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Aus: Ausgabe vom 28.10.2020, Seite 12 / Thema
China und Klimawandel

Die Erde planen

China wird zum Vorreiter im weltweiten Kampf gegen den Klimawandel. Die Erfolge der Volksrepublik gründen in ihrer rationalen Haltung zu Natur und Wissenschaft. Ein Überblick
Von Marc Püschel
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Mit allen Mitteln die Wüste zurückdrängen: In der nordchinesischen Autonomen Region Innere Mongolei werden Drohnen eingesetzt, um großflächig Samen auszusäen (Kubuqi-Wüste, 24.7.2018)

»Hat Xi gerade die Welt gerettet?« fragte der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze am 25. September in dem Magazin Foreign Policy und antwortete selbst: »Mit diesen beiden kurzen Sätzen könnte Chinas Führer die Zukunftsaussichten für die Menschheit neu definiert haben. Das mag übertrieben klingen, aber in der Welt der Klimapolitik kann man Chinas Bedeutung kaum übertreiben.« Wovon war die Rede? Drei Tage zuvor hatte der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), Xi Jinping auf der digitalen UN-Generalversammlung eine Videobotschaft überbracht. Er betonte darin nicht nur die Wichtigkeit des Multilateralismus und erinnerte an den Sieg über den Faschismus vor 75 Jahren, sondern überraschte auch mit einigen fast beiläufig geäußerten Sätzen, in denen er in bezug auf das Pariser Abkommen zum Klimawandel ankündigte: »China wird seine beabsichtigten national festgelegten Beiträge durch energischere Politik und Maßnahmen steigern. Wir streben an, dass die CO2-Emissionen vor 2030 ihren Höhepunkt erreichen und wir vor 2060 klimaneutral in Sachen CO2 sind.«¹

Die Nachricht schlug in Fachkreisen ein wie eine Bombe. Angesichts dessen, dass die Volksrepublik – nicht zu Unrecht oft als »Werkbank der Welt« bezeichnet – derzeit noch für fast 28 Prozent der weltweiten Kohlendioxidemissionen verantwortlich ist, wäre ein forcierter Kohleausstieg ein großer Erfolg. Sollte China seine Ankündigung wahrmachen, so der Politikwissenschaftler Michael Krätke, »dürfte das unserer Zivilisation 0,2 bis 0,3 Grad des erwarteten globalen Temperaturanstiegs ersparen«. Xi Jinpings Ankündigung sei daher »ein Paukenschlag, ein Wendepunkt für die internationale Klimapolitik«.²

Nun war die Rede zunächst ein kluger Schachzug auf dem diplomatischen Parkett, der die antichinesischen Attacken des US-Präsidenten ­Donald Trump und dessen »America-first«-­Rhetorik ins Leere laufen ließ. Einmal mehr wurde der Gegensatz zwischen den beiden Großmächten deutlich: Multilateralismus und Verantwortung für globale Probleme auf der einen, nationaler Egoismus und imperialistische Interessen auf der anderen Seite. Doch Xis Ansprache war mehr als nur ein politisches Manöver. Am Montag, den 12. Oktober, veröffentlichte das Institut für Klimawandel und nachhaltige Entwicklung der Tsinghua-Universität die Forschungsarbeit »Die langfristige Strategie und der Pfad Chinas zu einer kohlenstoffarmen Entwicklung«, worin die Zielsetzung wissenschaftlich untermauert und konkrete Schritte vorgeschlagen wurden. Und das Ganze ist nicht nur Zukunftsmusik. Wer sich mit der Politik der Volksrepublik China beschäftigt, wird feststellen, dass das ostasiatische Land mittlerweile – vom Westen fast unbemerkt – zum Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel geworden ist.

Rationale Haltung zur Natur

Im durch die Romantik geprägten Deutschland herrscht ein schwärmerisches Naturbild vor. Während die politische Rechte zumeist schlicht abstreitet, dass sich das Klima verändert, besteht das Ziel vieler linker Klimaaktivisten darin, die Umwelt durch ein Zurückfahren zivilisatorischer Errungenschaften zu schonen. Bezeichnend war etwa der Jubel über den Ausfall großer Teile des Flugverkehrs zu Beginn der Coronapandemie. Doch eine gute Lösung ist solch ein »Gesundsparen« nicht: Während die Reichen mit ihren Privatjets fliegen konnten, waren es vor allem die »einfachen« Leute, die vom Ausfall des Passagierverkehrs betroffen waren – Arbeiter, die ihren wohlverdienten Urlaub nicht antreten oder ihre Familien nicht besuchten konnten. Strebt man eine hochentwickelte und sozial gerechte Gesellschaft an, kann das bloße Vermeiden von Umweltverschmutzungen durch weniger Industrie nicht das Ziel sein.

