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Faschismus in den USA

Von Mumia Abu-Jamal
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Ich bin gefragt worden, warum ich die von Donald Trump geführte US-Regierung »faschistisch« genannt habe. Viele Historiker würden der Aussage, dass es in den USA jemals Faschismus geben könnte, widersprechen. Als ich vor einigen Jahren in der Haft ein Fernstudium der Geschichte absolvierte, hätte ich eine solche Bewertung wahrscheinlich selbst abgelehnt.

Als junger Mensch war ich Mitglied der Black Panther Party, und ich erinnere mich noch gut, dass wir damals die Regierung von US-Präsident Richard Nixon, Justizminister John Mitchell und Vizepräsident Spiro Agnew als »faschistisch« bezeichneten, weil sie Krieg gegen das schwarze Amerika und die schwarzen Freiheitsbewegungen führten. Ich sehe es heute so, dass wir diese Begrifflichkeit damals brauchten, um zu fassen, was wir als potentielle Bedrohung auf uns zukommen sahen, und nicht das, was für uns als konkrete Bedrohung bereits Realität war.

Diese Einschätzung änderte sich, als ein Freund – mein Vertrauensarzt in der Haft – mit mir über die Zeit nach der Periode der »Reconstruction« in den USA sprach. Wer die US-Geschichte kennt, der weiß, dass damit die etwa zwölfjährige Phase nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) gemeint ist, in der die aus dem Verbund der Vereinigten Staaten ausgetretenen Sklavenhalterstaaten des Südens wieder in die Union eingegliedert wurden. In dieser Zeit wurde die US-Verfassung um die sogenannten Rekonstruktionszusatzartikel erweitert. Dazu gehörte der 13. Zusatzartikel, der das grundsätzliche Verbot der Sklaverei auf dem gesamten Gebiet der Vereinigten Staaten umfasste. Der 14. Artikel, der den »Freedmen«, den in die Freiheit entlassenen Sklaven, das Recht zusprach, Staatsbürger der USA zu sein, und schließlich der 15. Artikel, der ihnen das uneingeschränkte Wahlrecht gewährte. Diese Phase des Wiederaufbaus nach dem Bürgerkrieg währte in weiten Teilen der US-Südstaaten nur zehn, vielleicht fünfzehn Jahre.

Diese Entwicklung wurde durch den Terrorkrieg beendet, den der Ku-Klux-Klan, das White Citizens Council und weitere Rassistenorganisationen, die eng mit dem Staat verbunden waren, gegen die Freiheitsbewegung der afroamerikanischen Bevölkerung führten. Dies war ein offen faschistischer Krieg, vor dem die US-Regierung jedoch die Augen verschloss, weil sie auf derselben Seite stand wie die Rassisten.

Schwarze wandten sich wegen der Missachtung ihrer Rechte mit schriftlichen Eingaben an Washington, doch von dort erhielten sie nie eine Antwort. Statt dessen wurden sie aus dem Kapitol, dem Sitz des US-Kongresses, hinausgeworfen und schließlich systematisch von Wahlen ausgeschlossen. Wenn sie sich als Wähler registrieren lassen wollten, liefen sie ständig Gefahr, verprügelt, ausgeraubt, verbrannt oder anderweitig terrorisiert oder ermordet zu werden. Wir können also davon sprechen, dass am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten Faschismus herrschte.

Der afroamerikanische Soziologe und Journalist W. E. B. DuBois beschrieb eindrücklich den »Red ­Summer« des Jahres 1919. Nach dem Ersten Weltkrieg markierte der »Rote Sommer« einen Anstieg rassistischer Gewalt gegen Schwarze in den gesamten USA, weil afroamerikanische Kriegsveteranen, die aus Europa zurückkehrten, auf ihre Rechte pochten. In Europa waren sie von Weißen oft viel besser behandelt worden als im eigenen Land, für das sie tapfer gekämpft hatten. Die rassistischen Ausschreitungen wurden von Weißen gegen schwarze Gemeinden unter anderem in Cincinnati, in Philadelphia und in Louisville entfesselt. Das war Faschismus. Wir sind es gewohnt, über Faschismus im Zusammenhang mit Mussolini in Italien oder Hitler in Deutschland nachzudenken, jedoch nicht, wenn er uns mit US-amerikanischem Antlitz oder Akzent entgegentritt. Und das ist unser Problem, weil wir zu unserem eigenen Nachteil nicht aus der Geschichte gelernt haben.

Dass die US-Verfassung den Schwarzen nach dem Ende des Bürgerkriegs 1865 das Wahlrecht gewährte, es dann aber noch hundert Jahre dauerte, bis eine Bürgerrechtsbewegung diese Grundrechte durchsetzte und die Rücknahme von Gesetzen forderte, die die Freiheit der Schwarzen weiter einschränkten, sollte uns zu denken geben. Wir müssen uns also mit dem Begriff des Faschismus auseinandersetzen und dann genauer auf die Ära schauen, in der wir jetzt leben.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Diese vor ihrer Veröffentlichung leicht bearbeiteten Ausführungen Mumia Abu-Jamals entstammen dem Programm »Conversations with Trudy« vom 14. Oktober 2020, einem Interviewblog, der von der Autorin ­Trudy Knockless moderiert wird.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • M. Gill: Mehr Auseinandersetzung Ohne Zweifel bedarf Faschismus als Begriff einer tieferen Auseinandersetzung, und es braucht auch Mut, diesen in seinen vielfältigen Formen als solchen zu benennen. Faschismus kennt viele Formen. Der ...

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