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Aus: Ausgabe vom 15.10.2020, Seite 12 / Thema
Ökonomische Theorie

Barbarisches Relikt

Vorabdruck: Das kapitalistische Geld- und Kreditsystem hat sich seit Marxens Zeiten weiterentwickelt, doch die Grundprinzipien der Werttheorie behalten ihre Gültigkeit – und auch Gold spielt weiterhin eine zentrale Rolle
Von Stephan Krüger
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Die Grundlage des abstrakten Finanzwesens ist doch wieder ganz handfest. Angestellte der New York Federal Reserve Bank prüfen die Goldreserven im unterirdischen Tresorraum, wo über 700.000 Goldbarren deponiert sind

In diesen Tagen erscheint im Papyrossa-Verlag das Buch »Das Geld im 21. Jahrhundert. Die Aktualität der Marxschen Wert- und Geldtheorie« von Stephan Krüger und Klaus Müller. Wir veröffentlichen daraus, redaktionell gekürzt, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag einen Abschnitt zur »Evolution des kapitalistischen Geld- und Währungssystem«. (jW)

Die Nachzeichnung der Evolution des kapitalistischen Geld- und Währungssystems mit dem Fokus auf die fortschreitende Idealisierung der Geldware Gold im nationalen und internationalen Rahmen hat die auf die oberflächlichen Formen fixierten (bürgerlichen) Ökonomen, aber auch etliche sich als Marxisten verstehende Theoretiker dazu gebracht, den Kapitalismus zu Marx’ Zeiten als historisch bereits überwundene Produktionsweise und die heutige Marktwirtschaft als qualitativ veränderte Wirtschaftsform zu begreifen. Folgt man diesen Einschätzungen, wäre es konsequent, auch die Werttheorie als nicht mehr zeitgemäß zu bewerten; denn Geld als Erscheinungsform des Werts oder als gesellschaftlich gültiger Tauschwert ist die Fundamentalkategorie der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, die das ganze ökonomische und gesellschaftliche System trägt.

Bedeutung der Goldreserve

Wenn von einer qualitativen Veränderung des Geldsystems ausgegangen wird, wäre es konsequent, die Werttheorie insgesamt als überholt und für heutige Verhältnisse nicht mehr gültig zu bewerten. Es geht dabei zentral um den nur indirekten Charakter der gesellschaftlichen Arbeit und dementsprechend die Bestimmtheit des Werts als vergegenständlichte gesellschaftliche Arbeit sowie seine Darstellung als allgemeines Äquivalent als Geldware Gold, die sich in handgreiflicher Form und in letzter Instanz in der nationalen Währungsreserve der Zentralbank verkörpert. Die Alternative lautet dann: Ist der nationale Goldschatz nur noch eine letztlich illusionäre Reminiszenz an vergangene Zeiten, und hat er heutzutage nur noch eine rein symbolische Existenz? Oder haben die Zentralbanken, die seit der Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise von 2007 bis 2009 ihre Währungsreserven nicht nur nach anderen Währungen als den US-Dollar diversifizieren, sondern auch ihren Goldbestand aufstocken, eine tiefergehende Ahnung davon, dass – in erster Linie für die Verstärkung des Vertrauens in den hinter dem nationalen Geld stehenden Staatskredit, weniger oder gar nicht, um intentional zu einem überkommenen Goldgeld zurückzukehren – die nationale Goldreserve weiterhin eine eminente ökonomische Bedeutung besitzt?

Marx hat in diesem Zusammenhang bemerkt, dass »nie vergessen werden (muss), dass (...) das Geld – in der Form der edlen Metalle – die Unterlage bleibt, wovon das Kreditwesen der Natur der Sache nach nie loskommen kann«.¹ Oder auch: »Das Banksystem zeigt (...) durch die Substitution verschiedner Formen von zirkulierendem Kredit an Stelle des Geldes, dass das Geld in der Tat nichts andres ist als ein besondrer Ausdruck des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit und ihrer Produkte, der aber als im Gegensatz zu der Basis der Privatproduktion stets in letzter Instanz als ein Ding, als besondre Ware neben andren Waren sich darstellen muss.«² Auch bei formeller Aufhebung der Konvertibilität des Geldes gegenüber Gold bleibt daher die nationale Goldreserve »Angelpunkt des Kreditsystems. Die Zentralbank ist Angelpunkt des Kreditsystems. Und die Metallreserve ihrerseits ist Angelpunkt der Bank.«³

