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Aus: Ausgabe vom 29.10.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Pharmaindustrie

Milliardendeal des Pharmariesen

Bayer-Konzern wieder auf Einkaufstour. Er übernimmt US-amerikanische Gentherapiefirma Ask Bio
Von Jan Pehrke
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Trotz Flops: Der multinationale Konzern Bayer aus Leverkusen kann sich »Zukäufe« offenbar noch locker leisten

Nicht nur das Agrobusiness bereitet Bayer seit einiger Zeit Sorgen, sondern auch der Pharmabereich. Während die Landwirtschaftsabteilung sich mit der Monsanto-Übernahme milliardenschwere Schadenersatzklagen in Sachen »Glyphosat« eingefangen hatte, laufen im Medikamentensegment die Patente für die umsatzträchtigsten Mittel bald aus, ohne Ersatz aus den eigenen Labors parat zu haben.

Darum hatten die großen Investoren schon im Herbst 2018 Handlungsbedarf angemahnt – und die Aktiengesellschaft lieferte. Sie brachte ein, inzwischen noch einmal ausgeweitetes, Kürzungsprogramm auf den Weg. Die Vernichtung von 12.000 Arbeitsplätzen kündigte der Vorstandsvorsitzende Werner Baumann damals an. Unter anderem strich der Konzern 900 Jobs in der Pharmaforschung. Das Management wolle hier einen Strategiewechsel vollziehen und »eine verstärkte Ausrichtung auch auf externe Innovation« vornehmen, so der Bayer-Boss.

Den Worten folgten bald schon Taten. Im vergangenen Jahr übernahm der Global Player das Zelltherapieunternehmen Bluerock ganz, und Anfang der Woche gab er den Kauf der US-amerikanischen Gentechfirma Asklepios Biopharmaceutical (Ask Bio) bekannt. Zwei Milliarden Euro zahlt der Pharmariese dafür gleich, weitere zwei Milliarden stellte er bei erfolgreichen Arzneikreationen in Aussicht. Die klinische Erprobung durchlaufen bei Ask Bio zur Zeit Pharmazeutika gegen Parkinson, Herzinsuffizienz und Morbus Pompe, eine Stoffwechselerkrankung. Überdies erhält Bayer durch den Deal Zugriff auf 500 Patente und eine Therapieplattform. Äußerst lukrativ, das Ganze.

Die Branche setzt gegenwärtig stark auf Gentherapien, weil kein Gebiet mehr Profit verspricht. Dabei ist der Leverkusener Multi relativ spät dran. Novartis erwarb 2018 für fast neun Milliarden US-Dollar den Gentechbetrieb Avexis. Roche erstand 2019 Spark für 4,3 Milliarden Dollar und das japanische Unternehmen Astellas die US-Gesellschaft Audentes Therapeutics für drei Milliarden.

Ein »starker Konkurrenzdruck« herrsche der Neuen Zürcher Zeitung vom Montag zufolge in der Branche. Allzu lange währt der Boom indes noch nicht. Dennoch: Immer wieder gab es skandalträchtige Zwischenfälle während der Erprobungen. 1999 machte der Tod Jesse Gelsingers bei einer Gentherapiestudie weltweit Schlagzeilen. Der 18jährige litt an einer seltenen Stoffwechselkrankheit, und die Mediziner wollten in seine Leber ein »gesundes« Gen für ein Enzym einschleusen, das diese Gesundheitsstörung beheben sollte. Aber die Milliarden als Genfähren benutzten Adenoviren, die normalerweise bloß Erkältungen auslösen, infizierten nicht nur wie vorgesehen die Leberzellen, sondern griffen auch Abwehrzellen an. Diesem Ansturm zeigte sich das Immunsystem des jungen Mannes nicht gewachsen; es kam zu einem multiplen Organversagen.

Bayer musste ebenfalls bereits Versuche wegen des Gefährdungspotentials der Therapeutika einstellen. 2001 stoppte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde eine in Kooperation mit Avigen gestartete Testreihe zur Entwicklung eines Bluterpräparats. Es hatten sich Adenoviren in der Samenflüssigkeit eines Probanden gefunden, was die Gefahr von Erbgutschädigungen bei den Nachkommen des Mannes heraufbeschwor.

Aufgrund dieser Erfahrungen gingen die Wissenschaftler später dazu über, nur noch Adeno-assoziierte Viren (AAV) für ihre Therapien zu nutzen, aber vor gefährlichen Risiken und Nebenwirkungen schützt selbst das nicht unbedingt. So musste Audentes in diesem Jahr eine Studie nach zwei Todesfällen abbrechen.

Selbst wenn der Bayer-Konzern mit Ask Bio mehr Glück haben sollte, ist seitens der Investoren kaum mit Ruhe zu rechnen. Denn: Um vor deren Aufspaltungsforderungen gefeit zu sein, darf es in der Sparte nämlich weder allzu gut noch allzu schlecht laufen.

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