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Aus: Ausgabe vom 22.10.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Verschwommenes aus dem Sperrgebiet

Klischees des Kalten Krieges: Eine Frankfurter Ausstellung präsentiert Spionage als Kunst
Von Herbert Bauch
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Zurückspionieren: Fotokünstler Trevor Paglens »Control Tower (Area 52)« observiert eine geheime Anlage im US-Bundesstaat Nevada

Das Ausspähen von Individuen oder Staaten in all seinen Facetten ist das Thema, dem sich 40 internationale Künstlerinnen und Künstler in einer groß angelegten Schau unter dem Titel »We Never Sleep« in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main widmen. Der Ausstellungstitel verweist auf das Bild des stets wachsamen Agenten, der seine Identitäten wechselt und im Dunkeln agiert. Der Agentenroman trat im späten 19. Jahrhundert als eigenes Genre in Erscheinung und verlieh im Laufe der Zeit gemeinsam mit der Filmbranche dem verborgenen Tun des Ausspähens ein schillerndes Image. Die Ausstellung untersucht, wie sich die Populärkultur seitdem von der »Realität« des Überwachens und Spionierens anregen ließ. Dafür präsentiert die Ausstellung Gemälde, Fotografien, Videoarbeiten, Skulpturen und Installationen, wie auch Buchcover, Kinoplakate und Filmsequenzen.

Zum Beispiel sind Fotos des US-amerikanischen Künstlers Trevor Paglen zu sehen, die auf den ersten Blick als »Wolkenfotos« durchgehen könnten, bei denen versehentlich ein Vogel vor das Objektiv geraten ist. Doch tatsächlich interessiert sich Paglen für die Spionage­infrastruktur und -methoden der USA und macht aus meilenweiter Distanz Aufnahmen von Sperrgebieten wie dem Hauptquartier der National Security Agency (NSA) oder von Unterseekabeln, die vom Geheimdienst angezapft werden. Damit kehrt er das Ausspähen durch die NSA um, wird selbst zum Spion.

Eine Intarsienarbeit auf Holz bildet den deutschen Kommunisten Richard Sorge ab, der 1941 Moskau präzise Informationen zum geplanten Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion lieferte. Das Kunstwerk, das aus dem Berliner Stasimuseum stammt, bleibt in der Ausstellung unkommentiert. Um den Hintergrund zu erfahren, muss man schon einen Blick in das umfangreiche Beiheft werfen, das dem Besucher oder der Besucherin beim Kauf der Eintrittskarte in die Hand gedrückt wird.

Mit einer Vielzahl künstlerischer Ansätze versucht die Ausstellung, den (vermeintlichen) Höhepunkt der Spionage während des Kalten Krieges genauso sichtbar zu machen wie aktuelle Entwicklungen des Ausspähens. Allerdings verstärkt sich beim Betrachten mancher Objekte der Eindruck, dass Klischees des Kalten Krieges noch wirksam sind.

Wurden in der Vergangenheit Einzelpersonen, Parteien und Gruppen oder Staaten durch Gemeindienste gezielt ins Visier genommen, geht es im digitalen Zeitalter – wie beispielsweise der Whistleblower Edward Snowden aufgedeckt und angeprangert hat – immer mehr auch um die flächendeckende Überwachung der Bevölkerung durch die eigene Regierung. Doch nicht nur Geheimdienste generieren heute Daten aus der Nutzung von Medientechnologien; auch im »Internet der Dinge« und in den Fantasien von »Big Data« werden mediale Vorgänge, Ereignisse und Kommunikation einer automatisierten Auswertung unterzogen, die Schlüsse aus dem Verhalten der Menschen zieht.

Die verdachtsunabhängige Sammlung von Daten sorgte in Deutschland schon in den 80er Jahren für Unmut. Die damalige Volkszählung mobilisierte eine breite Gegenbewegung in der Bevölkerung, vor dem Bundesverfassungsgericht wurde Klage erhoben. Zu sehr hätten die gesammelten Daten Rückschlüsse auf die befragten Personen – die sogenannte Reidentifizierung – zugelassen, wären sie mit Zusatzwissen aus den Einwohnermelderegistern kombiniert worden. Das Verfassungsgericht fällte zum Jahresende 1983 eine Grundsatzentscheidung und erkannte das Grundrecht auf informelle Selbstbestimmung an. Das Urteil gilt noch immer als Meilenstein des Datenschutzes.

Doch wie sieht es heute aus? Zwei Pressemeldungen der vergangenen Tage verdeutlichen die Praxis der Überwachung. Eine schwedische Modekette wurde gerade zu einem Bußgeld in Millionenhöhe verurteilt, weil sie über Jahre hinweg von Hunderten von Beschäftigen des Servicecenters in Nürnberg Daten über deren private Lebensumstände erfasst und gespeichert hatte. Und der Bundesnachrichtendienst (BND) soll künftig von einem per Gesetz bestimmten Kontrollorgan aus sechs Richtern beaufsichtigt werden, damit seine »strategische Fernaufklärung« (also seine ausländische Abhörtätigkeit) den informellen Grundrechten nicht zu wider läuft – hört der BND doch jeden Tag über 150.000 »Kommunikationsbeziehungen« ab, und zwar ohne jegliche »Verdachtsmomente«.

Wie sagte schon Regielegende Alfred Hitchcock? »Sie werden beobachtet.«

»We never sleep«, bis 10. Januar 2021, Schirn Kunsthalle, Frankfurt/M.

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