Gegründet 1947 Donnerstag, 29. Oktober 2020, Nr. 253
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Aus: Ausgabe vom 16.10.2020, Seite 5 / Inland
Serie

Superfest statt klirr

In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verlorenging. Teil 6: Made in Socialism – Konsumgüterproduktion in der DDR
Von Internationale Forschungsstelle DDR
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Vermeidung von Elektroschrott: Tonbänder, Radios und Fernseher sollten dauerhaft funktionstüchtig sein

Auferstanden aus Ruinen und untergegangen durch den Anschluss. Was machte die DDR einzigartig? Dieser Frage widmet sich unsere Artikelreihe, die soziale Errungenschaften in den Blick nimmt, die für die Menschen im sozialistischen deutschen Staat selbstverständlich waren. Die siebenteilige Serie erscheint als Kooperation des Vereins Unentdecktes Land (unentdecktes-land.org), der Internationalen Forschungsstelle DDR (ifddr.org) und der Tageszeitung junge Welt.

In Zeiten, in denen die Verknappung von Ressourcen zügig voranschreitet, steht der wachstumshörige Kapitalismus in zunehmender Kritik. Dass es auch anders ginge, zeigt ein Blick auf die DDR. Als rohstoffarmes Land und mit einer zentralen Planung der Wirtschaft hat sie einen Wiederverwertungskreislauf aufgebaut und langlebige Produkte herstellen lassen, die sich an den Bedürfnissen ihrer Produzenten orientierten.

Da die Liste der Bedürfnisse länger war als Kapazitäten zur Verfügung standen, war es notwendig, die knapp bemessenen Rohstoffe, Arbeitskräfte und Maschinen sinnvoll einzusetzen. Anders als im Kapitalismus, wo Reparaturen, Müllentsorgung und Rohstoffgewinnung an Konsumenten, andere Unternehmen oder Länder ausgelagert werden, lag es in der DDR im Interesse aller, Produkte herzustellen, die beständig sind oder repariert werden können. Die sozialistische Binnenökonomie mit ihrer »Verzahnung von Konsument und Produzent« schuf die Grundlage dafür, dass Probleme, die bei der Produktion entstanden, innerhalb der DDR-Wirtschaft behoben werden konnten.

Die künstliche Verkürzung der Lebensdauer von Gütern im Kapitalismus steht im krassen Widerspruch zum Gebrauchswert der Dinge in der sozialistischen Produktion. Die DDR produzierte im Sinne ihrer eigenen Wirtschaftlichkeit Langlebiges. So finden sich heute »Ostgeräte« noch in so manchem Haushalt wieder, eben weil sie noch funktionieren.

Kapitalistische Unternehmen, die bewusst werksfremde Reparaturen ausschließen und damit Massen an Elektroschrott produzieren, rufen hingegen mittlerweile die EU auf den Plan. Die fordert nun, dass Elektrogeräte reparierbar sein müssen. Ab 2021 sollen Hersteller deshalb einen Nachschub an Ersatzteilen garantieren. In der DDR war dies längst Standard. Das Amt für Standardisierung, Meßwesen und Warenprüfung gab ab 1955 die »Technischen Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen« (TGL) heraus. Durch sie wurden neben Form und Qualität verschiedener Bauteile auch die Mindestlebensdauer für Haushaltsgeräte gesetzlich festgelegt. Die Konsequenz: Nicht selten wurde diese Vorgabe gleich um mehrere Jahrzehnte übertroffen.

Und wenn doch mal was kaputtging? Wem zum Reparieren die handwerklichen Fähigkeiten fehlten, für den gab es in fast jeder Nachbarschaft Komplexannahmestellen, welche verschiedene Dienstleistungen anboten. Dort konnte man Wäsche abgeben, Reparaturen von Uhren, Schuhen, Haushaltsgeräten und anderem vornehmen lassen. War dies vor Ort nicht möglich, wurden die nicht mehr funktionierenden Waren an zentrale Reparaturbetriebe oder an das entsprechende Kombinat weitergeleitet. Wo heute Firmen simple Austauschgarantien zusichern, waren damals Betriebe verpflichtet, Kapazitäten für Reparaturen bereitzustellen. Sie hatten dadurch selbst ein Interesse an leicht zu reparierenden Produkten.