Marxisten hatten seit jeher ein rationaleres Verhältnis zur Natur. Hübsch veranschaulicht ist diese Haltung in Peter Hacks’ Drama »Pandora«. Im Streit der beiden Titanenbrüder Prometheus – der hier sinnbildlich für die Industrie steht – und Epimetheus wirft letzterer seinem Bruder vor, mit Produktionsanlagen einen Fluss aufzuheizen und zum Absterben zu bringen: »Auf ewig hast du Heiles zu verderben vor?« Prometheus entgegnet kühl: »Wer sprach von ewig? Jenes Flusses Leichnam wird / Zu munterm Dasein eines spätern Tags erweckt«, denn: »Das Wasser, künstlich aufgeheizt, / Geht künstlich abzukühlen. (…) Werkanlagen plane ich stromab, / Die werden reinen Wassers dann benötigen.«

Vergleichbar nüchtern ist der Ansatz der KPCh. Anstatt Umweltschutz und Produktivkräfte als starren Gegensatz zu betrachten, wird beides unter dem Stichwort der »ökologischen Zivilisation« (vgl. »Rotlicht« auf Seite 14 in dieser Ausgabe) miteinander verbunden. Xi Jinping verweist auf die notwendige Verknüpfung beider Elemente, wenn er unter Bezug auf eine beliebte Redewendung betont: »Ich habe immer gesagt, dass grüne Berge und klares Wasser tatsächlich Berge aus Gold und Silber sind und dass Umweltverbesserungen große Produktivität bedeuten.«³ Und noch deutlicher in einer Rede 2013: »Wir müssen ein Gleichgewicht zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz herstellen und dabei bedenken, dass Umweltschutz gleichbedeutend mit dem Schutz der Produktivität ist und dass die Verbesserung der Umwelt auch gleichbedeutend mit der Entwicklung der Produktivität ist.«⁴

In dem Wechselverhältnis Mensch-Natur ist es unmöglich, letztere einfach so zu belassen, wie sie vor Entstehung des Menschen war – allein mit unserer bloßen Existenz greifen wir immer schon in unsere Umwelt ein. Darauf verweist Shi Jun, Leiter des Instituts für Klimawandel und -politik an der Universität Nanjing. Man solle den Gedanken der Nachhaltigkeit »nicht mit Naturbelassenheit verwechseln. Damit ist es ohnehin schon lange vorbei.« Zudem habe die Umwelt »nur einen Wert, wenn sie dem Menschen dient. Sie ist kein Wert an sich«, und »wenn sie kaputt ist, muss man sie reparieren.«⁵

Zu reparieren gibt es aber viel, denn China ist eines der am stärksten von Klimawandel und Umweltverschmutzung betroffenen Länder und hat mit steigendem Meeresspiegel, Fluten, Dürren, Wüstenbildung, Sand- und Schneestürmen, Luftverschmutzung, Grundwasserverseuchung und Artensterben zu kämpfen. Dabei ist sich China des Themas schon seit einigen Jahrzehnten bewusst und hat es mit der »Beijinger Erklärung« zu Umwelt und Entwicklung von 1991 auch in der politischen Agenda verankert. Bereits seit Ende der 80er Jahre hat China ein eigenes Forschungsprogramm zum Klimawandel. Auf internationaler Bühne bestand die Volksrepublik aber darauf, dass die westlichen Länder voranzugehen haben, denn die Forderung, alle Länder sollten in gleichem Maße zum Umweltschutz beitragen, konnte für die imperialistischen Staaten allzuleicht zu einem Mittel werden, die industrielle Aufholjagd von Schwellenländern zu behindern – ein um so heuchlerisches Vorgehen, als die westlichen Staaten ihre Umweltprobleme meist dorthin exportieren. So gingen schätzungsweise allein rund 30 Prozent der deutschen Emissionsminderungen seit 1990 auf die Auslagerung von Produktionskapazitäten nach China zurück.⁶ Darum weigerte China sich verständlicherweise lange Zeit, verbindliche internationale Grenzen für die Emissionen von Treibhausgasen zu akzeptieren (wie etwa beim Kopenhagen-Gipfel 2009) und bestand auf dem Prinzip »gemeinsamer, aber differenzierter Verantwortlichkeiten«.

Doch die direkte Konfrontation mit Umweltschäden im eigenen Land sorgte für eine schrittweise Umkehr. 2006, in dem Jahr, als China zum größten CO2-Emissionär der Welt wurde, veröffentlichte der Staat seinen ersten »grünen Bericht« zum Bruttoinlandsprodukt und stellte darin fest, dass Umweltverschmutzungen allein 2004 wirtschaftliche Verluste in Höhe von 80 Milliarden US-Dollar verursacht hätten. Noch prägender war die »Airpocalypse« zu Beginn des Jahres 2013, als Großteile des nördlichen Chinas in wochenlangen Smog eingehüllt waren. Zum ersten Mal war auch genügend Datenmaterial vorhanden, um die Auswirkungen ermessen zu können. Studien zufolge starben allein an der Luftverschmutzung jeden Tag 4.000 Menschen. Schon im November 2013 legte der Staatsrat daraufhin eine »Nationale Strategie zur Anpassung an den Klimawandel« vor. Der Durchbruch kam mit dem 13. Fünfjahresplan (2016–2020), der zum ersten Mal eine Deckelung für den nationalen Verbrauch von Kohle vorsah.⁷ Der KPCh wurde klar, dass sie die Lösung der Probleme nicht länger hinausschieben könne, sondern auch global gesehen die Initiative übernehmen müsse.

Nation der Superlative

Doch was wurde konkret bisher erreicht? Grüne Politiker werfen China immer noch vor, das Land mit den größten CO2-Emissionen zu sein (mit knapp 28 Prozent deutlich mehr als die USA mit 15 Prozent). Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn man die Pro-Kopf-Emissionen betrachtet. Hier lag China 2018 weltweit auf dem 36. Platz mit nur 7,95 Tonnen CO2 jährlich pro Einwohner, die USA dagegen befanden sich mit 14,61 Tonnen jährlich pro Person auf dem dreizehnten Rang. Zudem hat China mit einem Anteil von geschätzt nur 13 Prozent an den historisch akkumulierten Emissionen (im Zeitraum von 1751 bis 2017) eine vergleichsweise saubere, die USA mit 25 Prozent und der EU-Raum mit 22 Prozent dagegen eine weitaus schmutzigere Industrialisierung durchlaufen.⁸ Ein weiterer Vorwurf: China baue immer noch Kohlekraftwerke. In der Tat waren 2019 neue Meiler mit einer Kapazität von 125 Gigawatt im Bau. Andererseits gilt es zu berücksichtigen, dass diese erstens zu den effizientesten, mithin umweltschonendsten weltweit gehören und dass die Kohlekraftwerke zweitens zu weniger als der Hälfte ausgelastet werden.⁹ Dass überhaupt noch so viele Kohlekraftwerke gebaut werden, liegt daran, dass sie in den Provinzen als Garant für Arbeitsplätze gelten. Die Zentralregierung versucht hier gegenzusteuern, ohne dies ganz unterbinden zu können.

Um so erstaunlicher sind im Gegenzug die Erfolge Chinas. Der Anteil der Kohle an der Gesamtstromproduktion sank von 80 Prozent 2010 auf 59 Prozent im Jahr 2018. Von den 6,8 Billionen Kilowattstunden, die 2018 in der Volksrepublik erzeugt wurden, stammen rund 30 Prozent von den »grünen« Energieträgern Wind-, Wasser-, Solar- und Atomenergie.¹⁰ Die CO2-Emissionen stagnierten zwischen 2013 und 2016 bereits und stiegen in den letzten Jahren nur geringfügig an (2017 etwa um 1,5 Prozent), insofern ist davon auszugehen, dass der Plan, bis 2030 den Höhepunkt der Emissionen zu erreichen, vorzeitig erfüllt wird.¹¹ Möglich wird dies unter anderem durch riesige Investitionen in die Energieeffizienz von rund 370 Milliarden US-Dollar allein zwischen 2006 und 2014. Schätzungen der Internationalen Energieagentur zufolge haben sich bereits dadurch die CO2-Emissionen Chinas um 1,2 Milliarden Tonnen verringert, was in etwa dem gesamten Ausstoß Japans im Jahr 2014 entspricht. Zudem hat China 2014 ultraniedrige Emissionsstandards für Kohlekraftwerke eingeführt, die fortan so schadstoffarm wie Erdgaskraftwerke sein müssen.¹²