Zirkulation und Finanzmarkt

Dementsprechend waren hier, ausgehend von den allgemein konstitutiven Bestimmtheiten des Geldes, seine zeitgenössischen Formen zu erschließen bzw. kategorial zu entwickeln. Gleichzeitig wurden damit aber implizit weitere Funktionszusammenhänge der kapitalistischen Produktionsweise als nach wie vor gültige Beziehungen und Strukturen unterstellt, die nachfolgend nochmals kurz zusammenzufassen sind.

Erstens: Waren treten als preisbestimmte Waren in die Zirkulation ein und nicht als Produkte (Gebrauchswerte), die erst innerhalb der Zirkulation einen Preis erhalten. Dies schließt sowohl ein, dass die Einjustierung des Werts der Waren nachfrageinduzierte Veränderungen ihrer Angebotspreise enthält, als auch, dass genuin monetäre Einflüsse auf die Preise im Sinne des gesellschaftlichen Durchschnittspreises oder des allgemeinen Preisniveaus davon zu unterscheiden sind.

Zweitens: Der Umfang der zu zirkulierenden Waren an allen drei Märkten (Waren-, Arbeits- und Finanzmarkt/Börsen) bestimmt die Geldzirkulation nach Quantität sowie ihre Bewegung entsprechend der Rückkehr des vorgeschossenen Geldkapitals oder als Revenue verausgabten Geldes zu ihren jeweiligen Ausgangspunkten. Dies gilt bereits für eine hypothetische Metallzirkulation; natürlich auch für ihre »reflektierte Form« unter Berücksichtigung von Kredit und Banken, indem das Banksystem stellvertretend für die Kapitalistenklasse Ausgangs- und Rückkehrpunkt der Geldzirkulation wird und schließlich für die entwickelten Formen des inkonvertiblen Repräsentativgeldes mit ihrer Differenzierung zwischen Wertzeichen- und Kreditgeldzirkulation.

Drittens: Die Kapitalakkumulation schöpft ihre primäre oder Grunddynamik aus der Produktion von Mehrwert (auf stets höherer Stufenleiter) und damit dem produktiv-industriellen Kapital und nicht aus der Verwertung von Geldkapital, gleichgültig, in welcher Weise es angewandt wird. Wie immer in der Wirklichkeit schließt dies Rückwirkungen ein; aber diese Wechselwirkung ist eine ungleicher Kräfte, die zyklisch zum Tragen kommt und erst dadurch auch langfristig wirkt.

Viertens: Dementsprechend ist der gesamtwirtschaftliche Finanzsektor eine abgeleitete ökonomische Sphäre gegenüber seiner reproduktiven Basis, der Akkumulation des produktiv-industriellen (und kommerziellen) Kapitals. Diesem Abhängigkeitsverhältnis wiederum unterliegt die Unterscheidung zwischen produktiver Arbeit und verschiedenen Formen unproduktiver Arbeit – und dies führt zurück zu Wertschöpfung, Mehrwertproduktion und Reproduktion des sozialen Verhältnisses zwischen Arbeit und Kapital als Klassenverhältnis.

