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Aus: Ausgabe vom 17.10.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Naturschutz

Der neue Kolonialismus

Rassistische Morde und Landraub im Namen des Umweltschutzes. Indigene im globalen Süden müssen sich weißen Herrschaftsdenkens erwehren
Von Fiore Longo
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Angehörige der Bayaka-»Pygmäen«, die in den Randbereichen von Bayanga in der Zentralafrikanischen Republik leben, auf der Jagd

Du streifst mit deinem besten Freund durch den Regenwald. Die Sonne scheint durch das Blätterdach, während ihr euch unterhaltet und lacht. Die Vögel zwitschern, Affen kreischen, und in der Ferne ist ein Geräusch zu hören, das von einem Waldelefanten stammen könnte. Plötzlich hörst du einen Schuss: Dein Freund bricht zusammen, du stürzt auf die Knie, um ihn aufzufangen. Deine Hände sind rot von dem Blut, das seine Kleidung durchtränkt.

Dein Freund wurde soeben von einem Ranger erschossen. Es war eine Tötung im Namen des Naturschutzes. Fragt man manche Naturschützende, rechtfertigt diese Tatsache den Mord. Medienrecherchen legen den Schluss nahe, dass beispielsweise der Umweltschutzorganisation WWF der Erhalt gefährdeter Arten weitaus wichtiger ist als die Menschen im globalen Süden. Die außergerichtliche Tötung eines Menschen »zum Schutz gefährdeter Arten« wird als Erfolg gefeiert, bewahrt es doch »unsere« wertvollen Nashörner, Tiger und Elefanten vor dem Aussterben.

Insbesondere Naturschützende, die ihre Komfortzone daheim nur selten verlassen, sind der Auffassung, dass es völlig legitim sei, Menschen etwa in Afrika oder Asien für ein Tier zu opfern, das sie meist nur aus dem Fernsehen oder dem Zoo kennen. Das straffreie Töten nichtweißer Unschuldiger, darunter auch Kinder, wird im »Kampf für die Natur« leichthin in Kauf genommen. Würden Weiße beim Sammeln von Pflanzen in einem Naturschutzgebiet erschossen, stände die Weltgemeinschaft kopf vor Empörung. Als genau das dem 17jährigen Mbone Christian Nakulire in der Demokratischen Republik Kongo geschah, war sein Tod den internationalen Medien nicht einmal eine Meldung wert. Ein Beamter des Nationalparks Kahuzi-Biega tötete den Jungen, der mit seinem Vater auf der Suche nach einer Heilpflanze war, in der Annahme, sie seien Wilderer.

Rassismus und Gewalt

»Black lives don’t matter« scheint das Mantra vieler Umweltschutzorganisationen zu sein. »Wir Baka sind für sie nichts weiter als Tiere, keine Menschen«, erzählte mir ein Angehöriger dieser im Kongobecken lebenden ethnische Gruppe. Im Namen des Naturschutzes foltern und töten Handlanger namhafter Organisationen wie der Wildlife Conservation Society (WCS) und des WWF Dutzende Unschuldige, sie machen dabei auch vor Kindern, Älteren und Menschen mit Behinderung nicht Halt. Zahlreiche Berichte belegen, dass sogenannte Ecoguards, Parkranger und sogar staatliche Einheiten zu Tätern werden. Sie brennen ganze Dörfer nieder, machen Häuser dem Erdboden gleich, beteiligen sich an Gruppenvergewaltigungen, stehlen Eigentum und schlagen Männer und Frauen zu Krüppeln.

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Ein Ranger des Kenya Wildlife Service steht im Amboseli National Park Wache, während einem Elefanten ein Trackinghalsband angelegt wird

Über die vergangenen 30 Jahre hinweg sind indigene Völker und ihre Verbündeten wie die Menschenrechtsorganisation Survival International in der öffentlichen Wahrnehmung argwöhnisch betrachtet worden: Für die meisten Menschen sind diese Verbrechen kaum vorstellbar – wie kann jemand, der sich dem Schutz knuddeliger Pandas verpflichtet hat, gleichzeitig ein Rassist und Gewalttäter sein? Der WWF, die WCS und einige andere internationale Naturschutzorganisationen sind sich dieser Grausamkeiten seit langem bewusst. Dennoch finanzieren sie weiterhin die Verantwortlichen, statten und bilden sie aus. Damit konfrontiert, werden die Taten abgestritten und vertuscht, wie unter anderem Recherchen des US-Nachrichtenportals Buzzfeed belegen.

