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Aus: Ausgabe vom 21.10.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Lage der Obdachlosen

Totale Verelendung

In der Coronakrise sind Angebote der Obdachlosenhilfe weggebrochen. Helfer blicken mit Sorge auf Winter
Von Kristian Stemmler
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Ein schlafender Obdachloser auf der Reeperbahn in Hamburg

Mitten auf der Wiese zu Füßen des Bismarck-Denkmals auf St. Pauli entdeckten Passanten am vergangenen Mittwoch eine leblose Frau. Rettungskräfte konnten nur noch den Tod der 63jährigen feststellen. Sie ist nach einem Bericht des Stadtmagazins Hinz & Kunzt vom Donnerstag der achte obdachlose Mensch, der in Hamburg seit Mai tot auf der Straße oder in einem leerstehenden Haus aufgefunden wurde – eine alarmierende Zahl. Denn der Winter, in dem jedes Jahr sogenannte Kältetote zu beklagen sind, hat noch nicht mal angefangen. Alle acht sind nicht an Covid-19 gestorben. Dennoch sind sie Opfer der Coronakrise oder genauer: Opfer einer Krisenpolitik, die gesellschaftliche Randgruppen noch entschlossener ignoriert als üblich.

Für Stephan Karrenbauer, seit einem Vierteljahrhundert Sozialarbeiter von Hinz & Kunzt, liegt dieser Zusammenhang auf der Hand. Wohl keiner kennt die Szene der etwa 2.000 Obdachlosen in der Hansestadt besser als er. »Wir erleben eine Verwahrlosung von Wohnungslosen wie nie zuvor«, sagte er am Freitag im Gespräch mit junge Welt. Schon frühmorgens sehe er am Hauptbahnhof, wie kaum ansprechbare Obdachlose im eigenen Urin lägen. Die Kleidung sei bei vielen verdreckt und zerlumpt.

Die totale Verelendung ist eine direkte Folge der Pandemie. Mit Corona sei das Hilfesystem für Obdachlose und andere Hilfebedürftige wie Drogensüchtige »so gut wie zusammengebrochen«, erläutert Karrenbauer. Viele Einrichtungen schlossen im Frühjahr ganz, manche reduzierten das Angebot. Inzwischen sind die Einrichtungen zwar wieder geöffnet, wegen der strengen Hygieneauflagen ist das Angebot aber stark reduziert, etwa in den Tagesaufenthaltsstätten. »Wo früher 70 Leute gleichzeitig sitzen durften, sind es heute nur noch zehn«, sagt Karrenbauer.

Für die auf der Straße lebenden Menschen hat das katastrophale Auswirkungen. Die Aufenhaltsstätten, aber auch die anderen Einrichtungen der Obdachlosenhilfe sind Fixpunkte ihres schwierigen Alltags. Bisher konnten sie dort ein oder zwei Stunden im Warmen sitzen, einen Kaffee trinken, etwas essen, sich unterhalten, Wäsche waschen, sich duschen – und sich vor allem auch von ihrem täglichen Überlebenskampf etwas ausruhen.

»Obdachlose haben oft ihre feste Einrichtung, deren Besuch in ihrem Tagesablauf eingeplant ist«, sagt der Sozialarbeiter. Das gebe ihnen Halt. Wenn man plötzlich von der Einrichtung nur noch ein Lunchpaket in die Hand gedrückt bekomme, »dann sitzt man allein auf der Parkbank und ist sich wieder selbst überlassen«. Weil sie vereinsamen, flüchteten immer mehr Obdachlose in Alkohol und Drogen. Immer öfter müssten Rettungswagen gerufen werden, weil das zu Notfällen führe, so Karrenbauer.

Michael Edele, Direktor des Hamburger Caritasverbandes, bestätigt Karrenbauers Analyse. In den ersten Monaten der Krise seien »viele Teile der Angebote in der Versorgung mit Essen, Kleidung und Tagesaufenthaltsmöglichkeiten zusammengebrochen«, erklärte er am Montag gegenüber jW. Vieles sei immer noch nicht wieder am Start oder laufe nur im Teilbetrieb. Mit Sorge schaue die Obdachlosenhilfe darum auf Herbst und den nahenden Winter, so Edele. Corona und die Kälte würden Einrichtungen und Dienste vor große Herausforderungen stellen.