Statt Trends zu folgen, wurden Güter hergestellt, die sich den Lebensumständen der Leute anpassen konnten – gewissermaßen im Baukastenprinzip. Das Konzept fand sich in der DDR sowohl im technischen Bereich als auch dort, wo Menschen wohnten. Die »Wohnungsbauserie 70« (WBS 70) im Plattenbau ist wohl das bekannteste Beispiel. Mit dem »Möbelprogramm Deutsche Werkstätten« (MDW) wurde zusätzlich ein modulares Möbelsystem hergestellt, das das Wohnen revolutionierte. Obwohl die Einzelteile normiert waren, konnten sie nach eigenen Vorstellungen montiert werden.

Der Vorwurf eines »Mangels an Individualität« scheint abwegig, bedenkt man, wie viele Leute sich heutzutage bei IKEA einrichten – nur sind deren Möbel keinesfalls für die Ewigkeit gemacht. In der DDR wusste man, dass Standardisierungen Möglichkeiten eröffnen, während sie gleichzeitig die serielle Produktion erleichtern. Dabei ist die Modularisierung kein starres System, wie auch das »offene Prinzip« der Simson-Mokicks zeigt: Ihre Teile ließen sich beliebig aufrüsten. Entsprechende Ideen für Smartphones und Laptops gibt es schon länger, doch gelten diese bloß als Nischenprodukte.

Es wundert nicht, dass in der DDR noch mehr erfunden wurde, das heute jeglicher betriebswirtschaftlicher Logik widerspricht: Ein Glas, das möglichst nicht kaputtgeht, das »Superfest«-Glas für die Gastronomie. Durch eine chemische Verhärtung konnte sowohl Glas als auch die zu seiner Produktion notwendige Energie gespart werden. Nach der Privatisierung 1990 des VEB Sachsenglas Schwepnitz entschied der Eigentümer, wieder zerbrechliches Glas herzustellen, weil es sich anders nicht lohnen würde. Den Betrieb rettete das nicht. Ein Patent auf das Härtungsverfahren gibt es nicht mehr. Es wäre also durchaus möglich, Superfest-Gläser herzustellen, doch es fehlt Geld. So wurde die einzige Anlage, die Glas chemisch verhärten konnte, gleich mit dem Gesellschaftssystem liquidiert, in welchem die Gläser zuvor produziert wurden. Wenn wir Güter in unserem Interesse herstellen wollen, bleibt uns also nichts anderes übrig, als wieder die Kontrolle über die Maschinen zu übernehmen und den Kapitalismus zu entsorgen. Denn dieser hat sein Mindesthaltbarkeitsdatum schon längst überschritten.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wenn ich meinen Kindern die Welt erklären will – Stefan Köpke, Dresden

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Debatte

  • Beitrag von Michael M. aus B. (16. Oktober 2020 um 19:50 Uhr)
    Die »Verzahnung von Konsument und Produzent« – ja, das hat hervorragend funktioniert.

    Leider war meist kein Zahnersatz verfügbar.

In der Serie In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verloren ging:

In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verloren ging

Auferstanden aus Ruinen und untergegangen durch den Anschluss. Was machte die DDR einzigartig? Dieser Frage widmet sich unsere Artikelreihe, die soziale Errungenschaften in den Blick nimmt, die für die Menschen im sozialistischen deutschen Staat selbstverständlich waren. Die Serie erscheint als Kooperation des Vereins Unentdecktes Land, der Internationalen Forschungsstelle DDR und der Tageszeitung junge Welt.