Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
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Aus: Ausgabe vom 16.10.2020, Seite 1 / Titel
Arbeitsplatzvernichtung

Gut fürs Geschäft

Traditionsreiche Filiale von »Galeria Karstadt-Kaufhof« in Hamburger Mönckebergstraße ist dicht. Besitzer Benko setzt Schließungen trotz Protesten durch
Von Gudrun Giese
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Aus und vorbei: Nach mehr als einem halben Jahrhundert bleibt der Eingang des Kaufhauses vergittert (Hamburg, 14.10.20)

Sie hatten bis zuletzt um ihre Arbeitsplätze im ehemaligen Warenhaus Kaufhof gekämpft: Rund 200 Beschäftigte am Standort der »Galeria Karstadt-Kaufhof« (GKK) in der Hamburger Mönckebergstraße mussten Mittwoch, drei Tage vor dem vereinbarten Aus der Filiale, die Pforten des Hauses endgültig schließen.

»Ihr Einsatz für den Erhalt des Warenhauses war enorm, aber GKK-Besitzer Benko hat sich auf nichts eingelassen«, sagte Heike Lattekamp, Leiterin des Fachbereichs Handel im Verdi-Landesbezirk Hamburg, am Donnerstag gegenüber jW. Die Beschäftigten hätten dabei nichts unversucht gelassen. Es gab Gespräche mit Hamburger Politikern, sie wandten sich wiederholt mit Aktionen und Informationen an die Öffentlichkeit und verhandelten schließlich sogar erfolgreich mit dem Eigentümer der GKK-Immobilie in der Mönckebergstraße, der Württembergischen Versicherung. »Der machte Benko ein Angebot für einen Vertrag mit verringerter Miete«, so Lattekamp. »Doch er wollte nichts davon wissen.«

Besonders empörend sei, so Lattekamp, dass Benko, der mit seiner österreichischen Immobilienholding Signa im Lauf der letzten Jahre schwerreich geworden ist, zugleich das ehemalige Karstadt-Haus – ebenfalls in der Mönckebergstraße gelegen – gekauft hat. »In Immobilien investieren, aber die Beschäftigten des anderen GKK-Warenhauses einer ungewissen Zukunft überlassen: Das ist mehr als schlechter Stil!« Und schließlich wurde gerade erst bekannt, dass Benko mehr als 200 Millionen Euro an Dividenden für die Aktionäre der Signa-Holding ausschüttet. Deutlicher lässt sich kaum zeigen, worauf es im real existierenden Kapitalismus ankommt.

Das frühere Kaufhof-Haus in der Mönckebergstraße existierte 53 Jahre lang. Seit Juli waren die Waren bereits zu Schnäppchenpreisen verramscht worden. Etwa die Hälfte der 200 Beschäftigten wechselt nun in eine Transfergesellschaft, berichtete am Mittwoch der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Eine kleinere Anzahl von Kollegen habe neue Arbeitsplätze gefunden.

Auch die gleicherweise in der Mönckebergstraße gelegene »Karstadt Sports«-Filiale wird geschlossen. Und Ende Januar 2021 ist Schluss für das GKK-Warenhaus in Hamburg-Bergedorf. Offen ist laut NDR bisher, was mit den leergeräumten Immobilien in bester Innenstadtlage passieren wird. Das über hundert Jahre alte ehemalige Kaufhof-Haus mit denkmalgeschützter Fassade müsse jedenfalls zunächst grundsaniert werden. Möglicherweise könne es danach vom Naturkundemuseum genutzt werden, hatte Heinrich Grüter, Geschäftsführer des Trägerverbundes Projekt Innenstadt e. V., gegenüber dem »Hamburg Journal« des NDR erklärt.

In den zurückliegenden Wochen hatten Beschäftigte und Verdi bundesweit bei zahlreichen Aktionen für den Erhalt von GKK- und »Karstadt Sports«-Filialen gekämpft. So konnte die Zahl der geplanten Schließungen von ursprünglich 80 Warenhäusern und zwei Dritteln der 31 »Sports«-Häuser mehrfach begrenzt werden. Geschlossen wurden bzw. werden aber noch 46 Warenhäuser und 17-»Sports«-Geschäfte. Die Signa-Holding hatte für GKK Anfang April ein Schutzschirmverfahren beantragt, das später in ein Insolvenzverfahren überging. Das ist inzwischen abgeschlossen; GKK gilt als erfolgreich saniert – »dank« der Häuserschließungen und der drastischen Stellenstreichungen. Betroffen sind überwiegend langjährig beschäftigte Kolleginnen und Kollegen.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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