Fünftens: Die langfristige Tendenz der Verselbständigung des Finanzsektors (bzw. aller Formen des zinstragenden Kapitals) gegenüber der (re-)produktiven Basis ist ein allgemeines Gesetz der kapitalistischen Akkumulation. Es wird letzten Endes durch den immanenten Widerspruch der kapitalistischen Mehrwertproduktion – Widerspruch zwischen Steigerung der Rate und der Masse von Mehrwert (auf industrieller Grundlage) oder allgemeiner zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen – bestimmt. Dieser Widerspruch der Mehrwertproduktion beherrscht die Dynamik der Kapitalakkumulation und offenbart sich langfristig-überzyklisch als (endliche) beschleunigte Kapitalakkumulation, die durch eine strukturelle Überakkumulation von Kapital abgelöst wird. Diese Abwechslung zwischen beschleunigter Akkumulation und struktureller Überakkumulation von Kapital vollzieht sich innerhalb jeweiliger Arbeits- und Betriebsweisen des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses, die als distinkte Entwicklungsperioden der kapitalistischen Produktionsweise den institutionellen, sozioökonomischen und gesellschaftlich-politischen Rahmen für die Entfaltung des Wertgesetzes bilden.⁴

Sechstens: Der aktuelle Finanzmarktkapitalismus ist die bislang weitestgehende Verselbständigung der Finanzsphäre von ihrer reproduktiven Grundlage. Die unter diesen Bedingungen betriebene Wirtschaftspolitik enthält den Versuch, über die Entwicklung der Finanzsphäre und Forcierung aller Formen der Geldkapitalakkumulation (samt Anlageformen des Leihkapitals) – asset-based wealth driven accumulation, fortwährende Steigerung der Verschuldung –, Wertschöpfung und Kapitalakkumulation zu stabilisieren und zu stimulieren. Mit diesem Versuch instrumentell-politischer Rückwirkung der Akkumulation des Geldkapitals auf Wertschöpfung und reproduktive Kapitalakkumulation erweist sich das kapitalistische Geld- und Finanzsystem als das »künstlichste und ausgebildetste Produkt, wozu es die kapitalistische Produktionsweise überhaupt bringt«⁵. Letzteres ist nachfolgend genauer zu betrachten.

Geldpolitik des »Quantitative Easing«

Die Notwendigkeit der Analyse der Geldpolitik der Zentralbank von der Marktseite aus scheint unter Bedingungen des Finanzmarktkapitalismus ihrer Funktion als »Lender of last Resort« (Kreditgeber letzter Instanz, jW) zu widersprechen, wird ihr doch mit dieser Bestimmung die Fähigkeit zugewiesen, mit Zentralbankgeld Liquidität für das Bankensystem, notfalls unbegrenzt, bereitzustellen; legendär sind die Worte »whatever it takes« des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, auf dem Höhepunkt der Euro-Krise und seine Versicherung, dass das Ausmaß der Flutung des Geldmarkts durch die EZB ausreichend sein würde (»it will be enough«).⁶

Eine auf forcierte Geldschöpfung angelegte Geldpolitik der Zentralbank schlägt im Prosperitätszyklus ab einem gewissen Ausmaß in inflationäre Preissteigerungen um – wenn nämlich die eine zyklische Wertschöpfung befördernden Spielräume der Nicht-Neutralität des Geldes ausgeschöpft und zyklische Kapazitätsgrenzen des fixen Kapitals erreicht worden sind. Im Überakkumulationszyklus stößt eine solche Geldpolitik auf verwertungsbestimmte Grenzen der Kreditnachfrage von Unternehmen (sowie Einkommensgrenzen der Privathaushalte) und wird an die Finanzmärkte umgeleitet, wo sie Vermögenspreisblasen finanziert und teilweise induziert. Genau dies hat sowohl im Konjunkturaufschwung um die Jahrtausendwende als auch vor Ausbruch der Finanzmarktkrise 2007 bis 2009 stattgefunden und ist in verschiedenen Formen auch im XI. Nachkriegszyklus (ab 2010) gegeben. Eine derartige »asset-based wealth driven accumulation«, das heißt eine rückwirkende Beschleunigung der produktiven Kapitalakkumulation durch geldpolitisch unterstützte oder gar induzierte Vermögenspreisblasen, welche die gesamtwirtschaftliche Nachfrage befördern, ist ein wirtschaftspolitischer Versuch, die Überakkumulationskrise des Kapitalismus durch ein Mehr an Kapitalismus zu lösen. Sie ist allerdings nicht nachhaltig auszugestalten, wenn die vermögenspreisinduzierte produktive Kapitalakkumulation durch private Konsumkredite die Verwertungsblockaden der strukturellen Überakkumulation von Kapital nicht aufzulösen vermag.⁷