Dem Ausbau einer Energiewirtschaft auf Grundlage erneuerbarer Energieträger wird als »strategischer Industrie« seit dem 12. Fünfjahresplan besondere Aufmerksamkeit gewidmet. China ist hier führend – und zwar schlicht in jedem Bereich. Allein 2017 investierte China 126,6 Milliarden US-Dollar in saubere Energien und kam damit für 45 Prozent der weltweiten Ausgaben auf. In der Solarenergie ist das Land seit 2010 Spitzenreiter und stellt mehr als die Hälfte der weltweiten Solarpanels her. Mittlerweile errichtet China jede Stunde Solaranlagen in Größe eines Fußballfeldes sowie eine Windturbine.¹³ Auch in Sachen Wasserenergie ist China die Nummer eins und generiert rund 28 Prozent des weltweit damit erzeugten Stromes. Die Kapazitäten aus Wasserkraft sind in China mindestens dreimal größer als bei jeder anderen Nation und tragen rund 18 Prozent zur inländischen Stromproduktion bei. Sowohl bei Wind- als auch Solarenergie stellt China über ein Drittel der weltweiten Kapazität. Auch die Atomenergie gilt in China als »grüne Energie« und wird systematisch ausgebaut, macht aber nur vier Prozent der Stromversorgung aus.¹⁴

Um die durch Autoabgase entstehenden Probleme und die geopolitisch gefährliche Abhängigkeit vom Erdöl zu minimieren, setzt die Volksrepublik auf Elektroverkehr. 2019 fuhren 45 Prozent aller Elektroautos und 99 Prozent aller Elektrobusse der Welt in China. Das Land setzt vor allem auf emissionsfreien öffentlichen Nahverkehr, so ist etwa Shenzhen die erste Millionenstadt, die komplett auf Elektrobusse umgestellt hat. Zudem machen Hochgeschwindigkeitszüge und Magnetschwebebahnen Inlandsflüge allmählich ersetzbar. Besonders der Güterverkehr wird statt mit Lkws bevorzugt mit Zügen abgewickelt. Das größte und leistungsfähigste Hochgeschwindigkeitsschienennetz der Welt hilft dabei.

Durch all diese Maßnahmen konnte die Luftqualität in China signifikant erhöht werden. Dem chinesischen Umweltreport 2019 zufolge, der dieses Jahr veröffentlicht wurde, wird in den chinesischen Städten im Durchschnitt an 82 Prozent der Tage im Jahr eine gute Luftqualität erreicht. Besonders in der Hauptstadt Beijing, in deren Umgebung keine Kohlekraftwerke mehr in Betrieb sein dürfen, hat sich die Lage erheblich verbessert.

Und wie fruchtbar die Verbindung von Umweltschutz und Industrieförderung ist, beweist auch ein Blick auf die Arbeitsplatzsituation. »Die Industrie für neue Energien wie Windkraft und Solarenergie kann 1,5- bis dreimal mehr Arbeitsplätze schaffen als der traditionelle Energiesektor«, schätzt der stellvertretende Direktor des Nationalen Expertenkomitees für Klimawandel, He Jiankun, laut Global Times (27.9.2020). In ganz China sind 4,1 Millionen Menschen in diesem Sektor beschäftigt, das sind 39 Prozent der weltweiten Arbeitsplätze auf dem Gebiet der erneuerbaren Energieträger.¹⁵

»Himmelsfluss« und »Grüne Mauer«

Die schrittweise Ersetzung der Kohleverstromung ist nur ein Aspekt der chinesischen Politik, die gezielt an die Umgestaltung der Erde im Sinne der ökologischen Zivilisation geht. So läuft im Norden des Landes seit 40 Jahren das größte Aufforstungsprogramm der Geschichte – das Projekt der »Großen grünen Mauer«, die dort angepflanzt wird, um Sandstürme und die Ausbreitung der Gobi-Wüste aufzuhalten. Zu diesem Zweck verpflichtete der nationale Volkskongress 1981 »Chinesen ab einem Alter von elf Jahren, jedes Jahr drei Baumsetzlinge zu pflanzen – vorzugsweise Pappeln oder Weiden, Eukalyptus, Birken und Lärchen. Allein zwischen 2000 und 2010 haben die Bürger 56 Milliarden Bäume gesetzt. Bis heute werden in China mehr Bäume aufgezogen als im Rest der Welt zusammengenommen.«¹⁶

