub: Der Flughafen Leipzig-H...
    26.10.2020

    Airport für Kriegslogistik

    »Schleichende militärische Umnutzung«: Bundeswehr plant neues Logistikzentrum am Flughafen Halle-Leipzig. Eine Initiative will das verhindern
  • Steven (Colin Farrell, l.) erhält immer wieder unangekündigten B...
    14.09.2020

    Vorschlag

    Damit Ihnen das Hören und Sehen nicht vergeht
  • Beim Hauptstadtflughafen wird noch während des Probebetriebs der...
    29.08.2020

    Luftbuchung am Airport

    Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg weist Defizit in Millionenhöhe aus. Kürzungen bei Personal angekündigt

Regio: