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Aus: Ausgabe vom 19.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Revolutionsgeschichte

Petrograder Nächte sind lang

Vor 100 Jahren starb der US-Journalist John Reed. Seine Reportage »Zehn Tage, die die Welt erschütterten« prägte das Bild der Oktoberrevolution
Von Reinhard Lauterbach
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Schnupperte das Pulver der Revolution: John Reed (1919)

Von der Oktoberrevolution gibt es keine unmittelbaren Bilder. Das ist nicht erstaunlich: Fotos brauchen Licht, und die Revolution fand in den Abend- und Nachtstunden statt. Die dunkle Zeit des Tages aber ist Anfang November in St. Petersburg verdammt lang. Selbst Schulbbucheditoren greifen zur Illustration auf eine künstlerische Darstellung zurück: den von oben und hinten aus großer Distanz aufgenommenen Sturm der Rotgardisten-Darsteller auf das Winterpalais aus Sergej Eisensteins Klassiker »Oktober«. Der zum zehnten Revolutionsjubiläum 1927 produzierte Stummfilm hatte eine Textvorlage: John Reeds Revolutionsreportage »Zehn Tage, die die Welt erschütterten« von 1919.

Wer war John Reed? Ein Sohn aus wohlhabender Familie von der Westküste der USA, Harvard-Absolvent und zeitweise recht erfolgreicher Reporter. Das Pulver der Revolution hatte er 1913 in Mexiko geschnuppert, die sozialen Gegensätze in den USA hatte er bei seinen Recherchen über Arbeiterkämpfe kennengelernt. Er sympathisierte mit der syndikalistischen Gewerkschaft »Industrial Workers of the World«. Ab 1914 durchreiste er – als Bürger der anfangs noch neutralen USA konnte er das – das kriegführende Europa auf beiden Seiten der Fronten, im Frühjahr 1917 machte er sich über Norwegen, Schweden und Finnland auf den Weg nach Russland. Die Schiffspassage verdiente er sich als Matrose auf einem Kohlefrachter.

Auf der Kippe

Als Reed Ende August 1917 im damaligen Petrograd ankam, stand die Revolution auf der Kippe. Ein Aufstandsversuch der Bolschewiki im Juli war fehlgeschlagen, der zaristische General Lawr Kornilow setzte sich an die Spitze der Gegenrevolution, scheiterte aber am Widerstand der revolutionären Arbeiter. Der US-Reporter wurde Zeuge des Zerbröselns des bürgerlichen Russlands, dessen provisorische Regierung alles falsch machte, was nur falsch zu machen war: einen unpopulären Krieg fortsetzen mit einer Armee, die das aussichtslose Kämpfen satt hatte, die Lösung der Landfrage, an der die Loyalität der Bauern zum Staat hing, auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben, dem Zusammenbruch von Wirtschaft und Versorgung tatenlos zuschauen.

Alles in Bewegung

Die große Stärke von Reeds Schilderung des Revolutionsgeschehens ist ihre Anschaulichkeit: »Wie immer in solchen Zeiten ging das tägliche Leben in der Stadt seinen gewohnten Trott und ignorierte die Revolution so weit wie möglich. Die Poeten machten Verse – doch nicht über die Revolution. Die realistischen Maler malten Szenen aus der mittelalterlichen Geschichte Russlands – alles mögliche, nur nicht die Revolution. Die jungen Damen aus der Provinz kamen in die Hauptstadt, um Französisch zu lernen und ihre Stimme zu kultivieren, und die lustigen, jungen Offiziere trugen ihre goldverbrämten Uniformen und ihre kostbar ziselierten kaukasischen Säbel in den Salons der Hotels spazieren. Die Damen der Beamtenschaft trafen sich an den Nachmittagen zum Tee, wobei jede ihr goldenes oder silbernes, mit Edelsteinen besetztes Zuckerdöschen und einen halben Laib Brot in ihrem Muff mit sich brachte – und wünschten sich den Zaren zurück, oder dass die Deutschen kommen sollten, oder irgend etwas, was das schwierige Dienstbotenproblem zu lösen geeignet wäre. (…) Die Tochter eines meiner Bekannten bekam eines Nachmittags einen hysterischen Anfall, weil die Straßenbahnschaffnerin sie ›Genossin‹ genannt hatte. Um sie herum war das ganze große Russland in Bewegung, schwanger mit einer neuen sozialen Ordnung. Die Dienstboten, die man gewohnt war, wie Tiere zu behandeln und mit einem Bettelpfennig zu entlohnen, begannen aufsässig zu werden. Ein Paar Schuhe kostete über hundert Rubel, und da die Löhne in der Regel nicht mehr als fünfunddreißig Rubel im Monat betrugen, weigerten sich die Dienstboten, um Lebensmittel anzustehen und dabei ihr Schuhzeug zu verderben.«

So könnte es gewesen sein. Belege liefert Reed keine, man ist als Leser da­rauf angewiesen, ihm zu glauben. Fragen bleiben: Zum Beispiel, ob er überhaupt Russisch konnte. Seine Biographie bietet an keiner Stelle Hinweise darauf, dass er die Sprache gelernt hätte, dafür deuten Details auf das Gegenteil hin: etwa, wenn er erwähnt, dass ihm Lew Kamenew »in fließendem Französisch« irgend etwas gesagt habe. Manche seiner Aussagen sind inhaltlich zweifelhaft, zum Beispiel die, dass 1917 alle russischen Arbeiter hätten lesen und schreiben können. Hätte das gestimmt, hätten sich die Revolutionäre das Geld für ihre Alphabetisierungskampagnen in den 20er Jahre sparen können. Reed schloss offenkundig von den Petrograder Bolschewiki, mit denen er zu tun hatte, auf die Arbeiterklasse des ganzen Landes. Das macht seinen Bericht jedoch nicht weniger lesenswert.

Zwischen den Kontinenten

John Reed verband sein Schicksal mit der Revolution. Von den Bolschewiki beauftragt, zählte er zu den Gründern der kommunistischen Partei der USA, pendelte zwischen Amerika und Russland, wurde Funktionär der Komintern. Auf deren zweitem Kongress im Sommer 1920 soll er sich wegen der Bevormundung ausländischer Genossen durch die sowjetische Partei mit Karl Radek und Grigori Sinowjew angelegt haben. Auf der Rückreise von einem »Kongress der Völker des Ostens« in Baku erkrankte er an Typhus und starb am 19. Oktober 1920 in Moskau. Sein Grab ist an der Kremlmauer in Moskau.

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