Der eigentliche Lackmustest für die Funktion der Zentralbank als »Lender of last Resort« besteht aber nicht in ihrer Beihilfe für eine vermögenspreisgetriebene Kapitalakkumulation, sondern in ihrer zum »Quantitative Easing« fortentwickelten Geldpolitik zur Stützung eines von Bankenzusammenbrüchen, Börsencrashs und Staatsbankrotten bedrohten Finanzsystems. Die Politik des »Quantitative Easing« ist fokussiert auf die Erhöhung der Bankenliquidität sowie der Zentralbankgeldmenge insgesamt durch Käufe von Staatsschuldpapieren am Sekundärmarkt der Wertpapierbörsen. Bereits zuvor hatte beispielsweise die Europäische Zentralbank für die Euro-Zone ihre Refinanzierungspolitik gegenüber den Geschäftsbanken durch Niedrigstzinsen, Erweiterung des Umkreises der beleihungsfähigen Papiere sowie Programme zur Verlängerung des Refinanzierungszeitraums für die Geschäftsbanken gelockert. Durch Ankaufsprogramme von Staatsschuldtiteln und anderen Wertpapieren über einen längeren Zeitraum in einem vorher bekanntgegebenem Umfang wird nicht nur Zeit für die Banken »gekauft«, in der sie ihre toxischen Portfolios wertberichtigen beziehungsweise ihre Solvenz durch Rekapitalisierung verbessern sollen; Entsprechendes gilt auch für reproduktive »Zombieunternehmen« oder »Zombiestaatshaushalte«, die von den Banken nur deshalb mit Betriebsmittel- und öffentlichen Krediten durchgehalten werden, weil deren Bankrotte bilanziell nicht mehr tragbare Abschreibungsbedarfe der finanzierenden Banken bedeuten würden. Zugleich soll bei niedrigen Basiszinsen sowohl am Geld- wie am Kapitalmarkt sowie negativen Zinsen für die Einlage von Banküberschüssen bei der Zentralbank (Einlagefazilität) die Kreditvergabe der Banken durch Zufluss von Zentralbankgeld erhöht werden, um produktive Investitionen zu stimulieren und der überakkumulationstypischen Deflationstendenz an den Warenmärkten entgegenzuwirken.

Unter geldtheoretischem Aspekt wird durch diese ultralockere Geldpolitik im Gefolge der Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise sowie zur Flankierung der Konjunkturprogramme der Staaten zur Linderung der Wertschöpfungsverluste durch die 2020 ausgebrochene Covid-19-Pandemie unter dem formalen Titel von Kreditgeld faktisch Zentralbankgeld als zusätzliches Wertzeichen geschaffen. Diese Quasi-Kreditgeldzirkulation, beruhend auf langfristigen Refinanzierungsfazilitäten (von bis zu drei Jahren) und längerfristigen Programmen des Wertpapierankaufs durch die Zentralbanken in großen Volumina erhöht die gesamtgesellschaftliche (Zentralbank-)Geldmenge und unterliegt unter Überakkumulationsbedingungen der Problematik, weniger reproduktive Mengeneffekte als vielmehr Preiseffekte für die verschiedenen Formen des fiktiven Kapitals zu befördern und zu erzeugen, deren rückwirkende reproduktive Effekte mehr als unsicher sind und teilweise Fehlentwicklungen provozieren müssen.

