Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
Gegründet 1947 Sa. / So., 31. Oktober / 1. November 2020, Nr. 255
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
Aus: Ausgabe vom 19.10.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Der Querfeldeingeher

»Nichts ist abgehakt, alles ist in Bewegung«: Zwei Neuerscheinungen des Beschreibungskünstlers Richard Wall
Von Erich Hackl
RTX6H7DR.JPG
Im harschen Hinterland: Die Bewohner von Connemara widersetzen sich der Globalisierung

Richard Wall ist einer der begabtesten, sprachmächtigsten Schriftsteller Österreichs. Trotzdem wird er kaum wahrgenommen. Der Grund für das Missverhältnis von Bedeutung und Anerkennung ist, mehr noch als in seiner Weigerung, sich Geschichten und Gestalten auszudenken, in Walls Vorliebe für kurze Prosaformen zu suchen, die sich keiner Gattung zuordnen lassen. Dazu kommt sein als antiquiert, literarisch belanglos erachtetes Wissen über bäuerliche wie handwerkliche Fertigkeiten und die Beharrlichkeit, mit der er den Verlust von Lebensbedingungen anprangert, die unter die Kontrolle von Herrschaft und Profit geraten sind. Es ist also weniger die Enteignung als die Entfremdung, die ihn umtreibt – im wörtlichen Sinn: zu Fuß, querfeldein –, und zwar sowohl in seiner näheren Umgebung, dem österreichischen Hügelland nördlich der Donau, als auch in anderen peripheren Landstrichen Europas, vom Peleponnes bis Portugal. Dabei vertraut er nicht nur seinem scharfen Blick, sondern verschafft sich auch innige Kenntnisse über Natur, Arbeit, Sozialgeschichte der jeweiligen Region und sucht nach Spuren derer, die sich mit den gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen nicht abfinden wollten. Hätte der Begriff seine Aussagekraft wegen inflationären Gebrauchs nicht schon eingebüßt, müsste man Walls literarisches Schaffen als nachhaltig bezeichnen.

Ein Herzensort

Das erweist sich auch an seinen jüngsten Buchveröffentlichungen. Die eine, »Am Äußersten«, verbindet einen emphatischen Nachruf auf den britischen Kartographen und Schriftsteller Tim Robinson (1935–2020) mit einem Streifzug durch Connemara, den westlichen Teil der irischen Grafschaft Galway, der scheinbar nicht mehr bietet als »eine zerfranste Küstenlinie aus Granit, mit vorgelagerten Inseln und weit ins Land reichenden schmalen Buchten«. Was da und im »harschen Hinterland aus Bergen, Seen und Mooren« alles zu sehen, hören, riechen und schmecken ist, beschreibt Wall knapp und überaus anschaulich. Das Zischen der Gischt zum Beispiel, den heiseren Schrei des Graureihers, sogar »die Kratzgeräusche des Heidekrauts an den aufragenden Felsen, das Scheuern der Farne, Binsen und Schilfrohre, das dunkle Surren in den Zweigen abgestorbener Bäume und Sträucher, das polyphone Pfeifen in den Kabeln der Strom- und Telefonleitungen …«

Connemara ist für Wall nicht nur aufgrund der kargen, unverstellten Landschaft ein Herzensort, den er seit seiner ersten Reise Mitte der siebziger Jahre unzählige Male aufgesucht hat, sondern auch wegen der Einheimischen, die sich der Globalisierung widersetzen und trotz oder gerade wegen ihres einsamen Daseins zur Geselligkeit neigen. In mündlicher Überlieferung bewahren sie die Erinnerung an Hungersnöte, Seestürme und politische Verfolgung, die ihre Vorfahren erdulden mussten. Walls Augenmerk gilt aber ebenso den Auswärtigen, die sich vorübergehend oder auf Dauer hier niedergelassen haben, dem schon erwähnten Tim Robinson etwa, der auf seinen akribisch gezeichneten Karten der Region ihre ursprünglichen irischen Namen und Bezeichnungen zurückgab, oder dem Philosophen Ludwig Wittgenstein, der 1948 sechs Monate in einem abgeschiedenen Cottage verbracht hatte, weil Connemara – seinen Worten zufolge – »eines der letzten europäischen Dunkelheitsreservoirs« sei und er »nur in Dunkelheit gut denken« könne.

Bei Richard Wall hingegen zeigt sich, dass es zum Denken, zum Wahrnehmen und Deuten (was, nach Wittgenstein, ein und dasselbe ist) vor allem des Gehens bedarf. »Nichts ist abgehakt, alles ist in Bewegung«, schreibt er, »auch das scheinbar Bekannte überrascht mit neuen Aspekten.«

Nicht ohne Gegenwehr

Das Zitat könnte als Motto dem zweiten Prosaband voranstehen, in dem nichts weiter geschieht als eben das, was der Titel »Gehen« verspricht: Ein Mann, der die Lebensmitte schon überschritten hat, aber noch gut zu Fuß ist, durchmisst an einem trüben Frühlingstag die Fluren und Wälder in der Umgebung seines Mühlviertler Kindheitsdorfes. Auf die Gegenwart von Schauen, Sinnieren und Verzweifeln – über »das Verbauen und Verbunkern, das Planieren und Plündern, das Dahinbolzen und Dahinblitzen« – fällt die Erinnerung an früher, als der Umgang der Menschen mit ihresgleichen und mit der Natur nicht allein von Effizienz und Raffsucht bestimmt war. Es gab noch etwas anderes, Zielloses, Zweckfreies, oder ist dieser Eindruck nur der Sehnsucht des Protagonisten geschuldet? Auch wenn seine Stimmung zwischen Wut und Trauer schwankt, wäre es verkehrt, in Walls Alter ego einen Nostalgiker zu erkennen, der die Härte, die Schinderei verklärt, in die Mensch und Tier eingespannt waren. Was ihn wirklich bekümmert, sind die vertanen Möglichkeiten: Denn es hätte, auf dem Land und auch in den Städten, nicht zu dieser Vereisung zwischen den Menschen kommen müssen. Nicht so schnell, nicht ohne Gegenwehr. Bei aller Schönheit der Sprache ist Walls behutsame, ungemein präzise Erzählung auch ein erbittertes Traktat gegen den Kapitalismus.

Richard Wall: Am Äußersten. Irlands Westen, Tim Robinson und Connemara. Wildleser-Verlag, Erlangen 2020, 82 Seiten, 14,80 Euro

Ders.: Gehen. Stadtlichter Presse, Wenzendorf 2019, 64 Seiten, 12 Euro

Unverzichtbar!

»Zusammen mit der jährlichen Rosa-Luxemburg-Konferenz bietet die junge Welt für uns die perfekte Grundlage, um unsere gewerkschaftliche Arbeit kapitalismuskritisch und antifaschistisch auszurichten.« – DGB-Jugend Ulm

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Mehr aus: Feuilleton