Mittlerweile sind annähernd 23 Prozent der Landfläche von Wald bedeckt – ein bemerkenswerter Wert angesichts der Wüsten im Norden, des Hochgebirges im Westen und der dichten Besiedlung im Osten. Laut Huang Runqiu, Minister für Ökologie und Umwelt, sind zudem 18 Prozent des chinesischen Territoriums geschütztes Gebiet. Darauf befinden sich rund 11.800 Naturschutzgebiete. Zwar gibt es durch Erosion und das Eingehen von Setzlingen immer wieder Rückschläge, dennoch ist China das Land mit dem schnellsten Zuwachs an Waldressourcen.

Anders als im Westen werden im Reich der Mitte die digitalen Medien gezielt genutzt, um die Bevölkerung in diese Politik einzubeziehen. Am berühmtesten ist die App »Ant Forest«, die spielerische Anreize für umweltbewussten Konsum setzt. In der App erhält man etwa durch klimafreundliches Einkaufsverhalten Bonuspunkte, mit denen man einen virtuellen Baum bewässern kann. Ab einem bestimmten Wachstumsstand wird vom Konzern Alibaba, der die App anbietet, ein echter Baum gepflanzt. Auf diese Weise wurden laut China Daily dank mehreren Hundert Millionen Nutzern bisher 1,12 Milliarden Bäume gepflanzt.

Wichtiger noch als die digitalen Medien sind die Fortschritte in Sachen Big Data und technischer Überwachung. Im Westen verteufelt, stellen sie sich in China als Schlüssel zum Erkennen und Reagieren auf Umweltschäden heraus. Laut dem Technikexperten Wang Qiao hat das Land zur Zeit 5.000 automatisierte Überwachungsstationen für städtische Luftqualität, 11.000 für Wasseroberflächen und 80.000 für die Bodenqualität. Zu Beginn des Jahres hat das Ministerium für Naturressourcen einen Plan vorgestellt, um mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, 5G-Netzwerken und Big Data bis 2023 ein einheitliches Überwachungssystem für alle Umweltbestände einzurichten. Dann wären alle Umweltinformationen in Echtzeit auf einer digitalen Karte abrufbar.

Nutzbar gemacht werden kann dies für Geoengineering, also für geplante Eingriffe in das Klimasystem mit technischen Mitteln. In den letzten Jahren hat China eines der weltweit größten Forschungsprogramme dazu eingerichtet – ein blindes Drauflosexperimentieren ist das aber nicht, eine der vorrangigen Aufgabe der Forscher ist es, herauszufinden, welche ökologischen und politischen Auswirkungen absichtliche Klimaveränderungen haben (nicht zufällig ist der oben zitierte Shi Jun Autor eines Buches über ethische Fragen des Geoengineerings). Doch gibt es auch praktische Versuche, insbesondere in und um Beijing, wo es mittlerweile sogar ein eigenes »Amt für Wettermanipulation« mit Tausenden Mitarbeitern gibt.

Das größte Einzelprojekt ist das Projekt »Himmelsfluss« (Tianhe). Die staatliche Aerospace Science and Technology Corporation plant den Bau von Zehntausenden kleinen Maschinen, die im Tibetanischen Hochland automatisiert Silberiodid in die Wolken bringen, um den Niederschlag in der trockenen Region zu steigern und so die Zuläufe zu den großen Flüssen und die landwirtschaftlichen Erträge aufrechtzuerhalten. Das Projekt soll auf einer Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometern umgesetzt werden und die Regenmenge dort um zehn Milliarden Kubikmeter steigern – das entspricht sieben Prozent des gesamten Wasserverbrauchs Chinas.¹⁷ Das Projekt hat vor zwei Jahren für Aufsehen gesorgt, erste Stationen wurden bereits errichtet, dennoch ist unklar, wann und in welchem Umfang das Vorhaben umgesetzt wird. Womöglich zögert China wegen der geopolitischen Implikationen. Zwar hat China 2005 das »Abkommen über das Verbot von militärischem oder feindlichem Gebrauch von umweltverändernder Technik« der UNO unterzeichnet, aber für Spannungen könnte der »Himmelsfluss« in Ostasien dennoch sorgen, schließlich wären die Anrainerstaaten des Himalaya-Gebirges direkt von dem Vorhaben betroffen.

