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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Verlust der Peilung

Von Arnold Schölzel
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Im Leitartikel des FAZ-Wirtschaftsteils fragt Alexander Armbruster, Leiter der Onlineredaktion des Ressorts, am Donnerstag, warum sich die wichtigsten Wirtschaftsräume der Welt »gerade jetzt« voneinander abwenden. In der Druckausgabe hat sein Artikel den Titel »Kommunikation und Kontrolle«, im Internet »Von der Kommunikation zur Kontrolle«. Im Druck steht in einem Kasten: »Die Globalisierung ändert sich. Das liegt auch daran, dass sich das Internet ändert.« Über dem Text im Netz: »Die Globalisierung ändert sich dramatisch. Zunehmend geht es um Souveränität und darum, wer neue technische Standards setzt. Deutschland muss mitbestimmen.« Das klingt fast nach AfD-Untergangsfanfare.

Armbruster macht die »veränderte Globalisierung« Sorgen. Damit steht er nicht allein. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing erfand neulich die »fragmentierte Globalisierung« und forderte eine stär­kere EU mit einem stärkeren Deutschland. Sein Motto: »Im Zweifel geht Atlantikbrücke vor Seidenstraße«. Von Krise oder Kapitalismus reden aber weder Sewing noch Armbruster, obwohl z. B. der FAZ-Aufmacher zum Herbstgutachten der »Wirtschaftsweisen« neben dessen Text die Schlagzeile hat: »Die Krise frisst sich fest« (im Internet geändert in: »Corona legt die Wirtschaft lahm«). Krise und Kapitalismus in einem Atemzug zu nennen, hat immer noch verheerende Wirkung auf Marktgläubige. Von Überproduktion ­redet gleich gar keiner.

Also warum gerade jetzt das Auseinanderdriften? Armbrusters Antwort: »Einerseits vermutlich schlicht wegen des schon lange andauernden außergewöhnlichen Aufstiegs Chinas, der das ökonomische und infolgedessen auch das politische (und militärische) Kräfteverhältnis auf der Welt gravierend verändert hat.« Damit hätte er es bewenden lassen können, fügt aber zweitens hinzu: Der Zusammenhalt des Westens sei »seinerseits brüchiger geworden«. Dann wird es diffus. Laut Armbruster befördert nämlich »der technische Fortschritt die gegenwärtige Abgrenzungstendenz«. Das Internet sei nämlich nicht mehr nur »Medium für allgegenwärtige Allzweckkommunikation«, sondern habe sich »zu einem brauchbaren Instrument der Kontrolle gewandelt«. Überraschung. Dafür war es von Anfang an gedacht: eine elektronische Fußfessel der USA für die Weltbevölkerung. Hat im Detail spätestens Edward Snowden 2013 nachgewiesen.

Armbrusters Analyse endet in diffusem Unbehagen. Das scheint repräsentiv für die höheren Etagen: Dort breitet sich ein Krisenbewusstsein aus, die Auffassung, dass die Peilung verloren geht. Attribute zur »Globalisierung« wie »verändert« oder »fragmentiert« sind vor allem ein Eingeständnis, dass statt der »einzigen Weltmacht« (der damalige US-Präsident George Bush senior) nach dem Ende der Sowjetunion in historisch kurzer Frist jetzt der Niedergang des Westens zu beobachten ist, der mit Demokratie­abbau, Hochrüstung und Krieg einhergeht, klassisch imperialistisch mit Expansion, Aggression, Krise und nationalistischem Größenwahn.

Und sie endet mit dem Aufprall auf die Realität. Am Freitag zitierte die FAZ auf Seite eins des Wirtschaftsteils den Düsseldorfer Ökonomen Jens Südekum: »›Im Moment ist China die Konjunk­tur­lo­ko­mo­ti­ve der Welt. Dort ist die Lage offen­bar unter Kontrol­le, die Menschen kaufen wieder mehr Produk­te. Das hilft der deut­schen Indus­trie extrem.‹ Schön würden die kommen­den Monate für die deut­sche Wirt­schaft aber nicht. Schlie­ß­lich lägen zwei Drit­tel der Absatz­märk­te in Europa.« Armbruster wird also bald wieder Gelegenheit haben, Ursachen für Veränderungen im internationalen Kräfteverhältnis, sprich: fürs Hinterherhinken des Westens, zu suchen. Kleiner Tipp: Studieren der Produktions- und Eigentumsverhältnisse hilft.

Attribute zur »Globalisierung« wie »verändert« oder »fragmentiert« sind vor allem ein Eingeständnis, dass statt der »einzigen Weltmacht« nach dem Ende der Sowjetunion jetzt der Niedergang des Westens zu beobachten ist, der mit Demokratieabbau, Hochrüstung und Krieg einhergeht.

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