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Aus: Ausgabe vom 29.10.2020, Seite 7 / Ausland
Großbritannien

Dem Tod ausgeliefert

Großbritannien: Prozess zu 39 beim Versuch »illegaler« Einwanderung gestorbener Vietnamesen
Von Stefan Kühner
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Angehörige beerdigen eines der Opfer in Do Thanh (1.12.2019)

In Großbritannien läuft derzeit der Prozess wegen des Todes von 39 Vietnamesinnen und Vietnamesen, die vor einem Jahr – am 23. Oktober 2019 – in einem Kühlraum eines Lkw in der englischen Stadt Essex aufgefunden worden waren. Vier Männer sind angeklagt, einem Menschenschmug­glerring anzugehören, der die Fahrt organisiert und geplant haben soll, bei der die Opfer in einem versiegelten Container qualvoll an Überhitzung und Sauerstoffmangel gestorben waren. Die Menschen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren stammten vorwiegend aus ärmeren Familien aus sechs Provinzen Mittelvietnams und wollten nach Großbritannien auswandern.

Einer der Angeklagten, Maurice Robinson, der den Lastwagen gesteuert hatte, gab seine Mittäterschaft bereits zu und bekannte sich schuldig. Am Dienstag wurde dem Gericht Videomaterial vorgespielt, das ihn beim Öffnen der Containertüren in einer menschenleeren Straße zeigt, eine dampfartige Wolke tritt aus dem hinteren Teil des Fahrzeugs aus. 90 Sekunden lang stand er da und starrte in den Container. Dann wartete er 23 Minuten, bevor er die Notrufnummer wählte.

Während der Gerichtsverhandlung in London wurde ein detaillierter Bericht zu der Tat veröffentlicht. Dieser basiert auf Aufzeichnungen von Mobiltelefonen der Todesopfer, Textnachrichten der Angeklagten und Aufnahmen von Überwachungskameras. Die britische Tageszeitung The Guardian dokumentierte am 9. Oktober Auszüge des Berichts.

Demnach waren mehrere Opfer, darunter zehn Jugendliche, am Morgen des 22. Oktober mit einem Taxi zu einem landwirtschaftlichen Schuppen in die Nähe des nordfranzösischen Dorfes Bierne gebracht worden. Eine Augenzeugin sagte, sie habe gesehen, wie mehrere Menschen aus dem Schuppen gerannt und auf die Ladefläche eines Lastwagens geklettert seien. Als der Container im belgischen Zeebrügge auf ein Schiff nach Großbritannien verladen wurde, gab es keinen mobilen Empfang, aber die Aufzeichnungen, die auf den 50 von der Polizei sichergestellten Telefonen gefunden wurden, enthüllten mehrere Abschiedsnachrichten an Angehörige. Nguyen Tho Tuan nahm eine Botschaft an seine Frau, sein Kind und seine Mutter auf, in der er sagte: »Hier ist Tuan. Es tut mir leid. Ich kann mich nicht um euch kümmern (…)«.

Der Tod der Vietnamesen trat vermutlich schon während der Überfahrt von Frankreich nach Großbritannien ein. Einige von ihnen hatten ohne Erfolg versucht, mit einem Metallpfosten ein Loch in die Wand des Lastwagens zu schlagen. »Es gab keinen Ausweg und niemanden, der sie hörte, niemanden, der ihnen half«, sagte Staatsanwalt William Emlyn Jones.

In Vietnam waren bereits Mitte September vier Angeklagte im Alter zwischen 26 und 36 Jahren wegen Menschenschmuggels im Zusammenhang mit Essex zu Gefängnisstrafen zwischen zweieinhalb und siebeneinhalb Jahren verurteilt worden. Drei weitere Mittäter hatten Bewährungsstrafen erhalten. Die Urteile wurden von einem Gericht in der zentralvietnamesischen Provinz Ha Tinh verhängt. Aus der gleichnamigen Hauptstadt stammen zehn der Toten.

Großbritanniens Botschafter in Vietnam, Gareth Ward, nutzte die Gelegenheit, um sich wenige Tage danach gegenüber dem vietnamesischen Onlineportal Vietnam Express gegen Versuche »illegaler« Einwanderung auszusprechen: »Ich hatte die Gelegenheit, die Geschichte eines Vietnamesen zu hören, der illegal in das Vereinigte Königreich eingereist ist. Es war eine Alptraumreise: zuerst von Vietnam nach China, dann einen Monat lang in der Kälte quer durch Russland, Polen, Deutschland und Frankreich und schließlich versteckt in einem Lastwagen, der die Grenze von Frankreich aus überquerte.« Junge und unerfahrene Menschen »werden nach Großbritannien geschmuggelt, wo sie in illegalen und gefährlichen Jobs landen zum Nutzen von Banden des organisierten Verbrechens«.

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