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Aus: Ausgabe vom 26.10.2020, Seite 8 / Inland
Kampf gegen Verdrängung

»Für die Grünen ist das eine große Blamage«

In Flensburg haben Aktivisten den von Rodung bedrohten Bahnhofswald besetzt. Ein Gespräch mit Hanna Poddig
Interview: Kristian Stemmler
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Baumbesetzung im Flensburger Bahnhofswald (1.10.2020)

Zu Beginn der Rodungssaison am 1. Oktober, in der Fällungen gesetzlich erlaubt sind, haben Sie mit etwa 20 Aktivisten den Bahnhofswald in Flensburg besetzt. Warum?

Zum einen wollten wir ein Zeichen der Solidarität mit den Besetzern im »Danni«, dem Dannenröder Forst in Hessen, setzen. Zum anderen protestieren wir mit der Besetzung gegen die geplante Bebauung des Areals, für das wertvolle Bäume gerodet werden sollen. In direkter Bahnhofsnähe wollen zwei Investoren ein Hotel und ein Parkhaus bauen. Das Bahnhofsviertel wird seit 2013 neu strukturiert. Wie immer in solchen Fällen geht es hier letztlich um eine Aufwertung des Quartiers auf Kosten nichtkommerzieller Projekte. So bedroht das Projekt einen der Flensburger Wagenplätze und die Kulturwerkstatt Kühlhaus.

Wie sieht die Besetzung der Bäume konkret aus?

Wir haben bereits drei recht luxuriös ausgebaute Baumhäuser gebaut und drei bis vier Plattformen, die aber noch nicht ganz wind- und wetterfest sind. Wir bekommen großartige Unterstützung der Bürgerinitiative Bahnhofsviertel Flensburg. Die Initiative, die Geld für eine Klage gegen das Projekt sammelt, hat hier eine Mahnwache angemeldet, einen Infostand aufgebaut und verteilt täglich Flugblätter.

Bisher wird Ihre Besetzung geduldet. Gab es überhaupt Kontakte mit Polizei oder Investoren?

Am 2. Oktober, dem zweiten Tag der Besetzung, haben wir morgens Besuch von Arbeitern bekommen, die erste Arbeiten durchführen sollten. Das haben wir gleich öffentlich gemacht. Und dann kam die Polizei und hat den Arbeitern empfohlen, wieder abzuziehen, um eine Eskalation zu vermeiden. Ein Vertreter der Initiative und ich hatten zudem ein öffentliches Streitgespräch mit den Investoren. Die haben uns gefragt, ob wir nicht am Wochenende das Feld räumen würden. Das habe ich verneint. Jetzt befürchten wir, dass es ab Anfang dieser Woche für uns weniger komfortabel und eventuell eine Räumung versucht wird.

Wie wird die Besetzung von der Bevölkerung aufgenommen?

Es gibt beeindruckend viel Rückhalt. Das Gelände liegt zentral, darum ist die Besetzung sehr präsent im Stadtgeschehen. Wir bekommen unglaublich viel Zuspruch und Hilfe, negative Reaktionen gibt es so gut wie gar nicht. Wir mussten Unterstützer bitten, uns vorher zu fragen, wenn sie etwas zum Essen bringen – weil wir gar nicht soviel essen können, wie sie uns spenden.

Sie sind seit etwa 20 Jahren aktiv. Glauben Sie, dass sich die Haltung gegenüber Aktionen des zivilen Ungehorsams verändert hat?

Eindeutig. Die große Sympathie, die wir hier erfahren, hat sicher damit zu tun, dass etwa das Mittel der Baumbesetzung als politische Option zunehmend in den Köpfen ist. Die Leute sagen nicht: Das geht jetzt aber zu weit, das ist illegal. Sondern: Das habe ich in der Zeitung gelesen, das passiert woanders auch. Da hat sich etwas verschoben, und das finde ich sehr wertvoll. Weil es bedeutet, dass Leute Politik als etwas betrachten, was sie selber machen können, was sie in die eigenen Hände nehmen können, wo sie nicht ohnmächtig Entscheidungen politischer Repräsentanten ausgeliefert sind.

Hat das auch mit dem Erfolg von »Fridays for Future« und »Ende Gelände« zu tun?

Ich denke schon. Und natürlich hat die Besetzung im Hambacher Forst viel dazu beigetragen, Leute für ähnliche Aktionen zu motivieren. Die Umwelt- und Klimaschutzbewegung wird breiter, und die Aktionsformen werden vielfältiger, wie man etwa an der Blockade von VW in Wolfsburg vor gut einem Jahr sieht.

Wie sind die Reaktionen aus der Politik auf Ihre Besetzung?

Das Ganze ist vor allem für Bündnis 90/Die Grünen eine große Blamage. Ein Großteil der Grünen im Rat hat für die Abholzung gestimmt. Der einzige entschiedene Gegner des Projekts auf Parteienseite ist Die Linke, deren Vertreter uns immer wieder besuchen.

Sind Sie enttäuscht vom Verhalten der Grünen?

Ich komme aus der Antiatomkraftbewegung, die Grünen können mich gar nicht mehr enttäuschen. Dass die Grünen für viele Wähler die Antiatomkraftpartei und die Klimaschutzpartei sind, das sind Projektionen. Mit ihrem realen Handeln in Regierungen hat das nichts zu tun.

Hanna Poddig ist Umweltaktivistin und Autorin

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