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Aus: Ausgabe vom 28.10.2020, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Pflegekräfte in der Coronakrise

»Wir sind aus ihrer Sicht doch nicht so viel wert«

Nach Einigung bei Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst: Lage der Auszubildenden an Berliner Klinik nur wenig verbessert. Ein Gespräch mit Maria Ender
Interview: Lukas Schmolzi
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Medizinisches Personal protestiert in Berlin unter dem Motto »Klatschen war gestern, heute ist Zahltag« (30.9.2020)

Sie arbeiten als Pflegekraft in der Neurologie im Vivantes Klinikum Neukölln und sind zudem in der Jugend- und Auszubildendenvertretung aktiv. Wie viele Auszubildende gibt es bei dem kommunalen Krankenhauskonzern in Berlin, und welche Berufe werden erlernt?

Wir haben ca. 1.200 Auszubildende. Es wird in den unterschiedlichsten Bereichen ausgebildet. Wir haben Gebäudereiniger, operationstechnische Assistenten, medizinische Fachangestellte, Fachkräfte für Medizinprodukteaufbereitung, Hebammen, Gesundheits- und Krankenpflegehilfe, Krankenpfleger und viele mehr.

Auszubildende im Krankenhaus erleben derzeit eine Ausnahmesituation. Wie hat sich die Coronapandemie bislang auf den Arbeitsalltag ausgewirkt?

Für die Auszubildenden, die während der ersten Welle in der Theorie waren, bedeutete das vor allem eine verminderte Ausbildungsqualität, da sie ausschließlich im Selbststudium waren. Es war für sie viel schwieriger, in neue Themen einzusteigen bzw. ihr vorhandenes Wissen mit Hilfe der Lehrkräfte zu reflektieren. Auch auf die Arbeitsaufträge gab es nicht immer ein zufriedenstellendes Feedback.

Wie reagierte Verdi auf diese Situation?

Unsere Gewerkschaft wollte die Tarifrunde ins nächste Jahr verschieben. Die Arbeitgeberseite wollte das zu ihrem Vorteil nutzen und hat auf die Tarifrunde zum jetzigen Zeitpunkt bestanden, weil sie davon ausging, dass es die Gewerkschaft wegen Corona nicht schafft, die Beschäftigten zu mobilisieren.

Dabei ist der Personalmangel für Gewerkschaft und Beschäftigte kein neues Thema. Welche Folgen hat dieser für die Auszubildenden?

Ihnen fehlt es in erster Linie an strukturierter Praxisanleitungszeit. Die Praxisanleiter sind gleichzeitig noch Fachkräfte und müssen beiden Verantwortungen nachkommen. Die gelehrten Inhalte in der Praxis können häufig nicht richtig bzw. »nach Standard« gezeigt werden, da die Kollegen einfach nicht die Zeit haben. Zu viele Unterrichtsstunden für zu wenig Lehrkräfte, die sich um immer mehr Auszubildende kümmern müssen.

Sind Sie zufrieden mit der Einigung bei den Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst?

Das ist eine schwierige Frage. Ich bin froh über die Einigung. Jeder Schritt in die richtige Richtung ist ein Erfolg. Wenn man jedoch die Forderungen der Pflege und das »Zugeständnis« der Arbeitgeber gegenüberstellt, ist es doch traurig zu sehen, dass wir aus ihrer Sicht offensichtlich doch nicht so viel wert sind, wie sie es uns im Frühjahr noch vorgegaukelt haben. Und das mache ich nicht nur an der im Vergleich zu den Forderungen geringen Lohnsteigerung fest, sondern eher daran, dass die Beschäftigten in der Pflege erst einmal wieder auf die Straße gehen mussten, bevor sie gehört wurden. Wenn wir als Berufsgruppe tatsächlich so wertgeschätzt werden würden, wie es von der Politik und den Arbeitgebern nach außen hin immer kommuniziert wird, hätten wir nicht streiken müssen.

Die Jugend- und Auszubildendenvertretung schließt die Auszubildenden der 13 Tochterunternehmen von Vivantes mit ein. Letztere waren nicht zum Streik aufgerufen. Was macht das mit der Stimmung im Unternehmen?

Einiges. Die betroffenen Auszubildenden fühlen sich nicht gleich behandelt, obwohl sie teilweise in einer Klasse sitzen. Die Frage, warum nicht alle Auszubildenden denselben Tarifvertrag haben, wird regelmäßig gestellt.

Der Berliner Senat hatte schon vor vier Jahren im Koalitionsvertrag eine Angleichung der Löhne an den TVöD versprochen, die bislang aber ausgeblieben ist. Das würde auch die Auszubildenden betreffen. Was würden Sie den Regierenden gerne sagen?

Sie sollen endlich damit aufhören, bereits begangene Fehler dadurch kompensieren zu wollen, dass Unternehmen zur permanenten Erhöhung der Ausbildungszahlen gezwungen werden. Darunter leidet die Qualität, was wiederum Auszubildende abschreckt, anstatt sie langfristig für den Beruf zu begeistern. Vielmehr sollte sich die Regierung mit den inhaltlichen Problemen beschäftigen, die es seit Jahren im Gesundheitssystem und der dazugehörigen Ausbildung gibt. Es braucht Qualität, nicht Quantität!

Maria Ender arbeitet als Pflegekraft im Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln und ist Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung

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