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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 1 / Titel
Gewerkschaftskämpfe in der BRD

Stahlkocher in der Krise

IG Metaller fordern auf Protestkundgebung Staatseinstieg – Ministerpräsident Laschet laviert. Britische Liberty Steel richtet Übernahmeangebot an Thyssen-Krupp
Von Oliver Rast
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Wollen sich nicht verramschen lassen: Protestierende Stahlkocher von Thyssen-Krupp (Düsseldorf, 16. Oktober)

Die Stahlkocher von Thyssen-Krupp sind wütend. Sie befürchten Stellenstreichungen, Werksschließungen und Übernahmen – kurzum: die Zerschlagung des Konzerns. Rund 3.000 von ihnen demonstrierten am Freitag mittag auf den Düsseldorfer Rheinwiesen. Ihre zentrale Forderung: Sie wollen eine Perspektive, zukunftssichere Jobs. Und einen Einstieg des Staates beim Unternehmen.

Mit Hunderten von Bussen machten sich Beschäftigte zur Kundgebung auf. Die coronabedingten Auflagen waren streng. »Wir mussten das Areal fein säuberlich in Quadrate einteilen, auf denen sich maximal 25 Leute aufhalten durften«, sagte Mike Schürg, Pressesprecher des IG-Metall-Bezirks NRW, am Freitag gegenüber jW. Thyssen-Krupp ist hierzulande nach wie vor Branchenprimus. »Wir reden von 27.000 Beschäftigten allein bei uns«, so Schürg. Nicht nur das: Zulieferer, Gewerbe, mehr als 150.000 Menschen seien im bevölkerungsreichsten Bundesland direkt von der Stahlproduktion abhängig.

Menschen, die auch Wähler sind. NRW-Ministerpräsident und Kanzlerkandidat in spe Armin Laschet (CDU) war als Gastredner bei der Kundgebung angekündigt. Im Vorfeld lehnte er einen Einstieg des Landes beim Konzern ab – selbst einen temporären. Damit liegt er im Clinch mit der Gewerkschaft. Dieter Lieske, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Duisburg-Dinslaken, betonte am Freitag im jW-Gespräch: »Jetzt muss der Staat ran und rein, damit die Stahlsparte nicht absäuft.« Politprofi Laschet blieb in seiner Ansprache indes unverbindlich, wollte sich nicht festlegen. »Alle haben erwartet, dass er die Buxe runterlässt«, so Lieske. Sie wurden enttäuscht. Die IGM sei in den vergangenen Jahren längst in Vorleistung gegangen, habe einem »sozialverträglichen Arbeitsplatzabbau« unter der Prämisse von Investitionen für eine CO2-neutrale Stahlproduktion zugestimmt. »Zähneknirschend«, wie Lieske angesäuert nachschiebt.

Die Konzernspitze um Vorstandschefin Martina Merz ist seit Monaten auf Partnersuche – übt sich in Krisenplanspielen. Einen Verkauf des Stahlsegments hat sie nicht ausgeschlossen, auch eine Staatsbeteiligung plus »strategischem Partner« als Option bezeichnet. Passend dazu schlagzeilten Nachrichtenagenturen am Donnerstag abend: »Liberty Steel will offenbar Stahlsparte von Thyssen-Krupp kaufen«. Das Konglomerat beschäftigt rund 30.000 Menschen und ist in zehn Ländern auf vier Kontinenten aktiv. Am Freitag vormittag dann die Bestätigung: »Wir haben heute ein indikatives (unverbindliches, jW) Angebot für einen Erwerb des Stahlgeschäfts erhalten«, erklärte ein Konzernsprecher auf jW-Nachfrage. Die Offerte werde nun geprüft, gleichzeitig führe der Vorstand »mit anderen potentiellen Partnern Gespräche.«

Der IGM-Bezirksleiter Knut Giesler reagierte via dpa am Freitag schroff: »Wer meint, in einem Ein-Euro-Laden Thyssen-Krupp billig kaufen zu können, ist nicht der Richtige.« Das sieht Kollege Lieske auch so: »Wir wollen nicht zur verlängerten Werkbank anderer werden.« Rückendeckung bekommt er von Jutta Krellmann, Sprecherin für Mitbestimmung und Arbeit der Bundestagsfraktion von Die Linke. »Wir dürfen nicht zulassen, Schlüsselindustrien in Deutschland zu verlieren«, sagte sie gleichentags dieser Zeitung. Deshalb solle der Staat beim Konzern einsteigen.

Thyssianer und Kruppianer sind seit Jahren Ärger gewohnt. »Wir hangeln uns von Misere zu Misere«, so Lieske. Irgendwann müsse aber mal Schluss sein, sonst stehe Zoff ins Haus.

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»Ich schätze die junge Welt wegen ihrer solidarischen Haltung und Berichterstattung zu Kuba. Dabei deckt sie Fake-News auf und schreibt über sonst totgeschwiegene Themen.« Samuel Wanitsch, Mitglied der nationalen Koordination der Vereinigung Schweiz-Kuba

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Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Achim Lippmann, Shenzhen: Weiter denken Deutschland hat sehr starke Umweltverbände und auch relativ starke Gewerkschaften. Beides müsste man bei sehr spezifischen Projekten und Kämpfen stärker zusammenführen. Die Stahlindustrie hat bisher k...

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