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Aus: Ausgabe vom 29.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Zeit, ein Schild aufzuhängen: »Bin angeln«

Der Singer-Songwriter Arlo Guthrie hat mit 73 seinen Abschied von der Bühne verkündet
Von Thomas Grossman
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Mit der Musik ist er aber noch nicht fertig: Arlo Guthrie

Der Musiker Arlo Guthrie sollte im August 1969 eigentlich erst am zweiten Tag des berühmten Woodstock-Festivals auftreten. Doch da alles ein wenig chaotisch ablief, setzten die Veranstalter ihn auf den ersten Tag. Dabei hatte sich Arlo – um sich zu entspannen – bereits einen oder zwei genehmigt (oder war er sogar high?). Offensichtlich war sein Auftritt jedenfalls nicht so phänomenal, um im grandiosen Woodstock-Film zu erscheinen, wo lediglich sein schöner Song »Coming Into Los Angeles« von Platte eingespielt wurde.

Arlo Guthrie hat seitdem rund 30 Alben veröffentlicht, Kinderbücher geschrieben und ist einige Male in TV-Shows und Filmen aufgetreten. Am Freitag hat der nun 73jährige auf seiner Website erklärt, dass er ab sofort und für immer mit dem Touren aufhört. Bereits für das nächste Jahr geplante Shows in den USA hat er abgesagt. Als Hauptgrund nennt er seine Gesundheit. So hatte er in den letzten Jahren zwei Schlaganfälle – wegen einem musste er im vergangenen Herbst mehrere Tage ins Krankenhaus. Anfang dieses Jahres hatte er seine Gesundheit fast völlig wiedererlangt und gab bereits Konzerte. Dann kam Corona.

»Die Haltbarkeit eines Lebens als Folksänger kann sehr viel länger als die eines Tänzers oder eines Athleten sein, doch an einem bestimmten Punkt – es sei denn du hast unheimlich Glück oder bist einfach verrückt (eins von beiden oder beides) – ist es Zeit, um ein Schild aufzuhängen: ›Bin angeln‹«, so Guthrie in seiner witzigen Art, für die ihn viele Leute lieben.

Geboren wurde Arlo in New York als ältester Sohn des bekanntesten Singer-Songwriters der USA, Woody Guthrie (1912–1967), der etwa eintausend Songs verfasst hat, darunter Gewerkschaftslieder, Liebeslieder, Kinderlieder. Arlo selbst landete 1967 seinen ersten großen Hit, als seine humorig-ironische 18minütige Ballade »Alice’s Restaurant Massacree« auf dem »Newport Folk Festival« einschlug.

In dem Song erzählt er, wie er für illegale Müllentsorgung verurteilt worden ist und später bei der Einberufung nach Vietnam gefragt wurde, ob er sich denn rehabilitiert habe. Die Armee fragt, »ob ich moralisch genug für sie bin, um Frauen und Kinder, Häuser und Dörfer niederzubrennen, weil ich ein Umweltverschmutzer war?« heißt es in dem Song zynisch. 1969 wurde der Stoff mit Arlo in der Hauptrolle verfilmt. Ein weiterer großer Erfolg war 1972 seine Interpretation des Steve-Goodman-Songs »City of New Orleans«. Vielleicht werden noch weitere folgen: In seinem Statement machte er klar, dass es auch in Zukunft neue Musik von ihm geben wird.

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