Der Naturschutz leidet unter der rassistischen Vorstellung, dass Menschen in Afrika und Asien schlichtweg nicht wüssten, wie sie ihre Natur bewahren und ihre Fauna schützen können. Mordecai Ogada, Raubtierökologe und Mitautor des Buches »The Big Conversation Lie«, erklärte 2018 in einem Interview mit der britischen Tageszeitung Guardian, dass »die eindeutige Botschaft lautet: Afrikas Tierwelt ist in Gefahr, und diese Gefahr geht von den schwarzen Menschen aus, also müssen Amerikaner kommen und die Natur vor diesen retten.« Dahinter steht die Annahme, dass die vermeintlich »primitiven« Afrikaner der Natur schaden und es einer Intervention des globalen Nordens bedarf, um diese Umweltzerstörung aufzuhalten. In der Praxis soll dieses rassistische Narrativ Landraub legitimieren. Im Namen des Naturschutzes werden Indigenen riesige Landflächen gestohlen, von Weißen in Beschlag genommen und danach als »Nationalparks« oder »Schutzgebiete« deklariert.

Für den kenianischen Ökologen Ogada ist der Naturschutz heutzutage die »einfachste Methode, um an Land zu kommen«. Er bezeichnet ihn daher als den »neuen Kolonialismus«. Wie er im Juli im Gespräch mit dem Magazin Geo ausführte: »Naturschutzorganisationen geben Millionen dafür aus, ihre romantische Botschaft an die Leute zu bringen: die Geschichte von weißen Heilsbringern, die die Tierwelt in Afrika retten – und zwar vor den Afrikanern. Diese Erzählung stammt aus dem 19. Jahrhundert.«

Eingehegte »Wildnis«

Das Konzept der Nationalparks steht stellvertretend für den Rassismus im Naturschutz. Entstanden in den USA vor über 100 Jahren, verkörpert es die romantisierte Vorstellung der »unberührten Wildnis«, bevor weiße Menschen sie »eroberten«. Aber »nur für den weißen Mann ist die Natur eine ›Wildnis‹ und nur für ihn war sie ›verseucht‹ mit wilden Tieren und wilden Menschen. Für uns ist sie zahm«, schrieb Luther Standing Bear (1868–1939), ein Anführer der Brulé und der Oglala-Lakota-Sioux.

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Im Jahr 2016 wurden Santhal-Indigene aus dem Dorf Kabathgai im Kern des Similipal-Tigerschutzgebietes in dieses trostlose Lager umgesiedelt

Die Siedler fühlten sich der indigenen Bevölkerung in jeder Hinsicht überlegen. Sie wollten und konnten deren komplexe Lebensweise nicht als solche anerkennen: Die Indigenen bewohnten nicht nur das Land, sie nutzten, nährten und formten es. Sie spielten eine zentrale Rolle in diesem Ökosystem, das sie verstanden wie niemand anderes. Dennoch waren sie für die Weißen nichts weiter als eine »Unannehmlichkeit«, die man »regeln müsse«. Genauso ergeht es den indigenen Völkern in den Naturschutzgebieten Afrikas und Asiens heute.

Nationalparks in den USA sind heute für die weiße Bevölkerung Orte, an denen sie »zurück zur Natur« finden kann. Zwischen 88 und 95 Prozent aller Gäste der öffentlich zugänglichen Bereiche der Parks sind Weiße, obwohl sie selbst nur etwa 63 Prozent der US-amerikanischen Gesamtbevölkerung ausmachen. Die Kulturgeographin Carolyn Finney beschäftigt sich in ihrem Buch »Black Faces, White Spaces« intensiv mit diesem Thema: »Die Erzählungen über das Leben in der freien Natur in den Vereinigten Staaten sind geprägt von der Rhetorik über die Eroberung der ungebändigten Wildnis (… ) Sie basieren auf dem Erbe des Eurozentrismus und einer Verbindung von Wildnis und weißer Hautfarbe, die dann zur universellen Norm geworden ist.« In diesem Antagonismus spielen schwarze Menschen, ihre Vertreibung und ihre Prägung der vermeintlichen Wildnis keine Rolle.

Das Erbe des Kolonialismus gibt nicht nur vielen People of Color in den USA das Gefühl, dass sie sich in ihrem eigenen Land nicht frei in der Natur bewegen dürfen. Es zeigt sich auch in dem Anspruch ihrer weißen Landsleute, in anderen Ländern tun und lassen zu können, was sie wollen. In Gebieten, aus denen Menschen, die einst dort lebten, denen die Wiederkehr und die Nutzung ihres Landes verboten sind, vertrieben wurden, sind Massentourismus, Trophäenjagd, »nachhaltige« Holzwirtschaft, Bergbau und etliche andere Formen der Ressourcenausbeutung gängige Praxis.

