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Aus: Ausgabe vom 28.10.2020, Seite 5 / Inland
Nachrichtengeschäft

News nach Google-Gusto

Studie zeichnet Weg des US-Internetkonzerns zum global führenden »Medienmäzen« nach. Unabhängiger Journalismus auf dem Index
Von Ralf Wurzbacher
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Internetriese Google schüttet in den nächsten drei Jahren 855 Millionen Euro über rund 200 Verlagshäuser aus

Ende Juni berichtete junge Welt (siehe jW vom 26. Juni) über Pläne des Internetgiganten Google, durch Vergabe von Lizenzen an weltweit führende Medienverlage direkt ins Nachrichtengeschäft einzusteigen. Anfang Oktober machten die Macher dann Nägel mit Köpfen: Mit dem Projekt »Google News Showcase« schüttet der US-Konzern in den nächsten drei Jahren eine Milliarde Dollar (855 Millionen Euro) über rund 200 Verlagshäuser in aller Welt aus. In Deutschland sind zunächst 20 Unternehmen mit 50 Titeln am Start, darunter der Spiegel, Die Zeit, die Rheinische Post, der Tagesspiegel, der Focus – alles mit Rang und Namen. Teil des Deals ist es, dass diese Google nicht verklagen dürfen. Nach Auskunft von Philipp Justus, Google-Chef für Zentraleuropa, ist dies der bis dato weitreichendste Schritt seines Unternehmens, »die Zukunft des Journalismus zu unterstützen«.

Eigentlich begann die »Zukunft« nach Google-Gusto schon 2013, und zwar in Frankreich. Nachdem dort die großen Medienhäuser auf eine Beteiligung an den Werbeerlösen des Digitalriesen gedrängt hatten, legte dieser unter der Schirmherrschaft der französischen Regierung mal eben einen Medienfonds über 60 Millionen Euro zur Förderung von digitalen Innovationen auf. Danach war Ruhe im Karton. Nach diesem Vorbild folgte 2015 die »Digital News Initiative« (DNI) mit einem Volumen von 200 Millionen Euro, von der in ganz Europa bereits Hunderte Blätter profitiert haben. 2018 ging es weiter mit der »Google News Initiative« (GNI), die im globalen Maßstab weitere 300 Millionen Dollar unter die Verleger bringen wird.

In einer am Montag von der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung (OBS) veröffentlichten Studie werden die Vorgänge als Teil einer »beispiellosen Charmeoffensive« nachgezeichnet. Für »Medienmäzen Google. Wie der Datenkonzern den Journalismus umgarnt« haben die Autoren Ingo Dachwitz und Alexander Fanta Dutzende Gespräche mit Journalisten und Managern deutscher Verlage geführt und eine umfangreiche Datenanalyse zu den insgesamt 645 Innovationsprojekten vorgenommen, die im Rahmen der DNI zwischen 2015 und 2019 mit ­Googles »Gnaden« realisiert wurden. Mitfinanziert wurde die Arbeit durch den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), dessen Vorsitzender Reiner Hoffmann am Montag erklärte: »Der Pressekodex verlangt, schon den Anschein zu vermeiden, die Entscheidungsfreiheit von Verlagen und Redaktionen könnte beeinträchtigt werden. Bei Google ist ›der Anschein‹ millionenschwer.«

Ihre Studie liefere keinen Hinweis auf Versuche einer direkten Beeinflussung einzelner Journalisten und Redaktionen durch Google, hielten die Verfasser in einem Beitrag für das Portal ­Netzpolitik. org vom Montag fest. Die »schlechte Nachricht« sei aber, dass mehrere der Befragten die Sorge geäußert hätten, die Förderung durch Google könne zu »Beißhemmungen« und »Selbstzensur« führen. Die Wahrnehmung einer Gefahr »korrumpierender Nähe« wächst dabei offenbar mit der Höhe und der Häufigkeit der Zuwendungen, weshalb eine Normalisierung von Google als Sponsor kritisch gesehen werde.

Die Studie beschreibt eine Branche im Würgegriff des globalen Datenkraken. Wegen massiver Absatzeinbußen ihrer Printprodukte, schrumpfender Werbeetats und einer weitgehend verschlafenen Digitalisierung sind die Verlage für jeden Euro und jeden Innovationsschub dankbar, der von außen kommt. Dass man sich mit Google ausgerechnet den ins Bett holt, der die Misere maßgeblich herbeigeführt hat, macht die Sache noch bitterer. Einer der Interviewten, die überwiegend anonym bleiben wollten, drückte das so aus: »Am Ende haben wir gesagt: Ey, wir können jetzt hier den moralisch sauberen Tod sterben, oder wir machen halt unser Projekt.« Die Mehrheit der Befragten begreift Googles Treiben denn auch als PR-Maßnahme und politische Landschaftspflege, um das lange Zeit belastete Verhältnis zu den Medien zu kitten.

Aber darin erschöpft sich Googles Wirken nicht, denn natürlich verheißt die Liaison auch Profite. Die gepushten Innovationen bauen in der Regel auf hauseigenen Diensten auf, an denen der Konzern selbst verdient. Allein vier von zehn DNI-Projekten beschäftigen sich mit Automatisierung und Datenjournalismus. Schon heute sei erkennbar, »dass Google zu einer Art Betriebssystem für den digitalen Journalismus werden will«, befinden die Studienverfasser. Dafür züchtet sich der Megakonzern sogar die passenden »Humanressourcen« heran, indem er etwa Trainings und Fellowships für Nachwuchsjournalisten sponsert oder als Veranstalter wichtiger Branchenevents auftritt. »Der Konzern macht hier, was er am besten kann: Google wird wieder mal zur Plattform, dieses Mal für die Debatten der Branche um die Zukunft des Journalismus.«

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