Umweltschutz made in China

Wird China den Aufbruch in eine ökologische Zivilisation schaffen? Die Herausforderungen des Klimawandels sind gewaltig, doch wer, wenn nicht das sozialistische Land, könnte sie bewältigen? In der Coronakrise hat die KP ohne Rücksicht auf Unternehmerinteressen alles getan, was notwendig war. Und »was Klima und saubere Energie angeht, stapelt China oft tief und übertrifft sich dann selbst«, so die Klimaexpertin Barbara Finamore.¹⁸

Die Volksrepublik arbeitet nicht nur im eigenen Interesse an der Erreichung der Klimaziele. Während die USA noch bevorzugt Waffen und Kriege exportieren, trägt China verstärkt auch im Ausland zum Naturschutz bei. So wurde 2017 im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative (BRI), des größten Infrastrukturprogramms der Geschichte, Solarenergieausrüstung im Wert von acht Milliarden Dollar an Partnerländer exportiert.¹⁹ Vieles läuft auch uneigennützig, beispielsweise stellte China mehrere Milliarden Dollar zur Einrichtung eines »South-South Climate Cooperation Fund« bereit, um anderen Entwicklungs- und Schwellenländern Hilfe bei der Anpassung an den Klimawandel zu leisten. Die BRI sorgt zwar auch für ein vorübergehendes Ansteigen der Emissionswerte und der Umweltbelastungen, dafür bietet sie nicht nur Millionen Menschen die Chance, der Armut zu entfliehen, sondern auch die Möglichkeit, Geotransformationen im globalen Maßstab umzusetzen. Planungen für eine »grüne Seidenstraße« gibt es.

Die Volksrepublik jedenfalls setzt den Rest der Welt mehr und mehr unter Druck – und das nicht nur durch ihre eigene vorbildliche Politik. So veröffentlichte das chinesische Außenministerium am 19. Oktober ein Faktenblatt zu von den USA verursachten Umweltschäden und prangerte erstmals die Weltmacht offen an.²⁰ In diesem Konflikt werden die europäischen Länder entscheiden müssen, was ihnen wichtiger ist: ihr Antikommunismus oder der gemeinsame Kampf gegen den Klimawandel. Die Umweltmacht China zumindest ist zweifellos auf Kooperation aus. Ein letztes Mal Xi, aus seiner Rede vor der UN: »Wir rufen alle Länder auf, eine innovative, koordinierte, grüne und offene Entwicklung für alle zu verfolgen und die historischen Chancen zu nutzen, die sich aus der neuen Runde der wissenschaftlichen und technologischen Revolution und der industriellen Transformation ergeben ...«

Anmerkungen

1 Vgl. die dokumentierte Rede auf cgtn.com, 23.9.2020

2 Zitiert nach Der Freitag, 15.10.2020

3 »Xi unterstreicht die Bedeutung der Ökologie«. Auf: german.china.org.cn, 29.4.2019

4 Xi Jinping: Usher in a New Era of Ecological Progress. In: ders.: The Governance of China. Foreign Language Press, Beijing 2014, S. 231

5 Zitiert nach Die Zeit, 13.5.2018

6 Marcel Kunzmann: Theorie, System und Praxis des Sozialismus in China. Verlag Mirco Kolarczik, Berlin 2018, S. 95

7 Vgl. Barbara Finamore: Will China save the planet? Polity Press, Cambridge 2018, S. 6, 15, 24–26 und 36–38

8 Vgl. David Sandalow: Guide to Chinese Climate Policy 2019. Center on Global Energy Policy. New York, 2019, siehe: https://chineseclimatepolicy.energypolicy.columbia.edu/

9 Vgl. ders., a. a. O., S. 60

10 Stefanie Schmitt: China strukturiert Energiemix weiter um. Germany Trade and Invest, Beijing, 4.4.2019

11 Vgl. Sandalow, ebd.

12 Vgl. Finamore, S. 40

13 Vgl. dies., S. 68, ferner 62 und 70–72

14 Vgl. Sandalow, ebd.

15 Vgl. Annette Wiedenbach: China leads Green Jobs in Renewable Energy Sector, 26.9.2020, auf: climatescorecard.org

16 Vgl. Uwe Kerkow: Chinas Große grüne Mauer, 16.1.2020 auf: heise.de

17 Vgl. South China Morning Post, 26.3.2018

18 Zitiert nach Spiegel, 29.9.2019

19 Vgl. Finamore, S. 110

20 Vgl. China Radio International, 23.10.2020

Marc Püschel schrieb an dieser Stelle zuletzt in den Ausgaben vom 27./28. und vom 29. Juni über das chinesische Sozialkreditsystem.