Für die Obdachlosen in den anderen Städten sind die Probleme dieselben. Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe wies Anfang September auf die bedrohliche Lage der Wohnungslosen hin. Die Coronakrise bedeute für sie »eine dramatische Verschlechterung ihrer ohnehin bereits prekären Lebenslage«. Seit Beginn der Krise müssten Beratungsstellen ihr Angebot zurückfahren, Kontakte können in der Regel nur telefonisch oder online erfolgen. Das sei eine schwere Belastung, ebenso wie die Schließung oder Reduzierung niedrigschwelliger Angebote wie Tagestreffs und Mittagstische.

Wenn sich etwa in Tagesaufenthaltsstätten nur noch eine begrenzte Personenzahl aufhalten könne, sei das ein Problem, sagte BAG-Geschäftsführerin Werena Rosenke am Freitag gegenüber jW. Den Wohnungslosen breche »die Tagesstruktur weg«. Rosenke betonte, die BAG habe bereits Ende März auf die prekäre Lage hingewiesen und in einem »Zehn-Punkte-Programm« unter anderem einen sofortigen Stopp aller Zwangsräumungen und die Akquirierung zusätzlicher Räume für die Unterbringung von Wohnungslosen, etwa in Hotels und Pensionen, gefordert.

Das Sofortprogramm der BAG schließt mit einem dringlichen Appell. Es sei absehbar, »dass Engpässe bei der Versorgung der wohnungslosen Menschen in allen existentiellen Lebensbereichen auftreten und anhalten werden«. Deswegen rufe die BAG »die Bevölkerung in Deutschland zur Solidarität mit den wohnungslosen Mitbürgerinnen und Mitbürgern auf«. Die braucht es, denn ein »Rettungspaket« des Staates für Obdachlose, Drogensüchtige und andere marginalisierte Gruppen ist nicht in Sicht.

Hintergrund: Lage zugespitzt

Sechs Milliarden Euro pumpte die Bundesregierung allein in die Fluggesellschaft Lufthansa, um sie in der Coronakrise zu stützen. Für Obdachlose, Drogenabhängige und andere marginalisierte Gruppen hat der Staat dagegen kaum etwas übrig. Seit Monaten ist das Angebot niedrigschwelliger Hilfen für diese Menschen stark reduziert. Doch zusätzliche Angebote, wie erweiterte Öffnungszeiten der Einrichtungen, gab es nur partiell. Ein Rettungsprogramm, dass etwa die Obdachlosen in Hotels, Pensionen und leerstehenden Bürohochhäusern unterbringt, schon gar nicht.

Schon im Frühjahr hatte die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe ein Zehn-Punkte-Sofortprogramm aufgestellt, dessen Forderungen jedoch bei den Kommunen weitgehend auf taube Ohren stießen. Gefordert wurde unter anderem, die »basale Versorgung« der Menschen, die auf der Straße lebten, mit »Aufenthaltsmöglichkeiten während des Tages, Mahlzeiten, Kleidung, sanitären Anlagen, Händehygiene etc.« zu sichern. Wohnungslosen und Mitarbeitern der Einrichtungen seien regelmäßige Covid-19-Tests zu ermöglichen. Es bedürfe gesetzlicher Regelungen zur Aussetzung von Zwangsräumungen in der Krise, so das BAG-Programm.

Genaue Zahlen gibt es nicht, aber nach Schätzungen haben rund 650.000 Menschen in der BRD keine eigene Wohnung. Mehr als 50.000 leben auf der Straße, mit steigender Tendenz. Allein in Hamburg hat sich die Zahl der Obdachlosen in zehn Jahren fast verdoppelt. BAG-Geschäftsführerin Werena Rosenke erklärte Mitte September, es lasse sich »kaum ermessen, welche tiefgreifenden Auswirkungen und Verunsicherungen« die Pandemie auf Menschen habe, die auf der Straße oder in Gemeinschaftsunterkünften lebten. Fachleute fürchten, dass sich die Lage für diese Menschen im Winter noch einmal dramatisch zuspitzt. (kst)

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