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Aus: Ausgabe vom 19.10.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Kampfsportszene

In Ringschlachten

Nazikampfsportler trainieren für »Tag X«. Regierung sieht keinen Handlungsbedarf. Grünenpolitikerin fordert Konsequenzen gegen Bundeswehr-Angehörige bei rechten Extremsportevents
Von Oliver Rast
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Mitglieder einer neonazistischen Kampfsportgruppe auf dem Weg zum »Fightevent« (Ostritz, Sachsen, 21.4.2018)

Das Auftreten ist martialisch, die Gesinnung extrem rechts: Neonazistische Kampfsportler haben längst eine eigene Subkultur etabliert. Unter dem Titel »Rechtsextreme Instrumentalisierung des Kampfsports« stellte die sportpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Monika Lazar, eine kleine Anfrage an die Regierung. Die Antworten des zuständigen Bundesinnenministeriums (BMI) vom 12. Oktober liegen jW vor. Verschwurbelt heißt es in einer Passage der 33 Seiten umfassenden Auskunft: »Ein sportpolitischer Regelungsbedarf wird nicht gesehen«.

Fragestellerin Lazar machen die lapidaren Ausführungen des Ministeriums von Horst Seehofer (CSU) »stutzig«. Extremkampfsport sei zwar nicht per se rechtsextrem, »aber einer Unterwanderung der Szene muss Einhalt geboten werden«, so Lazar am Sonntag gegenüber jW. Es hat Folgen, dass das Bundeskabinett »weiterhin keinen Handlungsbedarf sieht«: »Jeder Rechtsextremist kann ein ›Mixed Martial Arts‹-Studio eröffnen, es gibt quasi keine Prävention in diesem Bereich«, sagte Lazar. Hier müsse die Sportpolitik dringend eingreifen, forderte die Grünen-Politikerin.

Antifaschistische Initiativen wie »Runter von der Matte« weisen bereits seit längerem auf eine wachsende Nazikampfsportszene hierzulande und in anderen europäischen Ländern hin. Einem partiell konspirativ agierenden Milieu, dessen »Kampftage« von Hunderten Interessierten besucht werden. »Seit über fünf Jahren organisieren sich Neonazis offensiv in professionelleren Strukturen«, erklärte die Initiative bereits Ende Juli. Mit ihren Events würden die Macher für rechtes Gedankengut offene »Personen ansprechen und rekrutieren« – nicht nur lokal, sondern gleichfalls international. Über die eigens für den »Freefight« kreierten und vertriebenen Kleidungsmarken entstehe eine Art popkultureller Dresscode.

Ein Ausschluss extrem rechter MMA-Kämpfer aus dem Veranstaltungsprogramm reiche nicht, heißt es bei »Runter von der Matte«. Statt simple »Extremismusklauseln« zu propagieren, müssten sich die Verbände stärker einbringen, allen voran die konkurrierenden namens German Amateur MMA Federation ­(GAMMAF) und German MMA Federation ­(GEMMAF). Die Organisationen hätten eine Vorbildfunktion, müssten klarer benennen, »warum Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Ring nichts zu suchen haben«.

An vorderster Front

Der Autor Robert Claus schildert in seinem jüngst erschienenen Band »Ihr Kampf. Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert« unter anderem die lukrative Geschäftemacherei mit Gewaltevents wie beim »Kampf der Nibelungen« (siehe Interview und Hintergrund). Wie ernst es den Akteuren ist, zeigt beispielsweise die neonazistische Kleinpartei »Der III. Weg«. In ihrer Arbeitsgemeinschaft »Körper und Geist« zelebriert sie »männliche Wehrhaftigkeit«. Kurzum: »Die Szene macht mobil für den vielbeschworenen Tag X«, schreibt Claus. Dabei handelt es sich um eine »Chiffre« für Planspiele zu einem »politischen Umsturz«.

Klar ist, die Übungseinheiten auf der Matte dienen der Vorbereitung von Attacken auf der Straße. Zwei Beispiele: Bei den Angriffen im alternativ geprägten Leipziger Stadtteil Connewitz im Januar 2016 oder den rassistischen Mobilisierungen im Spätsommer 2018 in Chemnitz waren rechte Kampfsportler und Hooligans in vorderster Front dabei.

Kriegerische Posen

Die kriegerischen Posen der Nazikampfsportler ziehen eine weitere Klientel an, Bundeswehr-Angehörige etwa. Das BMI räumte offiziell knapp 20 solcher »Kennverhältnisse« ein, »wobei sie in ihrer Intensität stark variieren«. Offenbar ein Versuch, die Gefahren eines derartigen Kontaktnetzes zu verharmlosen. Lazar hält hingegen diese Verbindungen für »besonders besorgniserregend«, fordert Konsequenzen für Angehörige des deutschen Militärs, die bei extrem rechten Kampfsportevents »ein- und ausgehen.« Und sie warnt: Niemand wisse, wie viele rechtsextreme Kampfsportler oder Kampfsportgruppen es aktuell gibt. »Ein Lizenzierungsverfahren für Gyms und Trainer könnte hier eine Lösung sein, um Rechtsextreme aus diesem Sport herauszuhalten«, so Lazar.

Fazit: Ignoranz und Desinteresse kennzeichnen das Regierungsverhalten. Lazar wollte wissen, welche Maßnahmen zur Prävention von extrem rechter Gewalt im Kampfsport dem Kabinett bekannt sind. Antwort: »Der Bundesregierung liegen keine entsprechenden Erkenntnisse vor«.

Hintergrund: Braune Schläger

Der »Kampf der Nibelungen« (KdN), ehemals auch »Ring der Nibelungen«, gilt als die größte Kampfsportveranstaltung der extrem rechten Szene hierzulande bzw. europaweit. Bis zum Verbot 2019 fand sie seit 2013 jährlich statt. Und bis 2018 wurden die blutigen Events konspirativ organisiert. Die ersten beiden Veranstaltungen fanden in Vettelschoß (Rheinland-Pfalz) statt. 2015 wurde der KdN in Hamm in NRW ausgetragen und 2016 im hessischen Gemünden. 2017 besuchten 500 Zuschauer und Kämpfer die Veranstaltung im sauerländischen Kirchhundem.

2018 fanden zwei KdN-Veranstaltungen statt. Zum einen beim »Schild-und-Schwert-Festival« in Ostritz, Sachsen, das vom stellvertretenden Vorsitzenden der NPD, Thorsten Heise, organisiert wird. Die zweite Jahresveranstaltung wurde im Oktober erstmals offiziell in dem Städchen bei Görlitz angemeldet. Mit rund 850 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet und dem europäischen Ausland erzielte das »Event« einen neuen Besucherrekord.

Eine geplante Neuauflage im März 2019 in Ostritz wurde seitens der Stadtverwaltung verboten. Auch in diesem Jahr gelang es den Veranstaltern nicht, einen Kampfabend durchzuführen. Zuletzt scheiterten sie Ende September in Magdeburg aufgrund einer kurzfristigen polizeilichen Verbotsverfügung. Am 11. Oktober teilten die KdN-Macher mit, sich vorerst zu verabschieden und sich auf den Vertrieb ihres gleichnamigen Kleidungslabels zu konzentrieren. »Die Hintermänner des rechtsextremen ›Kampf der Nibelungen‹ mögen sich aufgrund aktueller Misserfolge aus dem Kampfsport erst einmal zurückziehen, das heißt aber nicht, dass die Gefahr gebannt ist«, sagte Grünen-Politikerin Monika Lazar am Sonntag gegenüber dieser Zeitung. (or)

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