Die Lage in der Euro-Zone

In der Euro-Zone wurde die diesen Leitlinien folgende EZB-Politik konterkariert durch eine gleichzeitige Austeritätspolitik der öffentlichen Haushalte, erzwungen durch Schuldenbremsen und Fiskalunion. In den USA kam diese Politik des Federal Reserve Systems tatsächlich stärker bei der produktiven Kapitalakkumulation an, weil die Fiskalpolitik einem weniger restriktiven Kurs folgt. In beiden Fällen erhöhte aber die Geldpolitik des »Quantitative Easing« die in der Spekulationskasse gebundene Liquidität, die als individuelle Absicherung der einzelnen Marktakteure sowie als monetäres Schmiermittel zugleich die Kurse des fiktiven Kapitals sowie sonstige Vermögenspreise in die Höhe treibt. Damit wird eine erneute Vermögenspreisblase aufgebaut, ohne dass die Akteure am Finanzmarkt heutzutage wirklich besser aufgestellt wären als 2006/2007; zwar wurde die vorgeschriebene Eigenkapitalquote für Banken heraufgesetzt, weitergehende Regulationen der sogenannten Finanzinnovationen bei Produkten und Geschäftsmodellen sind jedoch ausgeblieben.

Nicht nur volkswirtschaftliche Sektoren mit Konsumtionsstatus wie öffentliche und private Haushalte, sondern auch die wertschöpfenden Einheiten (Einzelkapitale) des Privatsektors können eine durch die Geldpolitik der Zentralbank alimentierte Verschuldung nicht ad infinitum fortführen, zumal wenn überakkumulations­typische Verwertungsblockaden die Steigerung der Wertschöpfung hemmen. Der Zwang zum Schuldenabbau (»Deleveraging«) trifft alle Wirtschaftsbereiche früher oder später mit der Konsequenz von Nachfrage- und Kreditrestriktionen und dadurch erzeugten Deflationstendenzen (an den Warenmärkten). Damit steht der Zentralbank die schlechteste aller Welten gegenüber: verlangsamte produktive Kapitalakkumulation mit latenter oder manifester Deflationsgefahr an den Warenmärkten und zugleich eine Inflation der Kurse an den Wertpapierbörsen sowie anderer Vermögensgegenstände mit steigender Unsicherheit, volatilen Kurs- und Preisbewegungen und einem mit jedem Tag näher kommenden Zeitpunkt des fälligen Platzens dieser Vermögenspreisblasen.

Wie die Geldpolitik auch reagiert, sie befindet sich in einem Dilemma: Betreibt sie den Ausstieg aus dem »Quantitative Easing«, um die Spekulation an den Finanzmärkten nicht weiter anzuheizen und den Vermögenspreisen eine sanfte Landung zu ermöglichen, verschärft sie die Probleme der produktiven Kapitalakkumulation und riskiert gegebenenfalls eine Preisdeflation an den Warenmärkten, die in aller Regel nicht kurzfristig wieder aufgelöst werden kann. Setzt sie die ultralockere Geldpolitik fort, um die Sanierung der Bilanzen der Geschäftsbanken zu unterstützen und eine Kreditdeflation im Zuge der Entschuldungsmaßnahmen zu verhindern, befördert sie die Inflation der Vermögenspreise und damit den notwendigen Krach. Die Hoffnung, dass die produktive Kapitalakkumulation gewissermaßen in das steigende Vermögenspreisniveau »hineinwächst«, bricht sich an der kapitalistischen Systemgrenze, die eine für diesen Entwicklungspfad notwendige Entkoppelung der Investitionen von ihrer Profitbestimmtheit ausschließt.

Die Geldpolitik des »Quantitative Easing« bleibt unter Bedingungen einer strukturellen Überakkumulation also letztlich ohne nachhaltige Perspektive und dem Krisenmodus verhaftet; sie »kauft« nur Zeit, ohne die unterliegenden fundamentalen Widersprüche und Probleme der Kapitalakkumulation und Wertschöpfung zu lösen. Der jeweilige Grad der Betroffenheit der verschiedenen Länder (und Regionen) ist natürlich unterschiedlich und muss sich in dem Außenwert ihrer Währungen, das heißt der Verschiebung ihrer bilateralen Wechselkurse gegeneinander beziehungsweise auch in dem Außenwert ihrer Währungen gegenüber der Geldware Gold Ausdruck verschaffen.