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Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (28. Oktober 2020 um 09:01 Uhr)
    Als häufiger Gast in China kann ich im täglichen Leben die Bemühungen zur Gestaltung einer ökologischen Gesellschaft gut beobachten. Wird z. B. eine Straße verbreitert oder ein Wohngebiet erschlossen, werden die Bäume, die im Weg stehen, nicht gefällt, sondern ausgegraben und gelagert oder an anderer Stelle wieder eingepflanzt – und das gilt nicht nur für junge Bäumchen, sondern für ausgewachsene Bäume mit zwanzig Zentimetern Durchmesser, die dann mit Hilfe eines Krans aus- bzw. eingepflanzt werden.

    Im Winter kann man beobachten, dass alle Straßen- und Alleebäume sowie Bäume in den zahlreichen Parks gekalkt werden, um sie vor Schädlingen und Frostschäden zu schützen. Das geschieht alles per Hand und zahlreiche Menschen, meist ältere, sind jedes Jahr damit beschäftigt, Bäume zu weißeln.
  • Beitrag von David S. aus J. (28. Oktober 2020 um 11:35 Uhr)
    China ist kein sozialistisches Land, sondern ein kapitalistisches, zum Imperialismus aufsteigendes Land. Auch dort braucht es eine Revolution. Trotzdem zeigt China, dass Umweltschutz im Kapitalismus möglich ist, natürlich nur solange er Profite abwirft. Kommunisten, die behaupten, Umweltschutz sei im Kapitalismus überhaupt nicht möglich, sollten ihre Positionen noch mal überdenken. Solche Positionen verlaufen sich in Panikmache.
  • Beitrag von josef w. aus H. (28. Oktober 2020 um 13:28 Uhr)
    Es gibt neben den oben genannten zahlreiche weitere Beispiele, die belegen, dass der chinesischen Regierung der Erhalt der natürlichen Ressourcen äußerst wichtig ist, und die die Aussage chinesischer Politiker unterstützen, dass Profit nicht alles ist, wonach eine Gesellschaft streben solle. Das Artensterben ist natürlich auch in China ein Problem, und ob sozialistisch oder nicht, die notwendige industrielle Entwicklung hat z. B. Boden und Gewässer geschädigt. Deshalb werden zum Schutz und zur Regeneration tiefgreifende Maßnahmen ergriffen: Fischerei ist von Mai bis August verboten, im Unterlauf des Jangtse ist die Fischerei ab 2019 für zehn Jahre, in den Nebenflüssen des Jangtse ist sie ab 2021 ebenfalls verboten. Die Fischbestände sollen sich erholen, und der Glattschweinswal oder Jangtse-Delfin wird so dem Schicksal des Aussterbens entgehen. Diese Verbote erfordern auf der anderen, wirtschaftlichen Seite natürlich tiefgreifende soziale Maßnahmen, denn den circa eine Million Berufsfischern muss eine berufliche Perspektive geboten werden, damit die Maßnahmen zum Schutz der Umwelt greifen und es nicht zu Wildfischerei usw. kommt. Man kann sich diesen sorgfältigen Umgang mit Ressourcen natürlich auch für kapitalistische Gesellschaften vorstellen, aber praktisch findet er nicht statt, da der Profit das gesellschaftliche Leben diktiert und auch die Politik. Der sozialistische Charakter des chinesischen Systems ist eben in der gesellschaftlichen Praxis auszumachen und nicht in blutleeren Dogmen von allwissenden Klugscheißern, die jedes Haar in der Suppe als Beweis für den kapitalistischen Charakter, die globale Entwicklung Chinas gar als Imperialismus geißeln. Wie sagte Mao: Man muss die Wahrheit in den Tatsachen suchen. Nur Allwissende haben sie für sich gepachtet – manche westliche Linke sind wirklich eine Marter fürs Gehirn!

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