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Aus: Ausgabe vom 16.10.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Die Stärken der Amateure

Wie wollen wir über Fußball reden? Ein Vergleich zwischen Sportfernsehtalks und Podcasts
Von Steven Redetzki
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Wurde bei »Fußball 2000« sachlich aufgearbeitet: Polizeieinsatz beim Europa-League-Spiel Eintracht Frankfurt gegen Donezk am 21.2.2019

Zappt sich der Podcast-affine Fußballfan durch die Talkformate des Sportfernsehens, erkennt er erstaunlich viele Stimmen wieder. Bei Sport 1 wurden in den Sendungen »Doppelpass« und »Wie need to talk« in letzter Zeit Mara Pfeiffer (»Frauen reden über Fußball«), Max-Jacob Ost (»Rasenfunk«), Axel Goldmann und Basti Red (»drei90«) begrüßt. Offenbar versuchen TV-Formate, bisher dominiert von ehemaligen Spielern und bekannten Printjournalisten, mit neueren Entwicklungen Anschluss zu halten.

Pit Gottschalk, Chefredakteur von Sport 1, begleitet jede »Doppelpass«-Folge aktiv bei Twitter und betont, dass man »Schritt für Schritt hart daran arbeitet« den »Doppelpass« frisch zu halten. Es ist der notwendige Versuch, einem Trend entgegenzuwirken: Nicht nur die aktiven Fanszenen entfernen sich immer weiter vom Hochglanzprodukt Fußball. Die immer gleichen Talkrunden im Fernsehen bieten keine neuen Gesichter, keine neuen Erkenntnisse. Calmund, Hoeneß und Basler liefern noch recht zuverlässig gute Einschaltquoten, doch unter vielen Fans hat sich die Meinung durchgesetzt, dass man für gute Taktikanalysen und interessante Interviews lieber den »Rasenfunk« hört, für eine humoristische Einschätzung der besten Maskottchen »drei90« und für eine Mischung aus allem »Bohndesliga«, der Fußballtalk der »Rocketbeans«. Es geht dabei vor allem um die Art und Weise, wie über die Themen gesprochen und diskutiert wird.

Eklatant wird der Unterschied, wenn auf den Rängen etwas passiert. Bei Beckenbauer-, DFB- und FIFA-Skandalen drückt man in den TV-Runden gerne mal beide Augen zu; sobald es um etwaiges Fehlverhalten von Fans geht, überbieten die Teilnehmer einander in der Forderung nach drakonischen Strafen. Differenzierte Einschätzungen und sachliche Analysen finden sich in Podcasts und Blogs. So war es etwa im Februar, als TSG-Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp aus dem Bayern-Block beleidigt wurde. Im TV maßlose Empörung, Forderungen nach Sanktionen und Verboten. Das ZDF-»Sportstudio« sendete ein aufgezeichnetes »Interview«, dessen Fragen Hopp vorher zugeschickt worden waren. Währenddessen ordneten die Amateure in den Podcasts ohne Schaum vorm Mund die Geschehnisse vernünftig ein und leisteten damit etwas, woran große Teile des etablierten Sportjournalismus scheiterten.

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass beispielsweise der »Capo« der »Wilden Horde« bei »drei90« ein launiges Interview gibt oder die Stuttgarter Ultras vom »Commando Cannstatt« sich nicht im Fernsehen äußern, sondern den Weg über fangeführte Vereinspodcasts wie den »Brustringtalk« gehen. Diese Fanpodcasts sind keine Seltenheit. Lukas Kloss und Marc Schwitzky von »Hertha Base« bloggen seit vielen Jahren über Hertha BSC, vor mehr als fünf Jahren kam der Podcast dazu. »Für uns war es irgendwie logisch, das, was wir schriftlich schon so lange gemacht haben, auch in Audio umzusetzen«, sagt Kloss. Zum Grundansatz gehöre die Unzufriedenheit mit der konventionellen Aufbereitung der Spieltage, ergänzt Schwitzky: »Der starke Fokus auf die Topteams, speziell Bayern, die immer gleichen Gäste, die Exspieler, die nichts außer ›bei uns damals‹ beizutragen haben, der Populismus – da gibt es schon viele Kritikpunkte«.

Der Hessische Rundfunk ist einen Schritt weiter. Für das Youtube-Format »Fussball 2000« holte er einige bekannte Stimmen des »Eintracht Podcasts« vor die Kamera. Die setzen sich witzig, innovativ und kritisch mit dem eigenen Verein auseinander. Das Format ist nicht nur bei Eintracht-Fans beliebt. Das Hinzuziehen von Experten aus dem HR-Umfeld ist eine Stärke. So wurde etwa der vieldiskutierte Polizeieinsatz beim Europa-League-Spiel der Frankfurter gegen Schachtar Donezk mit der langjährigen HR-Gerichtsreporterin Heike Borufka sachlich aufgearbeitet. Ein weiteres Beispiel für eine differenzierte Analyse, welche den herkömmlichen Formaten oftmals abgeht.

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