Politisch-ökonomische Gemengelage

Komplizierend wirkt in der gegenwärtigen Situation der Kampf um die Stellung der USA als – wesentlich nur noch finanzieller – Hegemon der Weltwirtschaft und führende Militärmacht gegenüber der Volksrepublik China als aufkommende und mittlerweile zweitgrößte Volkswirtschaft. Dieser Kampf um die Vorherrschaft wird durch die USA mit der Anzettelung von Handelskriegen, das heißt mit der Verhängung von Einfuhrzöllen geführt, auf die die betroffenen Staaten mit Retorsionsmaßnahmen (mit zulässigen Mitteln erfolgende Reaktionen eines Völkerrechtssubjekts auf feindliche Handlungen, jW) antworten. Diese Konflikte haben mittlerweile die Zerstörung des nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten Multilateralismus befördert. Dieser Multilateralismus hatte mit seiner dominierenden Tendenz eines zunehmenden Abbaus von Zollschranken und der Beförderung internationaler Freihandelstendenzen zwischen den führenden Metropolen des Weltmarkts und den aufkommenden Schwellenländern zu einer fortschreitenden Internationalisierung der Produktionsprozesse durch Aufbau multinationaler Wertschöpfungsketten sowie einer darüber hinausgehenden Intensivierung des Welthandels geführt und die lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fortbestehende Struktur der Weltwirtschaft modifiziert.

Ein vor diesem Hintergrund erfolgender Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems wäre, wenn er in einer größeren Weltregion stattfände, ein Zivilisationsbruch für die betroffenen Menschen, das heißt der Umschlag des Kapitalismus in Barbarei. Eine wirkliche und nachhaltige Emanzipation der Gesellschaft vom Gold als »barbarischem Relikt« (Keynes) setzte demgegenüber die Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse voraus, zunächst in Form einer sozialistischen Marktwirtschaft. Diese zeichnet sich unter anderem durch die Relativierung des Einflusses der Profitrate sowohl für die Akkumulation der einzelnen Unternehmen als auch die Steuerung der ganzen Volkswirtschaft im Rahmen einer sozialistischen »Corporate Governance« sowie die Überwindung des Kapitalcharakters des zinstragenden Kapitals aus. Erst mit der schließlichen Transformation einer derartigen sozialistischen Marktwirtschaft in Richtung kommunistischer Verteilungsformen und der tendenziellen Überwindung der Ressourcenknappheit⁸ würde das Geld zu dem, was ihm die bürgerliche Ökonomie seit jeher angedichtet hat, nämlich zu einem technischen Hilfsmittel des gesellschaftlichen Verkehrs; ein Bezug zu einem gegenständlichen Äquivalent mit Selbstwert ist erst dann endgültig und vollständig obsolet geworden.

Anmerkungen

1 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 25. Dietz-Verlag, Berlin 1983, S. 620

2 Ebd., S. 621

3 Ebd., S. 587

4 Vgl. dazu Stephan Krüger: Profitraten und Kapitalakkumulation in der Weltwirtschaft. Arbeits- und Betriebsweisen seit dem 19. Jahrhundert und der bevorstehende Epochenwechsel. VSA-Verlag, Hamburg 2019, S. 13 ff.

5 MEW 25, S. 620

6 Vorher allerdings war diese Versicherung von Draghi in der Realität bereits relativiert worden, denn in der akuten Phase der Großen Finanzmarktkrise von 2007/2008 musste die US-Zentralbank durch »Liquidity Swap Lines« gegenüber westlich-kapitalistischen Zentralbanken, unter anderem der EZB, die Rolle eines globalen Kreditgebers der letzten Instanz spielen.

7 Anstatt den privaten Konsumkredit für laufende Anschaffungen über Kreditkarten, für Auto- oder Häuser- und Wohnungskäufe der Privathaushalte zu mobilisieren, wäre es viel naheliegender und erfolgversprechender, wenn über den öffentlichen Kredit eine staatliche Stützung und teilweise Übernahme von Investitionen direkt Wertschöpfungsprozesse ohne Rücksicht auf zunächst bestehende Verwertungsblockaden für privates Kapital bewerkstelligt oder in Gang gesetzt würden. Dies ist der Ansatz eines »Green New Deals«, der mittlerweile breiter diskutiert wird. Seine Verquickung mit der sogenannten Modern Monetary Theory ist dabei allerdings nicht zielführend, denn auch hier gilt es, eine ausgewogene quantitative Balance zu fortschreitender öffentlicher Verschuldung herzustellen und insbesondere die öffentliche Nachfrageexpansion mit einer makroökonomischen Strukturpolitik zu verbinden. Diese überschreitet allerdings tendenziell den Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise.

