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Aus: Ausgabe vom 19.10.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Nach der »Wende«

Von der Straße geräumt

Manches bleibt ausgeblendet: Ein Sammelband zur Zerschlagung der Ostberliner Hausbesetzerszene im Herbst 1990
Von Gerd Bedszent
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Polizeiliche Räumung besetzter Häuser in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain (14.11.1990)

Der Herbst 1990 wird von den meisten Zeitgenossen mit dem 3. Oktober, dem Ende der DDR bzw. deren Einverleibung durch ihren westlichen Nachbarstaat in Verbindung gebracht. Nach der gängigen Geschichtsideologie steht diese Einverleibung für die Ablösung von politischer Repression, geheimdienstlicher Überwachung und roher Polizeigewalt durch einen geordneten »Rechtsstaat«.

Daran stimmt bei näherem Hinsehen natürlich nichts. Dass etwa die Polizei bald schon viel gewaltsamer und rücksichtsloser agierte, als es die Polizei der DDR tat, ist einem kürzlich im Berliner Verlag Ch. Links herausgekommenen Band zu entnehmen. Im größer gewordenen Deutschland gab es nämlich schon wenige Wochen nach der »Wiedervereinigung« im Ostberliner Stadtbezirk Friedrichshain schwere Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und aus Westdeutschland importierten Polizeieinheiten. Die Intensität dieser Auseinandersetzungen, die bis auf wenige Schlagworte und Bilder weitgehend vergessen sind, mutete damals vielen unmittelbaren Beobachtern wie die eines kleinen Bürgerkrieges an.

Wie war es dazu gekommen? Der Band ruft den Kontext in Erinnerung. Die DDR hatte trotz eines ehrgeizigen Wohnungsbauprogramms bis zum Schluss permanent mit Wohnraummangel zu kämpfen. Ihr Umgang mit Haus- oder Wohnungsbesetzern gestaltete sich indes pragmatisch: Wenn es jemandem gelang, leerstehenden Wohnraum, den es zumindest in den 1980er Jahren in den Altbauvierteln einiger größerer Städte mehr und mehr gab, zu finden und der Finder einfach einzog, erhielt er im Regelfall auch einen Mietvertrag, sobald er von sich aus begann, die Miete zu bezahlen. Zwangsräumung war ein Fremdwort und wurde nicht einmal dann praktiziert, wenn Leute bewusst und ohne Not die ganz geringen Mietzahlungen verweigerten.

Da weder die damals die meisten Wohnungen im Osten Berlins verwaltende Kommunale Wohnungsverwaltung noch die Volkspolizei die Situation nach dem Mauerfall auf Anhieb begriff, öffneten sich für die in den 1980er Jahren in Westberlin sehr stark angewachsene Hausbesetzerszene im Frühjahr 1990 die Pforten eines Paradieses. Es wurden haufenweise leerstehende Häuser – oft, wie in der Mainzer Straße in Friedrichshain, mehrere nebeneinander – besetzt, provisorisch in einen bewohnbaren Zustand gebracht und hier und da zu politischen bzw. soziokulturellen Zentren ausgebaut – manchmal zum Ärger der Alteingesessen, manchmal auch freundlich begrüßt oder wenigstens achselzuckend von ihnen toleriert. Es wurden Verhandlungen geführt. Bürgerinitiativen organisierten »runde Tische«. Schließlich gab es Kompromisslösungen. Alles gut? Wie sich wenig später zeigte: keineswegs.

Die von verschiedenen Autorinnen und Autoren verfassten Beiträge liefern durchaus unterschiedliche, nicht immer miteinander vermittelte Sichtweisen auf die damaligen Ereignisse. Das erweist sich hin und wieder als Nachteil. Einiges wiederholt sich, manche Aspekte aber bleiben komplett – und vermutlich nicht ohne Absicht – ausgeblendet. Nur am Rande gestreift werden insbesondere die wirtschaftlichen Hintergründe der nach wenigen Monaten eskalierenden Auseinandersetzungen. Schon in den letzten Monaten der DDR waren nämlich Horden von Alteigentümern, Glücksrittern und Spekulanten insbesondere über Grundstücke und Wohnimmobilien in den Städten hergefallen. Das war es, was den »Sommer der Anarchie« zu einem Freiraum auf kurze Zeit machte, der von dem aus dem Westen nach Osten expandierenden Politikbetrieb und der Immobilienwirtschaft schnell wieder geschlossen wurde.

Im Fall der Mainzer Straße erfolgte das mit den Mitteln brutaler Gewalt. Drei Tage tobte der Straßenkampf, ehe die letzten Hausbesetzer aufgaben. Ein Kapitel schildert, wie DDR-Bürgerrechtler, die sich mit »Keine Gewalt!«-Schildern den vorrückenden Polizeieinheiten entgegenstellten, kurzerhand von der Straße geräumt wurden. Forderungen nach einem Rücktritt des Innensenators verhallten ungehört. Bedauerlicherweise nur kurz erwähnt werden im Buch die der polizeilichen Gewaltorgie folgenden Proteste und der Sturz des damaligen »rot-grünen« Senates. Auch nicht erwähnt wird, dass der für die damalige Räumung politisch verantwortliche Bürgermeister Walter Momper (SPD) nach seinem Rücktritt eine Zweitkarriere im »Sumpf der Berliner Bauwirtschaft« – so die Taz am 3. Oktober 1993 – starten konnte.

Immerhin vermitteln die zahlreich in den Band eingefügten Fotos einen Eindruck von der Brutalität, mittels derer die rasch in die Breite gewachsene Hausbesetzerszene damals zerschlagen wurde. Einer der einstigen Besetzer kommt zu Wort und schildert die Ereignisse aus seiner persönlichen Sicht – inzwischen ist der Mann Kommunalpolitiker der Linkspartei in einer brandenburgischen Kleinstadt. Und wenigstens ein abschließendes Kapitel verschweigt die Entwicklung Berlins zu einem Eldorado für Immobilienbesitzer nicht.

Christine Bartlitz, Hanno Hochmuth, Tom Koltermann, Jakob Saß, Sara Stammnitz (Hrsg.): Traum und Trauma. Die Besetzung und Räumung der Mainzer Straße 1990 in Ost-Berlin. Ch. Links, Berlin 2020, 144 Seiten, 20 Euro

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