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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Steinpilzsauce

Von Maxi Wunder

Unser Chef Udo hat uns fünf Tage freigegeben. Wie zwei Hunde, die dringend Auslauf brauchen, sind wir aus dem Laden gerannt. »Frei!!!« jauchzt Roswitha, »Burg!« ergänze ich. Die Stadt kennen wir noch nicht. In einem dreckigen alten Opel mit Teltow-Fläminger Kennzeichen schaffen wir auf der Autobahn 120 km/h – bergab. Von den Rasern werden wir rechts überholt, von den Lkws links, alle haben’s eilig, nur wir nicht. Ich mache das Autoradio an: »Aldi Nord und Aldi Süd haben französischen Käse zurückgerufen«, teilt uns der Nachrichtensprecher mit. »Ach, ich wusste gar nicht, dass man mit Käse telefonieren kann … Haha, verstehste, Maxi? ›Zurückgerufen‹!« Roswitha ist in bester Urlaubslaune. – »Ja, lustig, Rossi, jetzt kommt die Abfahrt nach …« Huch! Verpasst. Als Beifahrerin bin ich zwar fürs Navigieren zuständig, aber vom Dauertempo 110 in einer Art Trance. Da wird der Weg zum Ziel.

Anstatt in Freiburg landen wir in Bollschweil am Fuß des Hochschwarzwalds. Im Gasthof »Zum Alemannen« bestelle ich mir die landestypischen Maultaschen und Roswitha, mal wieder auf »low carb«, einen Viertelliter Weißwein aus der Region – und Steinpilzsauce. Einfach nur Sauce in der Sauciere mit Suppenlöffel. So etwas ist möglich im Breisgau, und ich muss leider zugeben, dass die hier besser kochen als in …, also gewissermaßen als wir:

Steinpilzsauce: 400 g Steinpilze putzen, nicht waschen, mit Küchenpapier abtrocknen und in dünne Scheiben schneiden. Zwei Schalotten in feine Scheiben schneiden. Einen Bund glatte Petersilie waschen, die Blätter abzupfen und fein hacken. 250 ml Gemüsebrühe zubereiten. 2 TL Butter in der Pfanne erhitzen und die Schalotten ca. 2 Minuten darin andünsten. Mit etwas Weißwein ablöschen. Die Pilze dazugeben und 1 bis 2 Minuten von beiden Seiten anbraten. Die Brühe hinzugeben, umrühren, dann noch etwas Weißwein und 50 ml Sahne unterrühren und ca. 15 Minuten abgedeckt köcheln lassen. Mit Salz und Pfeffer würzen. Am Schluss die gehackte Petersilie dazugeben und kurz aufkochen. Normale Menschen schütten sich das über Nudeln oder Kartoffeln.

Am nächsten Morgen möchten wir weiter nach Saarbrücken und Corona zum Trotz die Abkürzung durch Frankreich nehmen. Wir warten an einer roten Ampel, um den Rhein Richtung AKW Fessenheim zu überqueren, und denken dabei an die TV-Bilder vom Vorabend: Weiße Totalvermummte, die mit Wattestäbchen anderen Menschen in der Nase bohren. »Was heißt eigentlich Quarantäne auf französisch?« frage ich nervös. – »Quarantaine.« Roswitha starrt gebannt auf die Ampel und kaut Nägel. »Ich bin so aufgeregt, als würde ich Republikflucht begehen«, murmelt sie. Hinter uns bildet sich eine Autoschlange. »Für manches im Leben ist es nie zu spät, Ross … Grün!« unterbreche ich mich, Roswitha gibt Gas, wir überqueren die Brücke, und (weil das noch vorige Woche war) die Franzosen winken uns einfach durch mit unserem unverdächtigen TF-Kennzeichen, das auf keiner roten Liste steht. Keine weißen Männchen nirgendwo. Nur die üblichen Automaten für die Péage und Überholer von links, von rechts. Und Raststätten mit Baguette.

Unverzichtbar!

»Ich schätze die junge Welt wegen ihrer solidarischen Haltung und Berichterstattung zu Kuba. Dabei deckt sie Fake-News auf und schreibt über sonst totgeschwiegene Themen.« Samuel Wanitsch, Mitglied der nationalen Koordination der Vereinigung Schweiz-Kuba

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

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