In Afrika und Asien bedeutet »Naturschutz« heute, nicht anders als im Amerika des 19. Jahrhunderts: Indigene Völker dürfen ihre angestammten Gebiete nicht mehr betreten, Reisende sind jedoch herzlich willkommen. Erstere dürfen sich nicht auf die Jagd begeben, aber letzteren ist die Trophäenjagd ausdrücklich erlaubt. Indigenen Gemeinden ist es untersagt, die Ressourcen zu nutzen, die sie zum Überleben benötigen, aber die Mehrheitsgesellschaft findet immer einen Grund, ihren Hunger nach Rohstoffen zu rechtfertigen. Sei es der Holzabbau für schicke Loungemöbel, die Förderung von Edelmetallen für das neueste technische Spielzeug oder die Rodung der Regenwälder, um Weideflächen zu gewinnen.

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Touristen beobachten Tiger im Nationalpark Bandhavgarh in Indien

Abwälzen von Verantwortung

Auch bei der Verantwortlichkeit für die Klimakrise und deren Bewältigung werden rassistische Ressentiments deutlich. Die Klima- und Biodiversitätskrise soll durch Schutzgebiete in Afrika und Asien abgeschwächt werden, wobei die eigentlichen Verursachenden im globalen Norden leben. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Entwicklungsorganisation Oxfam kritisiert, dass die Ärmsten den Preis für den Konsumrausch einer Minderheit zahlen. Während die wohlhabendsten zehn Prozent mehr als die Hälfte des globalen CO2-Ausstoßes verantworten, entfallen nur sieben Prozent auf die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dass die Auswirkungen der Klimakrise besonders die Länder des globalen Südens treffen, ist bekannt und zeigt, wie ungerecht die Forderung nach »Schutzgebieten« gerade in diesen Teilen der Erde ist.

Die Idee, dass indigene Völker sich nicht um ihre eigene Umwelt kümmern können, ist nichts anderes als kultureller Imperialismus. Dabei gibt es reichlich Beweise aus aller Welt, dass der Naturschutz dort um ein Vielfaches besser gelingt, wo die Landrechte der indigenen Bevölkerung gewahrt und geschützt werden.

Zum Beispiel haben die Politikwissenschaftlerinnen Ella Bayi und Kathryn Baragwa­nath in einer Studie Satellitenbilder von Brasilien über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren untersucht. Sie kommen zu dem Schluss, dass in Gebieten, in denen Indigene die vollen Eigentumsrechte besitzen, deutlich weniger abgeholzt wird als in vergleichbaren Gebieten. Ihren Ergebnissen folgend ist es am zielführendsten und günstigsten, wenn indigene Völker geschützt werden. Dies sichert nicht nur ihr Überleben, sondern schützt auch den Regenwald.

In einem Bericht aus dem Jahr 2018 fasste Victoria Tauli-Corpuz, Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die Rechte indigener Völker, die wissenschaftlichen Erkenntnisse folgendermaßen zusammen: »Wenn Bulldozer oder Parkranger die indigene Bevölkerung aus ihrer Heimat vertreiben, dann ist das mehr als eine menschenrechtliche Krise, es schadet der gesamten Menschheit. Indigene Völker (…) erreichen in geschützten Gebieten mindestens gleichwertige Ergebnisse beim Erhalt der Artenvielfalt und dem Naturschutz wie Schutzgebiete – bei einem Bruchteil der Kosten. Das bedeutet, dass es keine effizientere Methode gibt die Wälder zu schützen, als in die indigenen Völker zu investieren.«

Siedlungsgebiete von Indigenen vereinen in sich rund 80 Prozent der weltweiten Biodiversität. Die indigenen Gemeinschaften kommen nahezu ohne finanzielle Mittel aus und können alles, was sie zum Leben benötigen, aus ihrer direkten Umgebung beziehen. Ihr umfangreiches Wissen über Pflanzen und Tiere erlaubt es ihnen, größtenteils autark zu leben und sich durch die Jagd, das Sammeln von Früchten und Beeren und Subsistenzwirtschaft zu versorgen. Seltene Tier- und Pflanzenarten haben hier die Möglichkeit zu überleben, während genau die Menschen, die diese Gebiete zum Zwecke des »Naturschutzes« an sich reißen, andernorts etliche Spezies ausgerottet und Ökosysteme zerstört haben.

Niemand, der sich ernsthaft für unseren Planeten engagiert, darf die Form des Naturschutzes unterstützen, die mit der Ermordung Indigener und der Zerstörung ihrer Gemeinden einhergeht. Es ist an der Zeit, zu erkennen, dass der Schutz unserer Erde untrennbar mit dem Kampf schwarzer Menschen um ihre Land- und Menschenrechte verbunden ist.

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