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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Vielleicht doch meine Leute

Bitterfeld-Gesichter im Feindesland: Alexander Kühnes »Kummer im Westen«, ein Poproman aus ostdeutscher Perspektive
Von Michael Bittner
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Mark der DDR, Prost! (Sommer 1990 in einer Ostberliner Kneipe)

Im Jahr 2016 erschien Alexander Kühnes erfolgreicher Roman »Düsterbusch City Lights«. Er erzählte die Geschichte von Anton Kummer. Der als Nichtsnutz und Störenfried verschriene junge Mann bringt Bewegung in den Stillstand der späten DDR, indem er in seinem Heimatdorf inmitten der Steppe zwischen Brandenburg und Sachsen den Konzertklub »Helden des Fortschritts« eröffnet, der zum brodelnden Treffpunkt der Punk- und Wave-Szene wird. Für literarische Feinschmecker war Kühnes sprachlich schlicht und stur chronologisch erzählter Roman gewiss nichts. Er überzeugte statt dessen durch die einfühlsame Schilderung des dörflich-proletarischen Milieus, in dem der Schulversager Kummer seine Lehrjahre zu absolvieren hat, sowie durch das lebendige Porträt der DDR-Subkultur mit ihren Ökopaxen, Bluesern, Punkern, Poppern und sonstigen Außenseitern.

Der Protagonist Anton Kummer weckt Interesse gerade durch seine Zwiespältigkeit. Ein strahlender Held ist er in keiner Hinsicht. Sein Verhältnis zu den Frauen ist notorisch verkorkst. Immer wieder spontan aufbegehrend, arrangiert er sich doch notfalls mit den Verhältnissen, wenn es darum geht, seinen sehr persönlichen Traum zu verwirklichen. Er ist ein Rebell, aber ein ziemlich unpolitischer: An der DDR stören ihn vor allem das autoritäre Gehabe und der schlechte Geschmack der Spießbürger, die vielerorts auf den Chefsesseln sitzen. Er ist nicht auf der Suche nach einer besseren Welt, sondern nach einem Platz im Leben. Den hat er auch am Ende von »Düsterbusch City Lights« noch nicht gefunden.

So durfte man auf eine Fortsetzung hoffen, die nun mit »Kummer im Westen« erschienen ist. Es ist 1989, die Grenze wird geöffnet, und Anton Kummer zögert nicht, sich auf den Weg nach Berlin zu machen, um den Westen kennenzulernen. Dort allerdings warten einige Enttäuschungen. Das Anstehen nach dem Begrüßungsgeld ist demütigend, im Supermarkt blamiert man sich leicht. Zufällig als welterster Ossi auf ein Konzert von Nirvana geraten, wird Kummer von den coolen Westlern nur belächelt und verspottet. Auf dem Weg zurück nach Ostberlin fühlt er sich plötzlich wieder verbunden mit den »Bitterfeld-Gesichtern«, die er eben noch verachtet hatte: »Kaputt­geshoppte Ossis bevölkerten die Bahn. Mit dumpfem Blick starrten sie müde in ihre übergroßen Plastetüten. Alle wirkten so, als würden sie aus Feindesland wieder in die Heimat fahren. Ein wenig fühlte ich mich plötzlich auch so. Waren das vielleicht doch meine Leute?«

Auch in der Berliner Wohngemeinschaft, in der Kummer unterkommt, kollidiert seine Aufbruchseuphorie mit der intellektuellen Abgeklärtheit und Arroganz von Westlinken. Von seinem ostdeutschen Szeneruhm will hier niemand etwas wissen. »Ich war ein verlorener, todtrauriger, desillusionierter Provinzpopper inmitten von diskursorientierten harten Großstadtmenschen. Ohne Fick und ohne Freunde.« Kummer ergattert einen Job als Austräger einer linken Postille, doch den ist er aufgrund politischer Naivität schnell wieder los. So bleibt zunächst nur der deprimierende Rückzug in die altbekannte Provinz.

In Düsterbusch ist unterdessen die Einheitseuphorie schon wieder verflogen: »In Kringelreihen standen Hunderte Arbeitslose auf dem anonymen Hof. Es war ein wenig wie damals auf der Oberbaumbrücke – nur dass hier keine Vorfreude herrschte, sondern blanker Frust. Ein wahrer Elendskordon, verschämt, geschlagen und ohne jede Hoffnung im Blick.« Antons Vater bangt wegen einer Betriebsübernahme, Antons Mutter wegen ihrer Vergangenheit als Sozialistin um die materielle Existenz. Ortsbekannte Trottel versuchen derweil ihr Glück als Versicherungsvertreter. Neonazis ziehen prügelnd durch die Landschaft. Im Klub »Helden des Fortschritts« trifft sich nicht mehr die Avantgarde, statt dessen wird zur »Ossi-Party« mit Scorpions-Coverband geblasen.

Für Ostalgie irgendwelcher Art ist Anton Kummer trotzdem nicht zu haben. Statt dessen versucht er sich als reisender Verkäufer von Bootleg-Platten im Auftrag eines zwielichtigen Geschäftemachers. Angetrieben wird er dabei von der geheimnisvollen russischen Schönheit Irina, die ihn schließlich sogar dazu überredet, in die Rolle des musikalischen Visionärs zurückzukehren.

Alexander Kühne hat mit seinem zweiten Roman ein lebendiges Panorama der chaotischen Wendejahre geschaffen, mit ihren wirren Hoffnungen und schmerzlichen Enttäuschungen. Besonders gut getroffen ist die Verständnislosigkeit, mit der sich gerade junge, seelisch eigentlich recht ähnlich gestrickte Leute aus Ost und West damals gegenüberstanden. Wer an »Düsterbusch City Lights« Freude hatte, der sollte sich »Kummer im Westen« auf keinen Fall entgehen lassen. Und auch alle anderen, die Lust darauf haben, einmal einen ungewöhnlichen Poproman aus ostdeutscher Perspektive zu lesen, dürfen getrost einen Blick riskieren.

Alexander Kühne: Kummer im Westen. Heyne, München 2020, 352 Seiten, 16 Euro

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