8 Zu den langfristigen Perspektiven einer hochproduktiven Ressourcen schonenden Wirtschaftsweise, die die Knappheitsverhältnisse von Grund und Boden sowie seiner Ingredienzien überwindet und zugleich den Klimawandel begrenzt vgl. Stephan Krüger: »Grundeigentum, Bodenrente und die Ressourcen der Erde« (VSA-Verlag, Hamburg 2020).

Stephan Krüger und Klaus Müller: Das Geld im 21. Jahrhundert. Die Aktualität der Marxschen Wert- und Geldtheorie. Papyrossa-Verlag, Köln 2020, 185 S., 20 Euro

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Debatte

  • Beitrag von joachim v. aus h. (15. Oktober 2020 um 20:12 Uhr)
    Ich schreibe empört und daher aus dem Gefühl: Dieses Unverständnis für das Wertgesetz ist katastrophal und plumper Stalinismus. »Das Wertgesetz gilt im Kapitalismus.« Dabei wird nicht einmal diskutiert, wie dieses Wertgesetz sich durchsetzt oder wie es in Erscheinung tritt. Ja, nicht einmal das Problem, das das Wertgesetz im Frühkapitalismus löste, wird in Betracht gezogen. D. h. die dusselige Unterstellung, mit dem Wertgesetz ließe sich eine aktuelle Mehrwertproduktion erklären, ohne jede Diskussion, ob der gegenwärtige Finanzkapitalismus überhaupt einen Mehrwert herstellt – oder nur Profite?

    Die Beziehung zum realen Gold ist aus guten Gründen von den Chicago Boys beendet, denn man hatte endlich begriffen, dass die UdSSR ein vollständig von realen Werten abgekoppeltes Finanzsystem erfolgreich zur planvollen Lenkung der Wirtschaftstätigkeit einsetzen konnte. Die USA hingegen hatten Schwierigkeiten, den Völkermord in Vietnam zu finanzieren. Das sozialistische Geldsystem funktionierte ohne jeden Wertbezug, weil die Preise politisch bestimmt wurden.

    Seither haben wir Finanzkapitalismus, in dem das Geld entsteht, indem das Finanzkapital etwas kauft. Vielleicht etwas genauer, denn früher beim Kauf wurde der Warenwert gegen einen Geldwert getauscht. Das Kreditgeld hat jedoch keinen Wert. Also gibt der Verkäufer seine Waren ab und dazu der Käufer einen Kredit. Der Produzent von realen Waren wird dabei grundsätzlich betrogen. Die imperialen Leitwährungsländer bereichern sich an den Produkten der Welt, die sie ohne Gegenleistung erwerben. Solange nur der Status der Leitwährungen erhalten wird, können die globalen Monopole als Nachfrager sogar sinkende Preise und natürlich als Anbieter steigende Preise durchsetzen.

    Statt einer wertgesetzlichen Bestimmung der Marktpreise, die für jeden Teilnehmer ein Datum waren und daher eine gesamtgesellschaftliche Rationalität der Wirtschaft erzwangen, bestimmt in diesem dekadenten Finanzkapitalismus die Willkür, also die Ausraubung der Welt. Aber der Zusammenbruch dieser Herrschaft des Finanzkapitals ist nur mittelfristig durch militärische Gewalt zu verhindern. Der absolutistische Adel konnte seine von Willkür bestimmte Gewaltherrschaft nicht lange entfalten. Die Verschwendung und Verelendung gingen auch damals Hand in Hand.

    Diesem Finanzkapitalismus eine Wertgesetzlichkeit zuzubilligen hieße ihn als produktive Weiterentwicklung zu verkennen. Dabei wird die Spekulationsblase früher oder später in einem Zusammenbruch enden.

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